Winterthur

Stadt erfüllt bei Deutschförderung inzwischen den Minimalstandard

Die Stadt hat das Angebot beim Deutschunterricht für fremdsprachige Schüler inzwischen aufgestockt. Doch eine Kreisschulpflege-Präsidentin betont, dass man sich in Winterthur nach wie vor am Minimalstandard orientiere.

Sechs von zehn Schülerinnen und Schülern mit sprechen nicht gut genug Deutsch und besuchen deshalb die «Deutsch als Zweitsprache»-Kurse.

Sechs von zehn Schülerinnen und Schülern mit sprechen nicht gut genug Deutsch und besuchen deshalb die «Deutsch als Zweitsprache»-Kurse. Bild: key

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Deutschunterricht für fremdsprachige Kinder schon in der Spielgruppe: Das ist ein Ansatz, den unter anderem auch die oberste Lehrerin der Schweiz unterstützen würde. Denn Kinder, die fremdsprachig aufwachsen und kaum oder gar kein Deutsch können, verpassen in der Schule rasch den Anschluss. Auch die Lehrpersonen sind überfordert. Sie müssen das Tempo drosseln, wenn ein Grossteil der Klasse fremdsprachig ist. Im Kanton Basel-Stadt sind Deutschkurse im Vorschulalter seit mehreren Jahren obligatorisch, die Kosten dafür deckt der Kanton. Der Zürcher Kantonsrat hat im Frühling eine parlamentarische Initiative abgelehnt, die das «Basler Modell» einführen wollte.

Damit bleibt der Deutschunterricht für fremdsprachige Kinder im Vorschulalter in Zürich freiwillig. In Winterthur beginnt dieser im Kindergarten mit Deutsch als Zweitsprache (DAZ). Über einen Sprachtest wird ermittelt, ob und wie intensiv ein Schüler DAZ-Unterricht benötigt. Anrecht darauf haben Kinder so lange, wie sie brauchen, um ein gewisses Niveau zu erreichen. In Winterthur hatte die Zentralschulpflege den DAZ-Stellenetat lange zu tief berechnet und damit die gesetzlichen Vorgaben nicht erfüllt. Noch vor zwei Jahren gab es im DAZ-Lehrerpool sieben Vollzeitstellen zu wenig, um den Bedarf zu decken. Schulleiterinnen und Kreisschulpflegepräsidien (KSP) machten daraufhin erfolgreich Druck. Der Stellenetat wurde in den Folgejahren laufend erhöht.

Um 13 Prozent aufgestockt

Die neuen Sprachtests ergaben, dass gut sechs von zehn fremdsprachigen Kindern DAZ-Unterricht brauchen und ein Anrecht darauf haben. Für das laufende Schuljahr wurden dafür 53,9 Vollzeitstellen bewilligt, ein Plus von 13 Prozent seit 2017. Kostenpunkt total: rund 8,3 Millionen Franken pro Jahr.

In den Schulkreisen scheint man sich einig zu sein: Die Bedingungen haben sich spürbar verbessert. «Unsere Anliegen wurden ernst genommen und umgesetzt», sagt etwa Cornelia Rütimann, die Präsidentin der Fachkonferenz Winterthurer DAZ-Lehrpersonen. Sie unterrichtet am Primarschulhaus Wiesenstrasse in Veltheim. Bei ihr wurde um acht Wochenlektionen aufgestockt, von 12 auf 20. «Ein riesiger Fortschritt», findet sie.

Vier von fünffremdsprachig

Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass die DAZ-Ressourcen relativ gleichmässig auf die vier städtischen Schulkreise verteilt sind (siehe Tabelle rechts). Am meisten Sprachkurse werden in Seen-Mattenbach angeboten, dem grössten Kreis. Mit dem Gutschick liegt dort auch das Primarschulhaus mit dem stadtweit höchsten Anteil an Kindern, bei denen zu Hause eine andere Sprache gesprochen wird als Deutsch. Im Gutschick ist dies gemäss Zahlen der Bildungsdirektion bei viervon fünf Schülern der Fall. Auch in Töss (Rosenau: 77 Prozent, Töss: 69 Prozent) und in Oberwinterthur (Lindberg: 64 Prozent, Guggenbühl: 55 Prozent) gibt es Ausreisser nach oben.

Die häufigsten fremden Erstsprachen sind Albanisch vor Türkisch und Italienisch.

Minimum eingehalten

Seitens Kreisschulpflegepräsidien Stadt-Töss, Oberwinterthur und Seen-Mattenbach bestätigt man auf Anfrage: Der «DAZ-Bedarf» sei mit dem höheren Stellenetat nun gedeckt. Für Martha Jakob (GLP), KSP-Präsidentin in Seen-Mattenbach, ist dies jedoch längst kein Grund, euphorisch zu werden: «Die Stadt erfüllt inzwischen lediglich die gesetzlichen Vorgaben, nicht mehr und nicht weniger.» Hinzu komme, dass es schwierig sei, die zusätzlichen DAZ-Stellen tatsächlich zu besetzen. «Es gibt viel zu wenig Lehrpersonen, gerade dort, wo es sie dringend bräuchte: auf Kindergartenstufe. Doch dort sind die Löhne tiefer.» Vier Kindergärten konnten die meisten Wochenlektionen erst letzte Woche besetzen, in der Primarschule gab es bis kurz vor Schulstart Vakanzen. Auch im Kreis Stadt-Töss sind nachwievor fünf DAZ-Wochenlektionen offen.

