Musiktheater

Bayerisch stirbt es sich am schönsten

«Bitte wenden!»: Im ebenso komischen wie berührenden Stück des Duos «menze & schiwowa» bleibt nichts, wie es ist. Ein Hausbesuch bei Lucia Schneider-Menz in Veltheim.

Zwischen den Mentalitäten bahnt sich ein Einvernehmen an: Lucia Schneider-Menz (rechts) und Julia Schiwowa im Theater Stok.

Zwischen den Mentalitäten bahnt sich ein Einvernehmen an: Lucia Schneider-Menz (rechts) und Julia Schiwowa im Theater Stok. Bild: Dennis Yulov

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es sei eine sehr weiberlastige Familie, aus der sie komme, sagt Lucia Schneider-Menz. Eine Tante konnte anhand von Karten oder mittels Tischerücken die Zukunft vorhersagen, eine andere hielt Grabreden. Denen hörte sie wie gebannt zu, die Erinnerung daran ist bis heute in ihr lebendig geblieben.

Irgendwie ist daraus die Tante Berta entstanden, die Ahnfrau, eine Puppe mit schönen, ehrwürdigen Zügen. Tante Berta ist im Prinzip schon tot und muss immer wieder in ihren Sarg zurück, davor rezitiert sie alte Glaubenssätze oder die katholischen Feiertage auf Bayerisch. Eine weitere Puppe gibt es, der oder die Blause genannt, ein geheimnisvolles Wesen, das auch genau so aussieht.

Schneider selbst ist die resolute Elfriede, mit vollem Namen Elfriede Karola Marianne Moosberger, Wahrsagerin und Grabrednerin. Auch diese Figur war zuerst eine Puppe, bis Schneider merkte, dass sie sie selber spielen muss. Der Trieb dazu scheint immer in ihr wach zu sein. Auch beim Gespräch, das vor Ostern im Wohnzimmer der fünfköpfigen Familie Schneider-Menz in Veltheim stattfindet: Wenn sie von ihrem Stück spricht, steht sie auf und spielt es vor. Schon als Kind habe sie die Verwandten nachgeahmt: «Es haben sich alle totgelacht und gesagt, hör auf, hör auf, es ist zu krass.»

«Es haben sich alle totgelacht und gesagt, hör auf, hör auf, es ist zu krass.»Lucia Schneider-Menz
über ihre Darbietungen als Kind

An der Messe «Schöner sterben» trifft die forsche Moosberger aus Bayern auf die korrekte Regula Lüthi von der Firma Lüthi Särge AG, ein Bild von einer Schweizerin, rechtschaffen und angepasst. Die beiden könnten nicht gegensätzlicher sein. Aber dabei bleibt es nicht im Musiktheater «Bitte wenden!» des Duos «menze & schiwowa», in dem es genau darum geht: Das nichts bleibt, wie es ist.

Eben wurde im Wohnzimmer noch geprobt, zwei Wochen vor der Premiere im Zürcher Theater Stok; danach geht es auf Tournee, und Ende Mai ist das lebendige Stück im Figurentheater Winterthur zu sehen. Uns gegenüber stehen die beiden Puppen auf Stäben und mit einem fahrbarem Untersatz, der sich fernsteuern lässt. Die Puppe hat Schneider gemacht, die Fernsteuerung ihr Mann Gabriel, Maschineningenieur, Dozent an der ZHAW, Tüftler («Gabriel Düsentrieb») und rational veranlagt. Aber auch künstlerisch. Von ihm stammen die meisten Bilder, die hier hängen. Eines zeigt eine alte Frau, die an die Tante Resi erinnert, die Wahrsagerin. Weiter hinten stehen Holzkästen, die aussehen wie Fundstücke vom Flohmarkt, aber ein überraschendes Innenleben offenbaren, darunter eine zur Drehorgel umgebaute Kaffeemühle. Es ist wie in einem Märchen von E. T. A. Hoffmann.

