Recycling

«Jedes Joghurtdeckeli spart Energie»

Judith Maag schleckt ihre Joghurtdeckeli ab und sammelt das Alu. Aber Salamiverpackungen wirft sie weg. Und sonst?

60000 Tonnen Materialien aller Art gehen jedes Jahr durch den Recycling-Betrieb von Firmenchefin Judith Maag.

60000 Tonnen Materialien aller Art gehen jedes Jahr durch den Recycling-Betrieb von Firmenchefin Judith Maag. Bild: Marc Dahinden

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Gibts in Ihrem privaten Haushalt etwas, das nicht recycliert wird und im Abfall landet?
Ja sicher. Man kann mit dem besten Willen nicht alles stofflich verwerten, und es macht auch nicht alles Sinn. Was bei mir definitiv im Abfall landet, sind Verbund-Kunststoff-Sachen. Salamiverpackungen zum Beispiel, unten die Schale und oben die Folie. Weil ja niemand braune Salami kaufen will, hats dort drin eine UV-Blockschicht. Auch verschmutzte Sachen kommen bei mir in den Abfall, Wattestäbchen zum Beispiel, und der Staubsaugerbeutel sowieso.

Und das gibt dann jede Woche einen Sack voll?
Ich habe einen Ein-Personen-Haushalt, also bloss alle zwei bis drei Wochen einen Sack voll.

«Aus Umweltsicht müssen wir sofort aufhören mit allen Kaffee-Kapelsystemen.»

Was macht man am besten mit einem Joghurt-Deckeli, egal ob Plastik oder Alu? Abschlecken? Abspülen? Warm oder kalt?
Abschlecken würd ich es sowieso, weil ein Joghurt ja lecker ist. Ein Kunststoff-Deckeli kann man in den Abfall werfen, und das Alu-Deckeli kommt zum Alu.

Das lohnt sich tatächlich, ein so kleines Deckeli zu recyclieren?
Definitiv. Jedes Joghurtdeckeli spart Energie. Aluminium ist einer jener Stoffe, bei denen jedes Gramm relevant ist. Man spart über 90 Prozent Energie, wenn man Aluminium recycliert gegenüber Primäraluminium.

Ich weiss beim Entsorgen nie, was zu tun ist mit diesen Säcken, die aussehen wie Alu, aber plastikbeschichtet sind.
Das sind Verbundstoffe, da hats nur sehr wenig Aluminium drin, und der Aufwand, das zurückzugewinnen, ist viel grösser als der Nutzen. Also wegwerfen.

Wohin kommt eine blaue Prosecco-Flasche?
In den Grünglas-Container. Auch die rote Flasche, also alles, was nicht braun oder weiss ist. Das Grünglas ist die am wenigsten wertvolle Glasqualität.

Ist die Energieersparnis beim Glasrecycling ähnlich hoch wie beim Aluminium?
Nein, Alu ist mit Abstand am effektivsten, aber auch beim Glas ist die Ersparnis sehr hoch.

Die Recyclingexpertin über...

Wie schlimm ist es, wenn eine Glasflasche im falschen Container landet? Ist dann der ganze Container quasi verseucht und minderwertig?
Man rechnet grundsätzlich mit einem kleinen Anteil an Fehlwürfen. Darauf sind die Anlagen eingerichtet. Aber es ist natürlich ein grosser Unterschied, ob man eine Anlage hat, um einzelne Fehlwürfe auszusortieren oder um eine gemischte Fraktion zu sortieren. Die meisten Glashütten haben eine Vorbereitungsstufe, wo die Etiketten weggewaschen werden, wo Deckeli und Flaschenverschlüsse entfernt werden, wo das Glas in etwa gleich grosse Scherben gebrochen wird. Dort gibts immer auch eine Farbkontrolle, damit kein blaues Glas im weissen ist.

Wenn ich sie richtig verstanden habe, ist ein Weinverschluss an der Flasche nicht schlimm…
...nein, das wird herausgelesen.

Besser wäre, man nimmts weg?
Sicher, auch Kunststoffdeckel kann man wegnehmen.

Sie geben mir das Stichwort: Kunststoff. Da gibts ja Unterschiede, und als Normalkonsument hat man den Durchblick verloren. Nur schon dies: Pet-Getränkeflaschen bringen wir in die Läden zurück, aber für Öl- und Essigflaschen aus Pet gilt das nicht. Kürzlich war ich in Österreich, da werden alle Kunststoffe in einem einzigen Sack gesammelt. Warum ist das bei uns so kompliziert?
Weil bei uns viel mehr in die stoffliche Verwertung geht. Die Politik in der Schweiz legt sehr grossen Wert auf diese Trennung an der Quelle: Dass man das Glas nicht gemischt sammelt, dass man auch Papier und Karton nicht gemischt sammelt.

