Winterthur

Nun werden der Burgruine Alt-Wülflingen die «faulen Steine» gezogen

Jetzt starten die Sanierungsarbeiten an der Burgruine Alt-Wülflingen so richtig. Der Turm ist komplett eingerüstet und die Mauersteine sind Stück für Stück kontrolliert worden.

Die Mauersteine haben durch die Witterung gelitten.
Video: Till Hirsekorn

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Hoch über Wülflingen und doch gut versteckt wird derzeit auf einer der wohl aufwendigsten Baustellen Feinarbeit geleistet: Die Sanierung der Burgruine Alt-Wülflingen ist in vollem Gange. Dass man bei den Bauarbeiten auf der Anhöhe mitten im Wald kreativ würde denken müssen, hatte sich schon vor einem Jahr gezeigt, als Stadtgrün dem 18 Meter hohen Bergfried ein neues Holzdach aufsetzte. Ein Heliko­pter musste die bis zu 700 Kilogramm schweren Dachelemente einzeln anfliegen. Element für Element wurde damals schwebend über dem Burgkranz abgeladen und direkt montiert.

Inzwischen wird das Baumaterial per Seilbahn vom Totentäli aus heraufgefahren, angetrieben über die Zapfwelle eines Traktors. Innert zweier Monate wurde die Lichtung zur dicht zugestellten Baustelle: Der Turm ist komplett eingerüstet, und nach Auflage der Kantonsarchäologie steht das gesamte Material nun auf einem erhöhten Holzboden. Man reibt sich die Augen. Hier mit Zementsäcken beladene Paletten, dort Wannen, um den Mörtel anzurühren, und nebenan vier stählerne Tonnen, die mit Schläuchen miteinander verbunden sind – die Wasserauf­bereitungsanlage. «Das Wasser, das wir zum Bohren brauchten, fliesst wieder zurück, wird gereinigt und kommt dann wieder in Einsatz», erklärt Bauleiter Daniel Brandenberger. Hunderte Liter mussten vom Tal her hinaufgepumpt werden. Sparsamkeit ist gefragt auf der Baustelle, aber vor allem Vorsicht, denn die Ruine war akut einsturzgefährdet.

Sicher dank Piercings

Auf einer Planskizze sieht die Burgruine Alt-Wülflingen deshalb wie gepierct aus, mit Einstichlöchern überall. «Das sind die Metallstangen, die den inneren und äusseren Mauerring zusammenhalten, wie Armierungseisen, auch an den Ecken», erklärt Brandenberger. Von aussen sieht man nichts mehr. Auch eine zweite Sicherungsmassnahme war ­nötig. Wie ein Korsett umfasst ein engmaschiges Metallband den Mittelteil des Turms. Dort, an den wetterexponierten Ost- und Südwestfassaden, sind die Schäden am grössten, und das Gemäuer ist grossflächig ausgebaucht. Kaspar Zehnder, der Steinmetz vor Ort, erklärt, wie es dazu kommen konnte. Die Mauer besteht aus zwei Ringen, einem dünneren äusseren (rund 40 Zentimeter), und einem dickeren inneren (rund 90 Zentimeter). Den Zwischenraum füllte man beim Bau vor rund 900 Jahren mit sogenanntem Verfüllmörtel, einem sandigen Gemisch aus grösseren und kleineren Steinen. In diesen Mörtel sickerte nun über Jahre hinweg das Regenwasser hinein, blieb teilweise eingeschlossen, gefror und liess den Stein platzen – auch, weil in den 1980-Jahren falsch saniert worden war. «Sowohl beim Mörtel als auch bei den neuen Quadern hatte man damals jeweils zu hartes Material verwendet. Dadurch floss das Wasser einseitig in den weichen älteren Wülflinger Sandstein, der sich wie ein Schwamm vollsog», erklärt Zehnder.

Klopf. Klopf? Klopf.

Das neue Holzdach hat seinen Zweck erfüllt, das Gemäuer konnte trocknen. Deshalb haben Brandenberger und Zehnder die letzten zwei Monate vor allem klopfenderweise verbracht, mit dem Ohr am Stein. «Es gibt auch optische Anzeichen dafür, dass das Gestein brüchig oder zersetzt ist. Aber sicher geht man, indem man den Stein mit dem Metallhammer abklopft und horcht», erklärt Zehnder. Töne es dumpf, sei das ein eher schlechtes Zeichen. Die beiden haben inzwischen über 300 «faule» Steine aussortiert und markiert. Überall kleben gelbe Zettelchen mit Codes wie «NW/45/10/F», das heisst übersetzt: Nordwest-Fassade, Reihe 45, zehnter Stein von links, flicken. In den nächsten Wochen werden die faulen Steine Stück für Stück herausgespitzt, einige teils und andere ganz ersetzt.

An mehreren Stellen klaffen tiefe Löcher in den Mauern. Deren Hohlräume werden nun aufgefüllt und die Lücken geschlossen. Andere Stellen sind rötlich verfärbt. «Brandspuren. Die Hitze liess das Eisen oxidieren», erklärt Zehnder.

Sandstein vom Zürichsee

Am Mittwoch werden die neuen Quader geliefert, die aus einem Steinbruch vom Oberen Zürichsee stammen, aus einem Steinbruch bei Bollingen SG. Der «Bollinger» ist ein kalkgebundener Süsswasser-Molasse­stein, dessen Färbung von blaugrau bis blaugrün reicht. Auch das Zürcher Grossmünster, die St. Galler Stiftskirche oder das Kloster Einsiedeln sind mit Bollinger gebaut. «Er wird sich sehr gut einfügen», verspricht Bauleiter Brandenberger. Man stimme sich regelmässig mit der kantonalen Denkmalpflege ab, alles solle am Schluss möglichst originalgetreu aussehen. Selbst vom Mörtel, den man vor dem Turm anrührt, gibt es vier Farbvarianten, von gelblich bis bräunlich.

Im Winter gehen die Arbeiten allenfalls witterungsgeschützt im Turminnern weiter, sodass der bröckelnde Bergfried im Juli 2018 wieder trutzig in alter Schönheit erstrahlt. Weil Stadtgrün den Vorplatz als Grillstelle noch etwas neu herrichtet, fällt der offizielle Einweihungstermin wohl auf nächsten Herbst – fünf Jahre nachdem die Schäden entdeckt und die denkmalgeschützte Ruine gesperrt worden war. «Es ist und bleibt ein kompliziertes, aber spannendes Projekt», sagt Beat Kunz, der Leiter von Stadtgrün. Die zuletzt veranschlagten Sanierungskosten von gut zwei Millionen Franken seien nicht mehr gestiegen. (Landbote)

Erstellt: 02.10.2017, 19:22 Uhr

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