In Stadt-Töss ist Chantal Galladé (GLP) KSP-Präsidentin. Sie ist überzeugt, dass der DAZ-Unterricht Wirkung zeigt. Das Feedback der Lehrerinnen und Lehrer sei positiv: «Je früher ein Kind eine Sprache lernt, desto besser.» Mit DAZ sei ein didaktisch altersgerechter Sprachunterricht möglich. Kollegin Martha Jakob pflichtet ihr bei. Sie betont aber, dass das gesetzliche Minimum an DAZ-Lektionen gerade bei den Jüngsten ohne Deutschkenntnisse nicht ausreiche, um diese innert nützlicher Frist auf ein anständiges Niveau zu heben. Im Kindergarten rechnet die Stadt mit dem tiefstmöglichen Ansatz von 0,5 Lektionen pro Woche und Kind.

Es braucht deutlich mehr

Jakob fordert, dass die Sprachförderung auf Stufe Kindergarten deutlich ausgebaut wird, mit zwei Lehrpersonen pro Klasse, eine davon mit DAZ-Ausbildung. Der Kanton müsse hier die Vorgaben für Städte und Gemeinden erhöhen. Jakob, die vor ihrer Zeit als KSP-Präsidentin lange als Schulleiterin tätig war, würde über verbindliche Eltern-Kind-Deutschkurse zudem die Eltern stärker einbinden. «Das motiviert. Und so erreichen wir alle, Vater, Mutter und Kind.» In Dübendorf beispielsweise fahre man gut mit diesem Modell. Winterthur, so Jakob, stehe in Sachen sprachliche Integration noch ganz am Anfang.

In einer Interpellationsantwort kündigt die Regierung um Bildungsstadtrat Jürg Altwegg (Grüne) allerdings an, die Strategie bei der Frühförderung anzupassen und auszudehnen zu wollen (siehe Infobox rechts). So, dass möglichst viele fremdsprachige Kinder in eine Kindertagesstätte oder eine Spielgruppe einen Platz finden, wo sie Deutsch lernen. Allerdings, so heisst es in der Antwort, sind die Bedingungen dort nicht ideal: Entweder fehlt es an Personal oder die soziale Durchmischung in den Kitas ist zu einseitig, so dass ein Lerneffekt ausbleibt.

Erstellt: 30.08.2019, 19:48 Uhr

Frühföderung, aber wie?

Winterthur will seine Strategie bei der Frühförderung anpassen. Obligatorien für Kitas oder Spielgruppen sind nicht vorgesehen.

Erwägt die Stadt Winterthur, bei der Deutschförderung bei Kleinkindern die Schraube anzuziehen, nach dem Vorbild vom Kanton Basel-Stadt? Das wollten vier Gemeinderäte von SP, AL, Grünliberalen und FDP vom Stadtrat wissen und haben eine Interpellation dazu eingereicht. Beim «Basler-Modell» machen Kleinkinder bereits eineinhalb Jahre vor dem Kindergarten einen Sprachtest.

Ist ihr Niveau zu tief, müssen die Eltern sie an zwei Halbtagen pro Woche in eine deutschsprachige Förder-Spielgruppe schicken. Aktuell ist dies fast jedes zweites Kind. Die Kosten trägt der Kanton. Ziel ist es, dass die oft fremdsprachig aufgewachsenen Kinder später in der Schule nicht abgehängt werden, weil sie kaum oder nichts verstehen.

Doch Der Stadtrat will bei der Frühförderung an seinem eigenen Konzept festhalten, wie er in seiner Interpellations-Antwort schreibt. Für ein Obligatorium wie in Basel fehle im Kanton Zürich die rechtliche Grundlage. Und Zwei- bis Dreijährige zu testen, wie es die Stadt Zürich tue, würde die lokale Fachstelle Frühförderung überlasten.

Anspruch vs. Realität

Der Ansatz, Eltern nach der Geburt möglichst lange zu begleiten und sanft an die Hand zu nehmen, habe sich bewährt. Über privat finanzierte Gelder habe die Fachstelle in diesem Jahr zudem den Eltern von 114 Kindern mit Förderbedarf einen subventionierten Kita- oder Spielgruppenplatz ermöglicht.

Dennoch seien die Bedingungen oft nicht gegeben, damit das eigene Modell tatsächlich greife: Oft ist der Anteil deutschsprachiger Kinder in einer Kita zu tief, gut wären mindestens vier von zehn. Zudem sei die soziale Durchmischung häufig zu schlecht und die Elternbeiträge zu hoch.

Hinzu kämen personelle Engpässe: Es fehlt an genügend Spielgruppen mit Zweierleitung. Der Stadtrat kündigt in seiner Antwort deshalb an, das aktuelle Konzept «im Rahmen einer neuen Strategie «Frühe Förderung» weiterzuentwickeln und auszudehnen. Was dies konkret heissen könnte, bleibt offen. Er verweist auf hängige Vorstösse im Gemeinderat zu den Elternbeiträgen. Beim Förderunterricht in der Volksschule hinkte die Stadt zuletzt den kantonalen Vorgaben hinterher, hat inzwischen aber aufgestockt (siehe Text links). (hit)

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