Winterthur

Kontroverse um Aussteller am Veganerfest

Den Organisatoren der Strassenfests Vegan­mania wird ­vorgeworfen, zweifelhafte Aussteller zu dulden. Die Jungen Grünen und eine Künstlerin haben ihre Teilnahme aus Protest abgesagt. Andere sind verunsichert.

Zum vierten Mal findet die Veganmania in Winterthur statt. Verganes Essen ist im Trend. Auch im Kanton Zürich wird erfolgreich Tofu hergestellt, wie etwa in Rüti die Noppa AG.

Zum vierten Mal findet die Veganmania in Winterthur statt. Verganes Essen ist im Trend. Auch im Kanton Zürich wird erfolgreich Tofu hergestellt, wie etwa in Rüti die Noppa AG.

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Diesen Samstag findet auf dem Neumarkt die Veganmania statt, ein Markt mit Essens- und Infoständen für Menschen, die auf tierische Produkte verzichten. Die Organisation Swissveg führt das Festival bereits zum vierten Mal in Winterthur durch.

Deutsche Sekte und umstrittener Tierschützer

Diesmal steht es aber wegen zwei der sechzig Aussteller am Markt in der Kritik: Es handelt sich erstens um den Verein des umstrittenen Tierschützers Erwin Kessler, und zweitens um den «Bliib Gsund»-Versand, welcher der deutschen Sekte Universelles Leben zugerechnet wird.

Die Person Erwin Kessler ruft Kritiker auf den Plan. Kessler ist Präsident des Vereins gegen Tierfabriken (VgT) und wurde 1998 wegen mehrfacher Rassendiskriminierung von der Zürcher Justiz verurteilt; das Urteil ist vom Bundesgericht bestätigt. Grund dafür waren antisemitische Äusserungen Kesslers im Zusammenhang mit der jüdischen Schächtpraxis. 2002 gab das Bundesgericht ausserdem einem Journalisten Recht, der Kessler Kontakte zur Neonazi-Szene unterstellt hatte.

Betriebe gründen und Gewinn abliefern

Dass der VgT nun an der Veganmania präsent ist, stört unter anderem die anonyme Bewegung Indyvegan. Auf ihrer Webseite wirft sie den Veganmania-Organisatoren «Toleranz für Antisemitismus» vor. Die Gruppe prangert ausserdem an, dass der «Bliib Gsund»-Versand einen Verkaufsstand an der Veganmania betreiben darf. Die Firma ist in Deutschland unter dem Label «Lebe gesund!» aktiv und gilt dort als verlängerter Arm der Sekte Universelles Leben (UL).

Der Sektenexperte Georg Otto Schmid sagt: «Wer Mitglied beim UL wird, war zuvor oft Kunde bei einem ihrer Betriebe wie ‹Bliib-Gsund›.» Die Betriebe sind kennzeichnend für die Sekte UL. Laut Schmid werden UL-Anhänger angehalten, Betriebe zu gründen, die im Sinn des UL wirken, und diesem einen Teil des Gewinns zu spenden. Die Stände von «Bliib Gsund» sind an vielen Messen zu sehen, laut Schmid auch schon an der Züspa. Ein anderer Verein, die Vegane Gesellschaft Schweiz, lässt UL nach eigener Aussage an seinen Veranstaltungen nicht zu. Der «Bliib Gsund»-Versand nahm auf Anfrage keine Stellung.

VgT und Veganmania reden von einer «Hetzkampagne»

Veganmania-Organisator Swissveg, ein Verein mit Sitz in Wülflingen, wehrt sich auf seiner Webseite: «An der Veganmania sollen möglichst viele Aspekte des Veganismus aufgezeigt werden. Andere Themen sind nicht Gegenstand dieses Strassenfests.» Man könne nicht bei allen Aussteller überprüfen, was sie ausserhalb der Veganmania täten. Swissveg sehe sich nicht als berechtigt an, «ideologische oder politische Massnahmen zu setzen».

