Ausstellung

Barockes Ringen mit dem Raum

In den Kunsträumen Oxyd sind die Skulpturen von Simone Holliger eine Entdeckung. Thomas Bonny surft dagegen auf der Welle des Beliebigen. Mit den beiden Ausstellungen verabschiedet sich die Kuratorin Daniela Hardmeier.

Die Farben und das Licht entfalten auf den Papier-Skulpturen von Simone Holliger eine eigene malerische Qualität.

Die Farben und das Licht entfalten auf den Papier-Skulpturen von Simone Holliger eine eigene malerische Qualität. Bild: PD

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Die im Oxyd ausgestellten Werke der beiden jüngeren Gäste aus Genf könnten unterschiedlicher nicht sein. Die erst 33-jährige Simone Holliger war vor kurzem in der «Auswahl 18» im Kunsthaus Aarau vertreten und hatte dort mit ihren grossformatigen Objekten aus Papier einen beeindruckenden Auftritt. Nun steigert sich Holliger erneut.

Die meisten ihrer passgenauen Raumarbeiten sind innerhalb von vierzehn Tagen in einer monumentalen Anstrengung vor Ort entstanden. Dabei hat Holliger eine neue Raumarchitektur geschaffen und ihre Papierskulpturen spannungsreich und präzise in das Raumlabyrinth integriert.

Ihr leidenschaftliches Ringen mit Raum und Volumen ist barock im Ausdruck, und raffiniert ist ihr Ausloten von möglichen Beziehungen zwischen Wand, Relief und Skulptur: Am radikalsten dort, wo sie die Negativform der Nische als eigentliches Werk zeigt. Oder als Relief, das mit geformter Wucht und verschlungenen Formen in den Raum drängt.

Am Anfang steht das Papier

Ausgangspunkt ist immer die Fläche aus Papier. Daraus schneidet, formt und klebt sie Körper mit hoher Oberflächenspannung. Beeindruckend daran ist die dramatische Bewegung in den linearen Formulierungen der Kanten. Im Resultat kommt sie zu unterschiedlichen plastischen Gefügen und Findungen. Vielfach ist es ein gewundenes Ineinandergreifen, dann entdeckt man eine Anspielung an die klassische Ordnung von Sockel, Schaft und Kapitell, und sogar figürliche Vorstellungen stellen sich ein.

Ursprünglich von der Zeichnung herkommend, hat Holliger den Raum nicht nur plastisch auf souveräne Weise erobert. Man staunt auch über ihr feines Auge für Kontraste und Nuancen beim Farbauftrag auf den Papierwänden und auf den Objekten. Erst in der Bewegung erfährt der Betrachter die lichtempfindliche Sinnlichkeit als eine eigene malerische Qualität. Holligers Werk scheint nicht nur tief in der vielfältigen europäischen Tradition der Skulptur verwurzelt, es belebt sie neu.

Beliebig und trashig

In dieser Nachbarschaft hat es der 44-jährige Thomas Bonny schwer. Unter Seinesgleichen , den Mitgliedern einer reizgesteuerten Generation, die am Beliebigen ihren Spass hat, würde der Kunstsurfer weder auf- noch abfallen. Er isoliert einzelne Momente aus dem Fluss der Wahrnehmung, filtert Motive daraus und verarbeitet diese, indem er der Kunst ihren Ernst austreibt und sich leicht dem Trashigen annähert.

«Mir war es wichtig, dass sich die Kunstschaffenden auf die spannenden Räume im Oxyd einliessen. Insofern ist die Ausstellung mit Simone Holliger für mich ein letzter Höhepunkt»Daniela Hardmeier
Kuratorin

Das Resultat ist eine post-post-konzeptuelle Spielerei mit dekorativer und ornamentaler Wirkung. Dabei bedient sich der Künstler mit Vorliebe organischer Formen; als Bildträger verwendet er Papier, Karton, Holz oder Ton. Darauf appliziert er ein Repertoire von farbigen Streifenmustern, überrascht auch mit hübschen wolkigen Farbzonen, die von gekritzelten Einsprengseln überlagert werden. Dann wieder malt er zwei Spitzen, die je eine Kugel mit schwarzen Puzzleteilen balancieren, oder lässt einen angeschnittenen Raumteiler von der Decke schweben.

Bonnys gelochte und bemalte Keramikscheiben sind mehr Parodie auf die skulpturale Avantgarde als eine ernsthafte Weiterentwicklung. Vielleicht ist es Bonnys heimliche Pointe, dass er weniger für Sammler und die Ewigkeit als für den Sperrmüll produziert. Ein solch realistisches Kunstprogramm verdiente durchaus Respekt.

Abschied der Kuratorin

Mit der Doppelausstellung verabschiedet sich Daniela Hardmeier vom Team. Die 48-jährige Kunsthistorikerin war die erste professionelle und bezahlte Kuratorin in einem Betrieb, der sonst weitgehend auf Freiwilligenarbeit basiert. Mit ihrer direkten und offenen Art hat sie den Verjüngungsprozess im Oxyd-Vorstand wohl beschleunigt.

Nach zweieinhalb Jahren zieht sie eine positive Bilanz: «Mir war es wichtig, dass sich die Kunstschaffenden auf die spannenden Räume im Oxyd einliessen. Insofern ist die Ausstellung mit Simone Holliger für mich ein letzter Höhepunkt», bilanziert Hardmeier, die nun als wissenschaftliche Mitarbeiterin zur Stefanini-Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte wechselt.

Starke Auftritte

Hardmeier sah sich «hauptsächlich als Ermöglicherin», wie sie sagt. Dass aufstrebende regionale Kunstschaffende wie Stefanie Kägi, Michael Etzensberger, die Gruppe O.A.S.K. oder Sasha Kurmaz aus der Ukraine die Chance mit starken Auftritten nutzten, freut Hardmeier besonders. Die Besetzung der Stelle im neuen Domizil im Kornhaus (ab 2020) ist noch offen.

Kunsträume Oxyd, Wieshofstrasse 108. Bis 7.4. (Der Landbote)

Erstellt: 17.03.2019, 16:25 Uhr

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