Winterthur

Mehr heisse Luft statt pralle Pneus in der «Velostadt»

Während einige Städte öffentliche Velopumpen wegen der Nachfrage längst installiert haben, wurde die Idee in Winterthur wieder verworfen. Die «Velostadt» werde langsam abgehängt, meint ein Kritiker.

Die Stadt Zürich hat zwischen 2010 und 2013 ein Netz aus 38 öffentlichen Velopumpstationen eingerichtet. Bern, St.Gallen und Luzern sind inzwischen nachgezogen.

Die Stadt Zürich hat zwischen 2010 und 2013 ein Netz aus 38 öffentlichen Velopumpstationen eingerichtet. Bern, St.Gallen und Luzern sind inzwischen nachgezogen. Bild: hit

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In der Stadt St.Gallen sind es 2, in Bern 9, in Luzern 11, in Zürich 38, nur in der «international herausragenden Velostadt», wie Tourismus Winterthur sie preist, fehlen sie: öffentliche Velopumpstationen. Postiert sind solche in Zürich neben zentralen Velostationen, aber auch an gut befahrenen Fahrradrouten am Stadtrand. Grün leuchtend erinnern einen die kleinen Säulen daran: «Luftdruck bei sieben Bar halten, sonst drohen Löcher oder eine Acht im Rad». Solche fängt sich schnell ein, wer mit halbvollen Pneus eine schärfere Kante fährt, erst recht, wenn er mit dem Rennrad unterwegs ist fährt.

2200 Franken pro Pumpe

Das Tiefbauamt der Stadt Zürich hat sein Velopumpen-Netz zwischen 2010 und 2013 aufgebaut. Einerseits als Massnahme der städtischen Mobilitätsstrategie. «Aber auch die Nachfrage in der Bevölkerung dafür war gross», sagt Sprecher Stefan Hackh. Die Kosten beliefen sich auf rund 2200 Franken pro Stück, 1800 für die Pumpe, 400 für die Installation. In Bern, St.Gallen und Luzern bewegten sich die Kosten im ähnlichen Rahmen. Ein Winterthurer Netz mit zehn Zürcher-Pumpen würde demnach rund 22 000 Franken kosten, dazu kämen rund 2500 Franken für Wartung und Kontrolle pro Jahr, ein Erfahrungswert aus Luzern. Meist seien es Ventile, Dichtungsringe und Schläuche, die ausgewechselt werden müssen. «Vandaliert wird praktisch nicht», sagt Martin Urwyler vom städtischen Tiefbauamt.

In Winterthur, mit seinem rund 175 Kilometern an Velowegen, wurde die Installation öffentlicher Pumpen durchaus schon diskutiert. Nicht allein Kosten und Aufwand waren entscheidend, warum das Projekt nie ins Rollen kam, wie es beim Departement Bau heisst. Es gäbe zig Möglichkeiten sein Velo zu pumpen, in Velostationen und -läden, Tankstellen oder der eigenen Firma etwa (wie dem Superblock) etwa. Und zudem appelliere man «bei der Luftversorgung von Velos auch an eine gewisse Eigenverantwortung und Selbstversorgung.» Fazit: Beim Veloverkehr gebe es wichtigere und dringlichere Aufgaben.

«Nice to have», mehr allerdings nicht

In diese Lied stimmen die meisten Parteien ein, wie eine kleine Umfrage zeigt. Für die SVP und FDP ist klar: Velopumpen sind keine öffentliche Aufgabe, sondern wären angesichts des Spardrucks ein stossendes «Nice-to-have»-Projekt. Selbst die Grünen winken ab. Sinnvoll fände Parteipräsident Reto Diener solche Pumpen lediglich rund um den Hauptbahnhof. GLP und SP schlagen eine abgespeckte «typische Winti-Lösung» vor. «Ich könnte mir ein Projekt vorstellen, bei dem man die Veloläden miteinbeziehen und mit pauschalen Beiträgen unterstützen würde», sagt SP-Co-Präsident Christoph Baumann. Konsequent velofreundlichsten zeigt sich einzig die EVP um Fraktionsvorsteherin Lilian Banholzer: «Wir würden ein solches Velopumpennetz sehr unterstützen. Es wäre ein Gewinn für jeden, der täglich mit dem Velo unterwegs ist.» Die Kostenobergrenze sähe sie bei etwa 15 000 Franken. Das würde für sieben Zürcher-Pumpen reichen. Gute Standorte wären für Banholzer ebenfalls der HB, aber auch der Graben in der Altstadt. Im Gemeinderat waren Velopumpen bereits im März ein Thema.

Renata Dürr (Grüne) wollte damals in der Fragestunde wissen, wo es in der Stadt 24/7-Alternativen zu jener Pumpe gebe, die beim früheren Hauptsitz der Axa-Winterthur inzwischen wegeräumt worden sei. Baustadtrat Josef Lisibach (SVP) verwies als Antwort auf die Pumpstationen in den Velostationen beim HB – und drückte ihr bei der Gelegenheit eine mobile Velopumpe in die Hand, als nette Geste. Die Prioritäten sind bei der städtischen Verkehrsplanung definitivanders gelagert.

«Weg mit den Sturzfallen!»

Konkret nennt Baudepartementssekretär Lukas Mischler drei Schwerpunkte beim Langsamverkehr:

- Genügend Veloparkplätze rund um den Hauptbahnhof.

- Das Schliessen von Lücken bei den Velowegen.

- Und die Umsetzung des Velobahnnetzes.

Bei den Velobahnen (siehe Kasten) appelliert Kurt Egli vom Verein Pro Velo Winterthur an den Stadtrat, entschlossener voranzugehen und keinen Flickenteppich zu schaffen. Priorität hat für ihn allerdings, dass die Stadt falsch gebaute Trottoirüberfahrten oder kaum sichtbare Absätze rasch abbaue, wie die «Sturzfalle» bei der neuen Gleisquerung der Zürcherstrasse. Dort stürzten bereits mehrere Fahrer, als sie beim Überholen die wenige Zentimeter hohe Kante zwischen den Fahrbahnen streiften, wie der «Stadi» berichtete. Künftige Lösung: neue besser sichtbare Fahrbahntrenner.

Zur Nachfrage nach öffentlichen Velopumpstationen sagt Egli: «Klar wären diese bloss ‹nice to have›. Aber Winterthur kann sich nicht ewig als Veloparadies rühmen, ohne selbst Neues anzustossen oder zumindest mit anderen Städten mitzuziehen.» Zürich, Luzern, Bern und St. Gallen fuhren bisher jedenfalls alle gut, mit ihren öffentlichen Velopumpen.

Erstellt: 18.11.2016, 21:42 Uhr

Millionen vom Bund

Geplant sind in Winterthur fünf Velobahnen, unter anderem zwischen Oberi und Bahnhof oder Wülflingen und Neuwiesen. Der erste Abschnitt soll 2018 in Neuhegi-Grüze gebaut werden, zwischen Talacker- und ­Else-Züblin-Strasse. Geld für ihr Velobahnnetz erhofft sich die Stadt auch aus Bern. Das nächste Agglomerationsprogramm, in dem sich der Kanton beim Bund um Beiträge für Verkehrs- und Infrastrukturprojekte bewirbt, wird Ende Jahr eingereicht. Winterthur erhofft sich daraus Millionenzuschüsse.hit

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