Afro-Pfingsten

Der Maestro verneigt sich vor den Frauen

Mit Mory Kanté stand an der African Night in Reithalle einer der ganz grossen Griots auf dem Programm, der sein neustes Album den Frauen gewidmet hat. Auch bei der Vorband waren sie es, die auf der Bühne den Ton angaben.

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Kühl, ruhig und leergefegt ist die Altstadt am Sonntagabend. Die letzten Regenflecken auf dem Pflaster verschwinden nur langsam: Davon, dass es die Altstadt wenige Stunden zuvor noch leuchtete, es wuselte und trommelte, hier nach frittierten Kochbananen duftete und dort nach Maffe, Erdnusseintopf mit Huhn, zeugen einzig noch ein paar Markierungen am Boden für die Marktstände. Doch bis zur rettenden «Oase» ist es nicht weit. Auf dem Vorplatz der Reithalle herrscht Quartierfest-Stimmung mit Festbänken, Essensständen und einem Platzkonzert von Lao Kouyate, ein Meister der Kora (Stegharve) und dazu einlädt, mit geschlossenen Augen mitzuwippen, während sich drinnen ein Kollektiv wie ein langersehntes Donnergrollen ankündigt, an dieser «African Night»: Das Benin International Musical.

Voodoo-Crossover-Trip-Pop

«Voodoo-Rhythmen und traditionelle Lieder, gemischt mit elektronischen Melodien im sehr speziellen Beninischen-Stil mit Trip-Pop-Grooves, Hip-Hop und Rock-Elementen», was im im Programmheft angekündigt war, wird auf der Bühne eingehalten. Das Kollektiv, getragen von den zwei Frontfrauen Amessiamey und Nayel Hoxo, heizt gut ein, stolz und stark, zwischenzeitlich mit einem Trommelfeuer aus Sprechgesang, gefolgt von verzerrten Gitarren-Riffs. «Hands up!», und die Hände gehen in der knapp gefüllten Halle in die Luft.

Beim Benin International Musical sangen die beiden Frontfrauen nicht nur, sie rappten auch.

Es folgen Pop-Hymnen zum mitsingen oder -summen, dann wieder Perkussions-Einlagen zum mit- und rausschütteln. Eine Frau mit langer blonder Mähne tut es in der ersten Reihe wie in Trance. Auch der Rest geht mit.

Doch es fällt schon auf: Weiss und Ü50 ist das meiste Publikum hier, in gemütlicher Feierlaune, viele mit zufriedenem Lächeln im Gesicht. Schon bei der Carribean Night am Abend zuvor war es so. Die Jungen drängten in den Greenklub und das Albani, die beide zum Bersten voll waren. Sind es die Preise (65.-) für die Hauptkonzerte, die abschrecken? Daniel Bühler, der die Afro-Pfingsten jahrelang organsiert und mitgeprägt hat, zuckt leicht entnervt, leicht ratlos die Schultern. Bei Rammstein, ja, da strömten die Massen wiieder: «World Music bieten sich keine grossen Plattformen, leider auch in den Medien nicht.»

«Mütter der Menschheit»

Gekommen sind an diesem Abend die meisten für einen Altstar des Griot (französisch ausgesprochen «grio»): Mory Kanté, der 69-jährige Troubadur aus Guinea, der mit «Yeke yeke» vor über 30 Jahren einen Welt-Hit gelandet hatte, der im Jahr 2000 als Soudtrack des Films «The Beach» von Leonardo di Caprio nochmals in die Clubs spielte. Doch Kanté und seine 10-köpfige Band zeigen, dass sie tatsächlich mehr sind als ein One-Hit-Wonder, wechseln zwischen Reggae-Tunes und scharfen Rhythmen, angepeitscht von stürmischen Bläsersätzen, bevor Kanté im Sitzen wieder auf der Kora oder einer Laute in sich versunken eine verträumte Melodie zupft.

Die Bühne dominieren erneut zwei Sängerinnen. Und die Ansage für den Titel-Track seines neusten Albums, in der sich Kanté dem Publikum für einmal etwas länger zuwendet, ist im Grunde auch an die beiden gerichtet: «La Guinéenne», eine demütige Hommage an die Frauen, die «Mütter der Menschheit»: «Sie ernähren uns, sie ziehen uns auf, sie arbeiten für uns und sie lehren uns» - «Mama Africa!», schreit ein Mann, Kanté gibt lächelnd einen Gruss zurück. Mit Marema aus dem Senegal und der Ghanaerin Wiyaala (auch bei der Frauenband GRRRL dabei) standen unter dem Motto «African Women Power» prägten am Montag zwei starke weibliche Stimmen das Line-up, zogen.

Mit «Yeke yeke» lassen Mory Kanté kurz vor Mitternacht ihr Konzert ausklingen, nachdem sie die Reithalle zuvor nochmals zum Kochen gebracht hatten: mit improvisierten Tanzeinlagen, für die sie auch das Publikum auf die Bühne geholt hatten.

Mory Kantés Abschiedsgruss an das Winterthurer Publikum: Sein Hit «Yeke yeke».

Erstellt: 10.06.2019, 17:20 Uhr

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