Holderplatz

«Missionieren will ich heute nicht mehr»

Seit sechs Jahren führt Monika Akeret den ersten veganen Supermarkt von Winterthur. Der Veganismus hat ihr anfangs einige schlaflose Nächte bereitet.

Monika Akeret bietet in ihrem Geschäft in der Altstadt vegane Leckereien an.

Monika Akeret bietet in ihrem Geschäft in der Altstadt vegane Leckereien an. Bild: Marc Dahinden

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«Der Tofulino, mein kleiner veganer Supermarkt, gehört mir nun seit sechs Jahren. Seit 2012 ernähre ich mich vegan. Zu diesem Entscheid bin ich wegen meines Sohnes gekommen. Eines Tages kam er nach Hause und verkündete, dass er sich von nun an vegetarisch ernähren wolle. Da dachte ich mir: ‹In Ordnung, dann lassen wir einfach das Fleisch weg.›

Es ging nicht lange, und er kam wieder. Nur vegetarisch zu essen, reiche nicht, ‹vegan› sei der konsequente nächste Schritt. Erst mal bin ich aus allen Wolken gefallen. Habe ich einen Freak grossgezogen? Es war mir aber wichtig, ihn ernst zu nehmen. Also habe ich für die ganze Familie vegan gekocht. Als mein Sohn auszog, sind mein Mann und ich wieder etwas von der veganen Ernährung weggekommen. Der Stachel war aber gesetzt, und in meinem Hinterkopf arbeitete es heftig.

Irgendwann habe ich dann ein Buch über Veganismus gekauft, unter dem Vorwand, ich würde es meinem Sohn schenken. Eigentlich wusste ich aber, das Buch war für mich. Lange lag es auf meinem Nachttisch, ohne dass ich es anrührte. Mir war klar, wenn ich mich einmal damit auseinandergesetzt habe, kann ich nicht mehr zurück.

Als ich mich endlich traute, das Buch zu lesen, war ich schockiert. Seither ernähre ich mich vegan. Mit einer Kollegin zusammen war ich so überzeugt von unserer Lebensweise, dass ich das allen mitteilen wollte. Wir waren richtig missionarisch.

Dann haben wir den Tofulino mit einem rein veganen Angebot eröffnet und zusammen geführt. Irgendwann traf meine Freundin die Entscheidung, nach Paraguay auszuwandern und dort zur Selbstversorgerin zu werden. Heute habe ich zwei super Mitarbeiterinnen. Sie leben ebenfalls vegan, bei mir ist das ein Anstellungskriterium.

In all den Jahren hatte ich noch keinen Tag, an dem ich lieber zu Hause geblieben wäre, statt zu arbeiten. Einer meiner Stammkunden hat mal gesagt, dass im Tofulino immer die Sonne scheine. Ein wunderschönes Kompliment, finde ich.

Unser Laden soll ein Begegnungsort sein. Hier trauen sich die Leute noch, ihr Kleingeld auszuleeren und zu zählen. Ich lasse mich auch gerne auf Diskussionen über den Veganismus ein, wenn wir uns auf Augenhöhe begegnen können.

Es gibt aber manchmal Momente, wo ich über einige Punkte nicht mehr diskutieren mag. Schon oft musste ich erklären, dass der Regenwald nicht für die Produktion von Tofu abgeholzt wird, sondern grösstenteils für den Anbau von Tierfutter.

Missionieren will ich heute aber nicht mehr. Ich möchte den Leuten einfach leckere Alternativen bieten. Ich selbst bin so verfressen, ich kann gar nicht sagen, was ich am liebsten habe. Aus dem Sortiment kenne ich jedes Produkt und koche auch zu Hause damit.

Ich liebe es, zu backen und in meinem Garten zu lesen. Langeweile kenne ich nicht, das war schon immer so. Ich muss aber nicht immer herumwirbeln, relaxen kann ich auch. Meine beiden Enkel halten mich jedoch schon auf Trab, mit ihnen bin ich viel draussen unterwegs.

Für die Zukunft würde ich mir einen Laden mit Bistro wünschen. So wären auch mehr längere Gespräche möglich, heute sind wir neben einem Supermarkt ja nur ein Take-away. Für ein Bistro bräuchte ich aber ein grösseres Lokal mit Küche. So etwas muss man in Winterthur erst mal finden.»

Erstellt: 09.11.2019, 09:23 Uhr

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