Katholisch geprägt

Mag sein, dass die allgegenwärtigen Geister auf den Katholizismus zurückgehen, mit dem Schneider-Menz aufgewachsen ist, einem kleinen Dorf in der Nähe von München, umgeben von Kirchenmusikern, darunter der Vater und die ältere Schwester. Der Kirchgang am Sonntag war obligatorisch. Für sie war es eine Pflichtübung. Sie habe «einen wahnsinnigen Freiheitsdrang» in sich. Und so zog sie mit achtzehn aus, um in Zürich Cello zu studieren – nicht in München, wo bereits die Schwester war. Seit zwölf Jahren unterrichtet sie nun Schulmusik an der Kantonsschule Zürcher Oberland in Wetzikon.

Das Musiktheater «Bitte wenden!» ist ihr erstes eigenes Programm, nach diversen Engagements in Bands, Orchestern und im Trio «Musikszenerie Marmotte». Es gehe darum, den Tod zu enttabuisieren, sagt Schneider-Menz. Das ist einer der wenigen programmatischen Sätze, die ihr über die Lippen kommen, sie bevorzugt sonst die konkreten Einfälle. Es gehe auch um den Versuch, mit etwas zum Ende zu kommen, bei dem wir oft scheitern. Ständig werde man unterbrochen, zum Beispiel wenn man Kinder habe. Sie hat drei, heute spielen sie draussen.

Der Tod ist auch eine Unterbrechung, oft schneit er mitten hinein in ein Tun, das nicht mehr abgeschlossen werden kann. So gesehen wird mit dem Tod auch wieder das Leben thematisiert. Es ist unberechenbar: Dass etwas eine Wende nimmt, kommt so häufig vor, dass man sie am besten gleich selbst vollzieht.

Lucia Schneider-Menz kannte Julia Schiwowa vom Musikstudium an der ZHdK, wo sie bei ihrem Vater Alexander Schiwow studierte. Dann trafen sie sich an der Schweizer Künstlerbörse in Thun zufällig wieder. Da konnte sie die Zürcher Opern- und Lieder-Sängerin für ihre Idee gewinnen: Bayerische und schweizerische Eigenarten unterhaltsam zu kontrastieren.

Die Mentalitäten sind tatsächlich verschieden: In Bayern sei man direkter. «Kommst mal zum Kaffee vorbei», sage man dort und meine das auch so. Schweizer sind nicht so spontan, sie zücken die Agenda. «Wir spitzen die Unterschiede natürlich zu.» Mit Julia Schiwowa stimme die Chemie: «Wir sind beide energiegeladen und effizient.» Um das Bayerische kennenzulernen, reiste Schiwowa in das Dorf, in dem Schneider aufgewachsen ist. Und bekam von deren Mutter gesagt: «Des is’ scho’ Scheisse, wennst nix erbst.» Ein Stück Wohlstandsphilosophie aus Deutschlands reichstem Bundesland.

Das Herz sind die Lieder

Der feinsinnige Musiktheaterabend funktioniert sehr gut, das erwies sich kürzlich an der Premiere. Es geht darin auch ein wenig um die Sache der Frau: Die forsche Elfriede und die brave Regula nähern sich einander an und machen am Ende gemeinsame Sache, wobei allerdings das Bayerische klar Oberwasser hat, getreu dem Motto «eingeschweizert ist nicht ausgebayert».

Satire und Poesie halten sich die Waage. Die Lieder mit ihren wunderbaren Stimmungen sind so etwas wie das Herz des Ganzen, sie tragen Namen wie «Knödlgsang», «S’isch schwierig» und «Eingeschweizert ist nicht ausgebayert». Auch ein bayerisches Volkslied ist dabei. Die meisten Lieder hat Schneider-Menz selbst geschrieben, sie sind oft etwas träumerisch und in Moll und fallen ihr beim Joggen am Wolfensberg ein: «Wenn ich ganz frei bin von allem.»

Samstag, 25. Mai, 19.30 Uhr, und Sonntag, 26. Mai, 17 Uhr, Figurentheater Winterthur, Marktgasse 25. Zudem 24.5., Theaterwerkstatt Gleis 5, Frauenfeld. (Der Landbote)

Erstellt: 12.05.2019, 17:07 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!