Winterthur

Gastgeberin von 13 Faustball-Gauchos

Die Argentinierin Helga Segui lebt in einem kleinen Reihenhaus – und hat dort die argentinische Faustball-Nati einquartiert.

Die argentinische Faustball-Nationalmannschaft lässt ihre Gastgeberin Helga Segui hochleben.

Die argentinische Faustball-Nationalmannschaft lässt ihre Gastgeberin Helga Segui hochleben. Bild: Madeleine Schoder

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Die Hitze liegt bleischwer über dem Eichliacker-Quartier, am Freitagnachmittag in Töss. Auf den leer gefegten Strassen herrscht Totenstille, es scheint, als hätten sich die Bewohner in ihre Häuser zurückgezogen. Und hier, fragt man sich, in diesem unauffälligen kleinen Reihenhaus hat sich soeben die gesamte argentinische Faustball-Nationalmannschaft einquartiert, bei Helga Segui, die schon fast 30 Jahre hier lebt? Die Truppe sitzt bei über 30 Grad Celsius am Tisch unter einem grossen Sonnenschirm. Auch hier herrscht Siesta-Stimmung. Trainer Pablo Parra zieht gemächlich an seiner Bombilla, dem Metallröhrchen, mit dem man den Mate-Tee aus der typischen kleinen Kalebasse trinkt. Das argentinische Nationalgetränk hält wach und ist gleichzeitig ein heimeliges Ritual, auf das die Argentinier auch auf Reisen nicht verzichten.

Eine Niederlage, aber auch ein moralisch wichtiger Sieg

Die Equipe ist schon seit dem 1. August im Land. Nach einem Vorbereitungsturnier in Jona SG (und einem moralisch wichtigen Sieg gegen Chile) und einer klaren Niederlage gegen die Schweiz beim Testspiel in Wigoltingen TG, starten die Argentinier ohne Allüren in die Faustball-Weltmeisterschaft, die am Sonntag auf der Schützenwiese beginn. «Vielleicht bis ins Halbfinal?», sagt der Routinier und Captain Federico Fritz und schaut fragend in die Runde. «Was? Ihr holt den Titel!», entgegnet ihm Helga Segui, nickt und klopft auffordernd auf den Tisch. Realistisch, das weiss auch sie, ist der fünfte Platz, wie an den letzten Turnieren. 2006 war bereits das Frauenfaustball-Team bei ihr zu Hause zu Gast, als die WM in Jona stattfand. Das hat sich der damalige Trainer gemerkt – und 13 Jahre später erneut bei ihr angeklopft. Ihr, die selbst für die argentinische Nati aufgelaufen war, als sie noch in Buenos Aires wohnte. In Winterthur spielte sie später beim BSV Ohringen auf.

Faustball ist in Argentinien eine ausgesprochene Randsportart, in die man meistens über die Familie und manchmal über Freunde reinrutscht. Über den Grossen Teich gebracht haben die Sportart deutsche Auswanderer. Genser, Fritz, Reihle: Auch die Spielernamen der Mannschaft deuten an, wo die Wurzeln liegen. Brasilien und Chile stellen ebenfalls Nationalmannschaften. Doch echte Rivalität, wie etwa im Fussball, gibt es zwischen den Ländern nicht. «Dafür sind wir als Sportart zu klein. Man kennt sich und wir halten zusammen», sagt Parra, der Trainer.

(In-)offizieller Sponsor: Schwimmschule Winterthur

Entsprechend war es auch für Helga Segui selbstverständlich, als Gastgeberin einer 13-köpfigen ihr unbekannten Truppe zuzusagen. Ihre Zwillingstöchter hat sie dafür kurzerhand ausquartiert. Pragmatisch handhabte sie es auch beim Einrichten. «Drei Matratzen pro Zimmer und im Estrich hat es auch noch Platz. Und nein, gekocht wird auch nicht jeden Tag. Und falls ich Unterstützung brauche, darf ich ungeniert bei den Nachbarn fragen.» Keine Spur von Nervosität bei Helga Segui. Todo tranquilo. Unterstützung bekommt die Albiceleste (Weiss-Blau) auch von der Schwimmschule Winterthur, wo Segui seit über zwanzig Jahren unterrichtet. Nebst 100 Flaschen Mineralwasser gab es auch einen «Batzen für das Nötigste».

Als Gastgeberin ebenfalls eine Teamstütze: Helga Segui und die argentinische Faustball-Nationalmannschaft. Foto: Madeleine Schoder

Nach Winterthur gebracht hat Helga Segui die Liebe. Ihr damaliger Mann arbeitete für den Tössemer Textilmaschinenhersteller Rieter. Sie ist gut vernetzt, war lange im Quartierverein aktiv und hilft heute noch als Assistenz-Lehrerin an der Michaelschule mit, der Heilpädagogischen Schule Winterthur. In den dreissig Jahren, in denen sie hier lebe, habe sich die Stadt stark verändert, positiv, wie sie findet: «Die Leute sind offener geworden, gerade die Jungen. Die Stadt lebt mehr.» Beste Gelegenheit, dies ihren 13 Gästen unter Beweis zu stellen, sind die Musikfestwochen. Seguis Tochter tritt die mit ihrer Garage Rock-Band No Me Coman am Abend auf der Steinberggasse-Hauptbühne auf. «Dahin nehme ich die Jungs natürlich mit», sagt sie. Diese sind inzwischen etwas aufgetaut. Angesprochen auf das Auftaktspiel gegen Rekordweltmeister Deutschland, heisst es nun: «Los pelamos!», die schlagen wir. Denn, angesprochen auf die Stärke des Teams: «Tenemos garra!». Wir haben Charisma. Aufgeben ist keine Option. «Doch letzten Endes sehen wir das Ganze als schöne Reise, auf der man alte Bekannte wieder trifft», sagt Trainer Parra und nimmt noch einen Schluck Mate-Tee.

Eine schöne Reise, bei der man nach wie vor auch die eigene Heimat gerne feiert. Am Donnerstag ist in Helga Seguis Vorgarten ein grosser «asado argentino» geplant, bei dem auch die Nachbarn eingeladen sind: Ein Grillfest, bei nicht nur ein paar Würste, sondern Fleisch in rauen Mengen aufgetischt wird.

Die zwei Nationalspieler Argentiniens Federico Fritz und Tomas Cravero, sowie Trainer Pablo Parra stellen sich vor.

Erstellt: 09.08.2019, 21:18 Uhr

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