Winterthur

Dem Zahlensalat fehlen die Zutaten

Da der Stadtstatistiker nur in einem Teilpensum angestellt ist, lassen sich Entwicklungen statistisch nur oberflächlich aufarbeiten. Das berge die Gefahr, dass sich der Stadtrat sich selektiv Zahlen zurechtlege, die seine politische Agenda stützten, meint eine Kritikerin.

Dass in Winterthur viel gebaut wird, wie hier in Neuhegi, ist klar. Doch für eine detaillierte Analyse zur Entwicklung des lokalen Wohnungsmarktes fehlen der städtischen Fachstelle Statistik die Ressourcen.

Dass in Winterthur viel gebaut wird, wie hier in Neuhegi, ist klar. Doch für eine detaillierte Analyse zur Entwicklung des lokalen Wohnungsmarktes fehlen der städtischen Fachstelle Statistik die Ressourcen. Bild: Marc Dahinden

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Letzte Woche hat der Stadtrat eine Bilanz zu seiner Wohnpolitik gezogen. Ein Balkendiagramm über eine Zeitreihe von zehn Jahren zeigt es auf einen Blick: Im mittleren Preissegment wurden stets deutlich mehr Wohnungen gebaut als im höheren (siehe Bild). Ergo, so folgerte der Stadtrat, müsse man das Angebot im Luxus-Segment vergrössern. Das Beispiel zeigt: Statistik kann ein wichtiges Informationstool sein, für die Regierung, aber auch die Verwaltung. Mit 60 Stellenprozenten ist die städtische Fachstelle Statistik personell allerdings eher schwach besetzt. Im Rahmen der letzten zwei Sparprogramme wurde sie zeitweise auf 0,4 Stellen gekürzt. Zum Vergleich: Bei der Stadt Zürich sind es 26 Vollzeitstellen. Natürlich sollte man – wie in der Statistik – Äpfel (Zürich, als Kantonshauptstadt) nicht mit Birnen (Winterthur) vergleichen. Dennoch führte die Kürzung zu einem klaren Leistungsabbau (siehe Kasten).

Dass es sinnvoll wäre, mehr Daten zu sammeln und auszuwerten, um die städtische Wohnpolitik analysieren zu können, findet auch Mark Würth, der Leiter Stadtentwicklung: «Über die Erhebung der Bestandesmieten erhielte man zum Beispiel einen flächendeckenden Überblick über das Mietzins-Niveau.» Während in Winterthur die Mietpreise aus Spargründen nicht mehr erhoben werden, hat Zürich seinen Mietpreisindex bis August 2017 nachgeführt.

Aussagekräftiger würde eine Wohnbau-Bilanz gemäss Würth zudem auch, wenn die genaue Anzahl Haus-Abbrüche berücksichtigt würde. Die Stadt Zürich hat derzeit 13 Auswertungen zur Wohnbautätigkeit online aufgeschaltet, unterteilt nach Quartier. Daraus lässt sich mitunter lesen, welche Quartiere derzeit am schnellsten wachsen, Altstetten und Albisrieden. Auch für den Vergleich der Schweizer Grossstädte kann Winterthur keine Zahlen mehr liefern, das Thema des neusten «City Statistics»-Papers: «Wohnen in den Städten: ein Vergleich der grossen Kernstädte und ihrer Agglomerationsgürtel».

Mehr Geld für Stichproben?

Ein weiteres Thema, bei dem die lokale Statistik-Fachstelle gerne Zahlen nachfassen würde, ist die Beschäftigung. Hier muss man sich jeweils mit zwei Jahre alten Jahreszahlen begnügen. Sinnvoll, so Würth, wären jedoch Quartalszahlen und grössere aktuelle Stichproben. Hierfür werde man tatsächlich auch mehr Mittel beantragen, nicht aber generell für den Bereich Statistik. Nota bene sind unter dem Dach der Stadtentwicklung auch die Quartierentwicklung und Integrationsförderung angesiedelt, und in den nächsten Jahren bleibt das Budget wohl bei rund 3,4 Millionen Franken eingefroren.

Die Präsidentin der Aufsichtskommission und Kandidatin fürs Stadtpräsidium Annetta Steiner (GLP) sieht derzeit jedenfalls keine akuten Engpässe bei der Stadtstatistik. «60 Prozent sind sicher ein knappes Pensum. Um abschätzen zu können, ob das reicht, bräuchte es eine Auslegeordnung, was für Winterthur für welche Zwecke wichtig ist.» Sie habe bisher weder aus der Verwaltung noch aus dem Gemeinderat Signale erhalten, dass dringender Handlungsbedarf bestehe. AL-Gemeinderätin Katharina Gander vom lokalen Mieterverbandes wiederum findet: «Gerade bei der Wohnpolitik bräuchte es mehr Zahlen, um verschiedene Entwicklungen aufzeigen zu können, zum Beispiel, wie sich der Wohnbau sozio-demografisch auf gewisse Quartiere auswirkt.»

Statistik für die Agenda?

Im Rahmen des Sozialmonitorings verfolgt eine städtische Arbeitsgruppe, wie sich mögliche Problemquartiere entwickeln, auch über den sozialen Belastungsindex, den die Fachstelle berechnet. Das Monitoring findet alle vier Jahre statt, das nächste Mal 2018. Gander bleibt dennoch kritisch. Sei die Fachstelle Statistik unterbesetzt, bestünde die Gefahr, dass vor allem Statistiken gemacht würden, die der politischen Agenda des Stadtrates nützten – wie aktuell beim Wohnpolitik-Papier, wo der Mangel an teuren Liegenschaften mit Zahlen untermauert werde. ()

Erstellt: 09.10.2017, 19:43 Uhr

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