Die grosse Leere

Die Zeit zwischen den Jahren ist eine gute Zeit. Viele fahren weg, der Druck lässt nach. Sollte trotzdem zu wenig Leere da sein, können wir versuchen, zusätzlich welche zu erzeugen.

Im Flachland kehrt gegen Ende des Jahres Ruhe ein. Auch, wenn der Schnee es noch nicht bis in die Tiefen geschafft hat.

Im Flachland kehrt gegen Ende des Jahres Ruhe ein. Auch, wenn der Schnee es noch nicht bis in die Tiefen geschafft hat. Bild: Archivbild Christian Pfander

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Man muss genau hinhören um sicher zu sein, dass da nichts ist. So still ist es. Hat gerade jemand gehustet auf der anderen Seite der Wand? Kratzt es nicht an der Wohnungstüre? Haben sich etwa die Nachbarn ein Haustier zugelegt? Nein, da ist nichts, nur der Wind und die Autobahn. Es sind ja alle weggefahren. Weihnachten haben sie schon am Wochenende gefeiert, das bot sich dieses Jahr an, dann schnell das ungeduldig zerrissene Geschenkpapier entsorgt, das Geschirr in den Geschirrspüler und ab in den Schnee, also weg, dahin, wo es hoffentlich welchen hat.Man muss es ja schon lange im Voraus planen, wenn man zwischen Weihnachten und Neujahr in die Berge will. Diesmal wird der Schnee auf den künstlich beschneiten Pisten noch schneller sulzig, die Temperaturen sind einfach zu hoch. Da sitzen dann alle beisammen in der Berghütte und essen Älplermagronen, oder sie essen in St. Moritz die Krautpizokel, die «der eingeheiratete Wahlbündner Christian Jott Jenny in der Küche des Hotels Kulm» zubereitet, wie die «Coop-Zeitung» berichtet.

Hier unten im Flachland hat es nun überall mehr Platz. In der Tiefgarage und im Supermarkt, im Café, in den Bussen und am Hauptbahnhof. Der Druck in den Gassen hat nachgelassen, man muss beim Gehen nicht mehr die Arme eng an den Körper anlegen. Die eiligen Besorgungen wurden nach Hause gebracht, dort schlafen sie jetzt. Die Ratlosigkeit hat sich einen Bestseller gekauft, der auf dem Sofa verschlungen wird. Im Fernsehen laufen die grossen Familienfilme, der Spengler-Cup und bald die Vierschanzen-Tournee. Das Einkaufen macht wieder Spass, besonders bei Regen, es ist schön, dass es so viele begehrenswerte Dinge gibt; oft wusste man nicht einmal, dass es sie gibt.

Endlich ist die Leere zurückgekehrt und wir können wieder frei atmen. Sollte sie nicht ausreichend vorhanden sein, können wir versuchen, zusätzlich welche zu erzeugen, das geht am besten, indem wir sie füllen mit sinnvollen Beschäftigungen. Dann dehnt sie sich aus wie ein Ballon. Es empfiehlt sich, die Aufgabe spielerisch anzugehen; durch allzu grossen Ernst wächst der Ballon zu rasch, dann platzt er, und wir müssen von vorne beginnen.

Dies ist die Ausgangslage: Wider Erwarten haben die Gespräche mit Verwandten diesmal die erhoffte Erlösung gebracht von den Schuldgefühlen, die seit der Pubertät auf uns lasten. Unser Problemhaushalt braucht also Nachschub.

Damit könnte es gehen. Wir suchen uns ein neues Problem. Alle helfen mit. Es gibt zwei Spielvarianten: Wir suchen ein gemeinsames Problem oder für jeden Einzelnen ein eigenes. Die zweite Variante hat den Vorteil, dass die guten und weniger guten Eigenheiten der Teilnehmer zum Zug kommen. Die erste hingegen stärkt das Gemeinschaftsgefühl; ist es einmal gefunden, kann das Problem gemeinsam bewirtschaftet werden. Alle Vorschläge werden sorgfältig besprochen, Einkommen und Beziehungsnetz spielen keine Rolle. Dann wird abgestimmt. Vorteil: Wir lernen nebenbei, wie Demokratie funktioniert. Dabei dürfen wir nicht vergessen, für unsere jüngeren Teilnehmer zu erwähnen, dass uns die Wirklichkeit jeden Tag mit Abweichungen überrascht.

Gesättigt vom gesellschaftlichen Austausch, hören wir Musik, zum Beispiel «Planet Caravan» von Black Sabbath, vom Album «Paranoid» von 1970. «Wir segeln durch den unendlichen Himmel», heisst es darin, «die Sterne leuchten wie Augen.» Bassist Geezer Butler sagt dazu: «Wir wollten nicht mit dem üblichen Scheiss über die Liebe kommen.» Stattdessen handle der Song davon, wie man sich mit seiner Liebsten durch das Universum treiben lasse. Man brauche nur mit dem Raumschiff zu den Sternen zu fliegen, um das ultimative romantische Wochenende zu haben. Die Ballade erschien auch als Single, mit dem Song «Solitude» auf der Rückseite: «Die Welt ist ein einsamer Ort, du bist auf dich allein gestellt.» ()

Erstellt: 26.12.2018, 15:08 Uhr

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