Winterthur

Jugend ohne Job

Während Lehrlinge einen Lohn haben, müssen Kantonsschüler oft bis ins Erwachsenenalter mit Sackgeld auskommen. Eine Umfrage am Rychenberg zeigt: Einen regelmässigen Nebenverdienst hat nur knapp die Hälfte.

Für Gymischüler ist es oft schwierig einen Nebenjob zu finden.

Für Gymischüler ist es oft schwierig einen Nebenjob zu finden. Bild: Marc Dahinden

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Handy, Kleider, Ausgang: Das Leben als Teenager ist nicht billig, auch wenn man noch zuhause wohnt. Um Diskussionen mit den Eltern zu vermeiden, versuchen die Langzeit-Schüler in Gymnasien und Fachmittelschulen seit jeher andere Einkommensquellen zu erschliessen. Doch der klassische Schülerjob ist auf dem Rückzug, wie eine kleine Umfrage unter vier Klassen der Kantonsschule Rychenberg zeigt. Die Mehrheit der Schülerschaft (52 Prozent) hat keine regelmässigen Nebenverdienste.

Mitgemacht an der Umfrage haben insgesamt 86 Schülerinnen und Schüler aus drei Gymasialklasse sowie eine Klasse der Fachmittelschule (FMS). Die Jugendlichen waren grossmehrheitlich zwischen 16 und 18 Jahren alt, also in dem Lebensabschnitt, wo ihre Altersgenossen einen Lehrlingslohn von mehreren Hundert Franken nachhause bringen.

Sind Mädchen fleissiger?

Immerhin: Erste Erfahrungen mit der Berufswelt haben die meisten der befragten Gymnasiasten schon gesammelt. 80 Prozent der Schülerinnen haben in den letzten sechs Monaten eigenes Geld verdient. Bei den jungen Männern ist diese Quote mit 53 Prozent deutlich kleiner. Sind sie weniger engagiert oder gibt es für sie schlicht weniger Jobs?

Ein Blick auf die Rangliste der beliebtesten Nebenjobs deutet auf die zweite Vermutung. Mit 22 Nennungen ist Babysitten der mit Abstand häufigste Nebenjob. Es ist eine reine Frauendomäne, unter den 22 Babysittern befindet sich kein einziger Mann. Der zweithäufigste Schülerjob ist Nachhilfe (acht Nennungen), wobei am Langzeit-Gymi Rychenberg das Latein offenbar hoch im Kurs steht. Dieser Nebenverdienst ist naturgemäss gewissen Schwankungen unterworfen. «Mein Nachhilfeschüler ist leider nach der Probezeit rausgefallen», klagt ein Schüler.

Die Rezepte der Topverdiener

Für einzelne ist die Arbeit nach Schulschluss ein lohnendes Geschäft. Eine 19-jährige Schülerin tippt für das Reisemedizin-Zentrum der Uni Zürich Impfdaten von Patienten ab. Statt 30 Franken Sackgeld hat sie so 330 Franken pro Monat im Portemonnaie. Damit ist sie aber die krasse Ausnahme. Nur sechs der befragten 86 Gymnasiasten geben an, mehr als 200 Franken pro Monat selbst zu verdienen. Zwei der «Grossverdiener» arbeiten an der Migros- oder Landi-Kasse, eine kellnert, einer verteilt Prospekte, eine hütet im Akkord Kinder. Fast drei Viertel der Befragten verdienen dagegen entweder gar nichts, oder weniger als 100 Franken monatlich.

«Keine Ausbeuterscheisse»

Woran liegt’s? «Ich habe keinen Nebenjob, weil ich auch ohne zusätzliches Arbeiten genug zu tun habe, mit Lernen», schreibt eine Schülerin. «In den Ferien will ich mir dann mehr Zeit für meine Freunde und Familie nehmen.» Auch eine andere junge Frau wurde von einer Nachhilfestunde alle zwei Wochen offenbar an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gebracht: «Habe im Sommer aufgehört, da es zu stressig wurde», schreibt sie. Und ein 16-Jähriger gibt sich rebellisch: «Meine Freiwilligenarbeit im Cevi ist sinnvoller als jegliche Ausbeuterscheisse!» Für seine Haltung nimmt er in Kauf, mit 40 Franken Sackgeld pro Monat auskommen zu müssen. Andere bekommen für ihr Engagement einen Zustupf: 300 Franken im Jahr gibt es für zwei Wochenstunden Jugendriege.

Bei vollem Stundenplan und aufwändigen Hobbies erstaunt es nicht, dass die Schüler sich bezahlte Arbeit vor allem in den Ferien vorstellen können. Ein Drittel der Befragten hat im letzten Halbjahr einen Ferienjob gehabt, vom Badikiosk bis zur Fabrikarbeit. Beliebt ist mit fünf Nennungen das Schulhausputzen, auch weil es mit rund 20 Franken Stundenlohn vergleichsweise gut bezahlt ist. «Erreicht durch Vitamin B», gesteht eine Schülerin bereitwillig, und sagt: «Es ist sehr schwer, einen Job zu finden.»

Putzen mit Vitamin B

Oft führt der Weg zum Nebenverdienst über die Familie oder Bekanntschaften. «Weinlese beim Onkel» schreibt eine Schülerin; «Reitlager und Hippotherapie bei der ehemaligen Nachbarin» eine andere. Ein Türöffner können aber auch Hobbies sein. Eine Schülerin schafft es als Windsurf-Instruktorin und Skilehrerin in Davos unter die Topverdiener der Klasse. Nicht jeder Ferienjob ist gleich glamourös: «Eine interessante aber ermüdende Erfahrung», resümiert ein Gymnasiast über eine Woche Weiterbildungsdaten abtippen im Kantonsspital.

Bleibt die Frage, ob die Schüler einen Nebenjob einfach nicht nötig haben, da das Sackgeld bereits üppig genug ausfällt. Die Antwort ist hier schwer zu finden, denn die Streuung ist riesig. Zwischen 0 und 500 Franken bewegt sich der Elternbeitrag, je nachdem ob Posten wie Essen, Kleider, Coiffeur, Schulmaterial oder ÖV-Billette mit eingerechnet sind oder nicht. Manche Regelungen sind recht detailliert: So bezahlt eine Schülerin mit ihren 48 Franken lediglich die «nicht dringend notwendige Kleidung und Kosmetik» und beim Coiffeur das, was übers Haareschneiden hinausgeht. So oder so: Grosse Sprünge liegen kaum drin.

Der Rektor rät ab

Der Rektor der Schule, Christian Sommer, hat seinerzeit übrigens vor allem die Ferien genutzt, um Arbeitserfahrung zu sammeln. «Ich habe jeden Sommer gejobbt, an der Tankstelle, im Velo­geschäft, als Maler oder im Landdienst. Ich würde das sehr empfehlen.» Ferienjobs sind nach Meinung des Rektors auch heute noch «absolut drin». Erwerbs­tätigkeit während der Schulzeit sieht er kritischer: Das Schul­programm sei heute vielfältiger und weniger planbar; es gebe mehr Exkursionen, die Matur­arbeit und viel selbstorganisiertes Lernen. «Zu einem regelmässigen Nebenjob würde ich nur starken Schülern raten, die sehr gut in der Selbstorganisation sind. Und auch dann lieber nur am ­Wochenende. Wir hatten schon Fälle, wo Jobs zu Absenzproblemen führten.» Bei ihm selbst sei das übrigens in der Schulzeit kein Thema gewesen: «Ich hätte schlicht nicht die Zeit gehabt, mir fiel das Lernen eher schwer.»

Erstellt: 04.01.2016, 12:06 Uhr

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