Vereinspräsident Renato Pichler will auf Anfrage nicht näher auf die Vorwürfe von Indyvegan eingehen. Kesslers Verurteilungen seien lange her und hätten mit der Arbeit des VgT an der Veganmania nichts zu tun, sagt Pichler. Er spricht von einer Hetzkampagne von Indyvegan. «Wir akzeptieren andere Meinungen und sind offen für Diskussionen. Diese sind aber nicht möglich, wenn eine Gruppe aus der Anonymität heraus eine Hetze betreibt.»

«Auf dem rechten Auge blind»

Kessler selbst sieht sich als Opfer einer «anonymen Verleumdungs- und Boykottkampagne» einer «linksextremen Hass- und Hetzszene». Indyvegan habe seine Zitate bösartig aus dem Zusammenhang gerissen, schreibt Kessler dem «Landboten». Fragen beantwortet er keine. Kessler verweist darauf, dass der VgT mit 35 000 Mitgliedern eine ausgewiesene, fachkompetente Tierschutzorganisation mit hoher sachlicher Glaubwürdigkeit sei.

Dem «St. Galler Tagblatt» sagte er jüngst: «Zu meinen damals gemachten Äusserungen stehe ich nach wie vor. Sie mögen zwar provokativ sein, sind aber richtig, man muss sie nur richtig lesen.»

Damit gibt sich zumindest die vegane Slam-Poetin und Kabarettistin Gabriele Busse nicht zufrieden. Sie hat ihren Auftritt an der Veganmania abgesagt – «weil ich keine Veranstaltung unterstützen möchte, die auf dem rechten Auge blind ist», wie die Deutsche in einem Facebook-Beitrag festhält. Auf ihre Kritik hin habe Swissveg Kessler mit Verweis auf sein langjähriges Engagement im Tierschutz verteidigt.

Mehrere Absagen aus politischen Gründen

Die Jungen Grünen Kanton Zürich und der veganpolitische Verein Sentience Politics haben ihre Teilnahme an der Veganmania aus denselben Gründen ebenfalls abgesagt. Laut einer gut informierten Person sind viele der verbliebenen Aussteller verunsichert. Teilweise würden sie sogar angefeindet, weil sie die Veganmania nicht boykottierten.

Auch die Vegane Gesellschaft Schweiz fordert vom VgT und von Kessler, dass sie zu den kritisierten Äusserungen «deutlich Stellung beziehen und aktive Vergangenheitsbewältigung betreiben». Die Organisation Tier im Fokus hat kürzlich beschlossen, wegen Kesslers antisemitischen Äusserungen «auf unabsehbare Zeit» nicht mehr mit dem VgT zu kooperieren. Dieser wiederum reagierte mit einer Ehrverletzungsklage gegen Tier im Fokus. (Landbote)

Erstellt: 03.09.2015, 16:47 Uhr

Veranstalter kündigt Kontrollen an

Indyvegan beschreibt sich als Netzwerk von Aktivisten, die sich «für eine emanzipatorische vegane Bewegung und gegen Menschenfeindlichkeit einsetzen». Die Gruppe stammt aus Deutschland und macht jetzt erstmals in der Schweiz auf sich aufmerksam. Ein Tierrechtsaktivist, der anonym bleiben will, gesteht Indyvegan saubere Recherchemethoden zu. Die Gruppe bekämpfe rechtsextreme Ideologien in der Tierrechtsbewegung.

Bei Swissveg dagegen will man sich nicht auf politische Diskussionen einlassen. «Wir haben Meinungsfreiheit», stellt Präsident Pichler klar. «Wir sind keine Gesinnungspolizei.» ­Dennoch kündigt er wegen der Indyvegan-Vorwürfe Konsequenzen an. An der Vegan­mania werde es Kontrollen bei den Ausstellern geben, sagt Pichler. Wer rassistische oder menschenverachtende Inhalte verbreitet, werde vom Platz verwiesen.

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