Winterthur

«Die frühere Arbeiterstadt Winterthur wird nicht einfach so zur Goldküste»

Dass Winterthur wächst, sei doch ein schönes Zeichen, sagt Mark Würth, der Leiter der Stadtentwicklung. Er plädiert dafür, die Stadt nicht als abgeschottete Insel zu betrachten.

Die Grossstadt Winterthur zählt bald 110 000 Einwohner: Menschen flanieren in der Marktgasse.

Die Grossstadt Winterthur zählt bald 110 000 Einwohner: Menschen flanieren in der Marktgasse.

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Winterthur erreicht demnächst 110'000 Einwohner. Erst vor ­sieben Jahren hat man die 100 000. Einwohnerin gefeiert. Man wollte doch das Wachstum begrenzen. Gelingt das?
Mark Würth: Die Bevölkerungszunahme zu begrenzen, ist natürlich schwierig. Das tönt nach etwas, was man aktiv beeinflussen kann. Solange es aber im Zonenplan Bauland­reserven hat, sind der Stadt die Hände gebunden. Sie kann allerdings auf städtischem Gebiet steuern. Und das Wachstum schwächt sich tatsächlich ab. Es ist auf gut tausend zusätzliche Einwohner jährlich zurückgegangen.

Trotzdem ist die Bevölkerung in Winterthur in den letzten fünf Jahren verglichen mit anderen Grossstädten der Schweiz am stärksten gewachsen. Wieso?
Winterthur ist sehr attraktiv, gerade für Familien. Der Wohnraum hier ist verglichen mit dem Rest des Kantons relativ günstig und dennoch gibt es alle zu einer Stadt gehörenden Annehmlichkeiten.

Wo wächst Winterthur?
Zum einen in den Umstrukturierungsgebieten wie der Sulzer-Stadtmitte oder Neuhegi-Grüze. Aber auch am Stadtrand, wo es noch unbebaute Flächen gibt: Zinzikon, Seen, Wülflingen und Dättnau. Zudem wurde in Bahnhofnähe viel erneuert.

Was sind positive Folgen einer grösseren Einwohnerzahl?
Mehr Einwohner führen natürlich zu grösserem Angebot und grösserer Vielfalt in vielen Bereichen, etwa bei den Läden, bei der Kultur. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass das Wachstum eigentlich eine Folge von Attraktivität ist und nicht deren Ursache.

Gibt es auch positive Auswirkungen für die Wirtschaft?
Das Wachstum generiert direkt Arbeitsplätze, zum Beispiel im Detailhandel oder in der Bildung. Zudem ist die gesamte Konsumnachfrage höher.

Die Schere zwischen der Anzahl Arbeitsplätze und der Einwohnerzahl ist aber weit offen.
Diese Schere ging vor Jahren auseinander, das Verhältnis entwickelt sich jetzt wieder paralleler, auch wenn es den alten Wert noch nicht erreicht hat. Mehr Arbeitsplätze zu schaffen, ist aber mit ein Legislaturziel des Stadtrats, soweit das in seinen Möglichkeiten liegt. Mit der Verabschiedung der Impulsstrategie Wirtschaft will er dies auch konkret umsetzen.

Vor zehn Jahren wollte der Stadtrat bewusst gute Steuerzahler nach Winterthur holen. Wenn man heute die finanzielle Si­tua­tion anschaut, ist die Stadt damit wohl gescheitert.
Es ist unmöglich, innerhalb von zehn Jahren das Rad herumzudrehen. Und Winterthur war nun mal eine Arbeiterstadt und wird nicht einfach so zur Goldküste, und das soll sie auch nicht. Damals hat man zum Beispiel beim Zeughausareal Wohnungen für gute Steuerzahler bauen wollen. Meiner Meinung hätte das an dieser zen­trumsnahen Lage auch Sinn gemacht. Aber hierzu haben die Stimmbürger sich knapp dagegen geäussert.

Winterthur hat im Vergleich mit anderen Grossstädten prozentual eher viele Kinder, was viel kostet. Wäre es sinnvoll, eine Politik zu betreiben, die weniger Familien anzieht?
Das ist bestimmt weder politisch noch gesellschaftlich erwünscht. Es ist doch ein schönes Zeichen, wenn eine Stadt für Familien attraktiv ist und diese bewusst Winterthur als Wohnort wählen. Das bedeutet doch Lebensqualität. Und hierbei nur an die Finanzen zu denken, dünkt mich eine sehr kurzfristige Denkweise. Leute, die in Winterthur aufgewachsen sind oder hier studiert haben, kommen eventuell wieder zurück oder bleiben hier. Meiner Meinung nach sollte eine Stadt möglichst vielseitig sein.

Kann die Stadt das Wachstum beeinflussen?
Die Stadt kann Land kaufen und damit gezielt auf gewisse Entwicklungen Einfluss nehmen. So kann sie bewusst gewünschte Nutzungen fördern, etwa Studenten- oder Alterswohnungen. Die Stadt Biel beispielsweise hat das in den letzten Jahren sehr gezielt getan. In Winterthur habe ich hingegen oft das Gefühl, dass die Stimmbürger und die Politiker sich gegen einen Landerwerb der Stadt sträuben. Wieso das so ist, ist für mich nicht ganz nachvollziehbar.

Das Bevölkerungswachstum ist rückläufig. Ist es das Ziel, überhaupt nicht mehr zu wachsen?
In der Wirtschaft braucht es Wachstum, um vorwärtszukommen. Unsere Gesellschaft ist von diesem Gedanken stark geprägt. Von daher denke ich nicht, dass es für Winterthur ideal wäre, wenn man sich ein Nullwachstum zum Ziel machen würde. Das würde ein Signal aussenden, das weit­reichende Auswirkungen haben könnte. Firmen würden hier dann wohl nicht investieren, Läden keine Filialen mehr eröffnen wollen. Solche Trendwenden müssten gesamtgesellschaftlich in Angriff genommen werden. Dazu ist der – ökologische – Leidensdruck aber noch zu klein.

Die Obergrenze ist im Richtplan bei 125 000 Einwohnern festgesetzt, was in etwa zehn Jahren sein könnte. Was passiert, wenn diese erreicht ist?
Das ist nun sehr hypothetisch. Es gibt aber verschiedene Möglichkeiten, wie Winterthur danach weiterwachsen kann. Man verdichtet weiter im bestehenden Siedlungsgebiet. Allenfalls sinkt der Wohnflächenbedarf pro Person. Hier findet bereits jetzt ein Umdenken statt, die Fläche pro Person geht zwar noch nicht zurück, steigt aber auch nicht mehr. Und je nachdem wie sich die Wohnungspreise entwickeln, werden kleinere Wohnungen beliebter.

Gibt es weitere Möglichkeiten?
Es gilt bei langfristigen Strategien immer auch über die Gemeindegrenzen hinauszuschauen. Man darf bei diesen Fragen Winterthur nicht einfach als abgeschottete Insel anschauen. Dies muss aber in Zusammenarbeit mit den umliegenden Gemeinden und der Region geschehen.

(landbote.ch)

Erstellt: 28.08.2015, 12:03 Uhr

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