Winterthur

Magnusson und die Wette auf den Tod

Eine unzufriedene Kundin brachte FDP-Gemeinderat Christoph Magnusson einen unfreiwilligen Auftritt im «Kassensturz» ein. «Sie hat keinen Cent verloren», beteuert er, und fühlt sich vom Fernsehen ungerecht behandelt.

Seit 21 Jahren Finanzberater, für die FDP seit 2011 im Gemeinderat: Christoph Magnusson.

Seit 21 Jahren Finanzberater, für die FDP seit 2011 im Gemeinderat: Christoph Magnusson. Bild: Donato Caspari

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Der Beitrag im «Kassensturz» am Dienstag stand unter dem dramatischen Titel «Spekulieren mit dem Tod». Die Protagonisten: Frau B., eine knapp sechzigjährige Köchin aus einer Seegemeinde und ihr Finanzberater Christoph Magnusson, der für die FDP im Winterthurer Gemeinderat sitzt.

Magnusson hat Frau B. im Jahr 2009 ein sogenanntes Life Settlement verkauft, die Beteiligung an der Lebensversicherung einer fremden Person. Wäre diese Person bis 2016 gestorben, hätte Frau B. einen Gewinn von über 100 Prozent gemacht (siehe Box).

«Eine Anlage, bei der ich warten muss, dass ein Mensch stirbt, das finde ich etwas Furchtbares.» Frau B. im Kassensturz

Es kam anders. Der Versicherte lebte weiter und bei Frau B. flatterte eine Rechnung über 4000 Franken ins Haus: Ihr jährlicher Anteil an den Versicherungsprämien, die so lange anfallen, bis der Versicherte stirbt. Die erste Rechnung bezahlte sie, weitere könne sie sich nicht leisten, sagte sie der Reporterin.

Doch bei einem Ausstieg wäre das investierte Kapital weg, umgerechnet mittlerweile 22 400 Franken. Unter Tränen sagte sie, dass sie erst jetzt verstehe, was sie da überhaupt abgeschlossen habe: «Eine Anlage, bei der ich warten muss, dass ein Mensch stirbt, das finde ich etwas Furchtbares.»

«Unfaire Berichterstattung»

Christoph Magnusson, der im Beitrag mehrmals namentlich genannt und im Bild gezeigt wird, wollte im «Kassensturz»-Studio nicht Stellung nehmen. «Ich hatte nicht den Eindruck, dass es um eine faire Berichterstattung ging», sagte er auf Anfrage des «Landboten». «Es ging darum, mich als schlechten Berater oder schlechten Menschen darzustellen.»

«Es ging im Kassensturz darum, mich als schlechten Berater oder schlechten Menschen darzustellen.» Christoph Magnusson

Dabei habe er in 21 Jahren als freier Berater über tausend Kunden zur vollsten Zufriedenheit beraten. Auch Frau B. sei genau informiert worden, welche Art Vertrag sie abschliesse, sagt Magnusson. Sie habe bereits 2009, also im Vorjahr ein identisches Produkt abgeschlossen und innert Jahresfrist einen Gewinn von knapp 50 Prozent gemacht. «Ich sage meinen Kunden nie, dass eine Anlage Null Risiko hat, sondern kläre sie über die Risiken auf. Die Entscheidung treffen sie selbst.»

«Sie hat keinen Cent verloren»

Magnusson sagt, er habe der Kundin schon bevor sie zum «Kassensturz» ging, mehrfach Hilfe angeboten, etwa in Form von Darlehen für die jährlichen Zahlungen. Als ihm klar geworden sei, dass die Kundin das Produkt bloss noch loswerden wollte, habe er ihr die gesamte Anlage abgekauft. Das Geld habe er heute überwiesen.

«Zum Zeitpunkt der Ausstrahlung war bereits klar, dass Frau B. keinen Cent verliert», sagt er. Dass das SRF den Beitrag trotzdem sendete, ärgert ihn sehr. «Das ist geschäftsschädigend», sagt Magnusson. Die Geschichte von Frau B. sei ein Einzelfall, der Jahre zurück liege, in einer Zeit, in der er noch nicht im Gemeinderat aktiv war. Generell habe er nur wenigeLife Settlements verkauft, im Zeitraum von 2009 und 2010.

«Für diese Kundin war dies nicht die geeignete Anlage.»

In England ist der Verkauf von Life Settlements an Kleinanleger seit einigen Jahren verboten. Aber sind sie auch unmoralisch, da der Käufer gewissermassen auf den fristgerechten Tod eines Menschen hoffen muss? «Das muss jeder für sich entscheiden», findet Magnusson.

«Für den Besitzer der Lebensversicherung sind sie jedenfalls eine gute Sache. Er kann eine Versicherung, die er nicht mehr braucht, zu Geld machen.» Einen Punkt der «Kassensturz»-Kritik sehe er ein: «Für diese Kundin war dies nicht die geeignete Anlage.»

«Wenig hilfreich für die FDP»

Auf «Facebook» wird der Beitrag von Gemeinderatskollegen kontrovers diskutiert. Von «höchst dubiosen Geschäften» schreibt Reto Diener (Grüne), «höchst unethisch» doppelt Markus Steiner (SP) nach. Ex-Gemeinderat Stefan Schär (SVP) eilt Magnusson zu Hilfe: «Typisch reisserischer Beitrag des Kassensturzes.

Was am Beratungsgespräch alles besprochen wurde, wissen nur die beiden und sonst niemand.» FDP-Fraktionspräsident Stefan Feer sagt auf Anfrage, Magnussons Sitz im Gemeinderat sei derzeit nicht in Frage gestellt, ebenso wenig die erneute Kandidatur für das Parlament auf der FDP-Liste. Allerdings sei der «Kassensturz»-Bericht «wenig hilfreich» für die Partei. (Der Landbote)

Erstellt: 13.12.2017, 17:34 Uhr

Life Settlements – kurz erklärt

Life Settlements, sind in den USA ein Milliardenmarkt. Das Grundprinzip ist simpel: Ein Senior braucht Geld und verkauft einer Finanzfirma seine Lebensversicherung.

Diese verkauft Anteile davon an Dritte weiter, etwa an Frau B. Stirbt die versicherte Person, erhalten diese einen festen Anteil der Todesfallprämie ausbezahlt. Lebt die versicherte Person aber länger als aufgrund der Risikoanalyse vermutet, müssen sich die Besitzer der Anteile, also Leute wie Frau B. , an den weiteren Kosten der Versicherungsprämien beteiligen.

Finanziell gesehen müssen sie also - kurz gesagt - auf den «termingerechten» Tod eines Menschen hoffen.

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