Aber was mach ich in der Schweiz mit dem Joghurtbecher? Der Karton rundherum kommt zum Karton, aber wohin mit dem Plastik-Innenteil?
Das ist meist PS, Polystyrol, das ist ein sehr heikler Kunststoff, den man verwerten kann. Aber Wiederverwerten ist erst dann einigermassen ökonomisch, wenn ich X-Tonnen vom selben Material nicht verunreinigt angeboten bekomme.

Für mein Joghurtbecherli mit einigen Gramm Gewicht heisst das: Ab in den Abfallsack?
Genau.

«Als ich hier zu arbeiten anfing, ging es mir an vielen Samstagen richtig schlecht.»

Anderes Beispiel: Ich kaufe die Erdbeeren nicht in der Karton-, sondern in einer Kunststoffschale. Wohin damit?
Das kann PET, PE, PP oder auch aus PS sein. Vier verschiedene Materialien, die in den wenigsten Fällen angeschrieben sind. Da hat man das Problem: In welchen Kübel damit?

Sagen Sie es mir: In welchen?
In den Kehrichtsack, fertig.

Was mach ich mit einem alten Plastikeimer, der ein Loch hat oder keinen Henkel mehr?
In unserem Recyhof vorbeibringen, 40 Rappen zahlen pro Kilo, und ich garantiere, dass er in die stoffliche Verwertung geht, denn solche Eimer sind fast immer PE oder PP. Der Kunststoffmarkt ist nicht sehr ergiebig, aber wenn das Erdöl mal wieder teurer ist, kann man das vielleicht kostenlos anbieten. Aber wir können die Stoffe verwerten.

Was rentiert eigentlich für Ihre Firma von all den Stoffen?
Grundsätzlich sollte alles rentieren, es ist eine Frage der Margen. Ab zehn Kilo zahlen wir etwas für die Nicht-Eisen-Metalle, also beispielsweise für Kupferkabel. Bei Eisen zahlen wir etwas ab 500 Kilo, abhängig vom Marktpreis.

Sie reden vom Gewerbe, ich bringe nie zehn Kilo Kupfer.
Aber vielleicht Geschirr-Zinn, Zinnkannen, Becher, Teller. Ab zehn Kilo zahlen wir gutes Geld. Zinn ist sehr wertvoll.

Sie leben ja davon, dass die Leute alles wegwerfen. Sie müssten also eine Freundin der Wegwerfgesellschaft sein.
Als ich hier zu arbeiten anfing, ging es mir an manchen Samstagen richtig schlecht, weil man locker eine Vierzimmerwohnung hätte einrichten können. Klar, wir hätten weniger Arbeit, wenn wir keine Wegwerfgesellschaft wären. Aber so lange Dinge produziert werden, gibt’s auch Abfälle. Die Tatsache, dass wir eine Wegwerfgesellschaft sind, zeigt ja eigentlich nur, wie unglaublich gut es uns geht. Dafür sollten wir dankbar sein.

Erstellt: 15.07.2019, 14:56 Uhr

Maag Recycling in Zahlen

60000 Tonnen Material jedes Jahr, bis 2500 Kunden pro Tag, 60 Angestellte

Die Firma Maag Recycling wurde 1942 von Judith Maags Urgrossvater gegründet, damals als Industrie-Recyclingbetrieb. Das firmeneigene Gelände in der Grüze umfasst rund 20000 Quadratmeter, der Recy-Hof ist nur ein kleiner Teil davon. Im grösseren Teil wird das angelieferte Material gelagert und vorverarbeitet mit Schrottschere, Ballenpresse, Vorzerkleinerer, Granulator und weiteren Maschinen. Wichtig für das Unternehmen sei der Gleisanschluss zum Bahnhof Grüze, sagt Judith Maag: Beim Eisen gehen rund zwei Drittel per Bahn weg, beim Glas sowie bei Karton und Papier etwa die Hälfte. Rund 60000 Tonnen Materialien aller Art werden pro Jahr umgeschlagen, wovon nur knapp zehn Prozent vom Recy-Hof kommen, also in Kleinmengen. Der grosse Rest kommt von Gemeinden, von der Industrie und vom Gewerbe.

Samstags stauen sich Autos

In der Firma arbeiten fast 60 Personen, mit zwei drei Ausnahmen alle Vollzeit. Die überregional bedeutende Recycling-Firma bietet jährlich zwei Lehrstellen zum Recyclist an und alle drei Jahre eine KV-Lehrstelle. Jeden Samstag und teilweise auch an normalen Wochentagen ist die Hölle los im Recy-Hof: Die Autos stauen sich weit zurück. Mit Parkplatzeinweisern und dank einer Ausfahrt Richtung Bahnhof Grüze lässt sich der Andrang jedoch bewältigen. An Spitzentagen kommen bis zu 2500 Kunden zu Maag Recycling. (mgm)

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