Winterthur

Bitte nicht schneiden! Der Traum vom absoluten Film

Das Studiokino am Lagerplatz startet am Sonntag die Filmreihe «Der lange Atem der Kamera». Zu sehen sind acht Werke, die das Kino entschleunigen.

Der Filmemacher Michelangelo Antonioni (rechts) am Set von «Professione: Reporter». Foto: PD

Der Filmemacher Michelangelo Antonioni (rechts) am Set von «Professione: Reporter». Foto: PD

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Wir nehmen es oft kaum wahr, weil wir es gewohnt sind und es zur schnellen Zeit von heute passt: Filme sind oft schnell getaktet. Sie zerlegen das Geschehen in kleinste Stücke und präsentieren es in einer Schnittfrequenz von oft wenigen Sekunden.

Doch es gibt auch Filme, die sich Zeit lassen, die in langen Einstellungen das Geschehen sich vor der Kamera entfalten lassen. Im extremsten Fall besteht ein Film gar aus einer einzigen Einstellung; das Cameo zeigt im Rahmen der Reihe «Der lange Atem der Kamera» ein Beispiel: «Victoria» von Sebastian Schipper (2015).

Der Trailer zu «Victoria».

136 Minuten lang, wurde «Victoria» am 27. April 2014 zwischen 4.30 und 7 Uhr morgens in Berlin Kreuzberg gedreht. Es ist ein Krimi, der sich aus der zufälligen Begegnung einer jungen Spanierin mit vier Berlinern entwickelt, wobei die Erzählzeit fast, aber nicht ganz der Drehzeit entspricht. Doch es ist «Victoria» nicht der einzige Film jüngerer Zeit, der in einer einzigen Kameraeinstellung gedreht wurde.

Erik Poppes neunzigminütiges Drama «Utoya 22. Juli» (2018) wurde genauso in einem Shot gedreht wie Manuel Vogels gleichlanger Actionfilm «One Shot Left» (2017); bereits 2008 stellte Linda Wendel ihren Spielfilm «One Shot» vor. Der erste lange, in einer einzigen Einstellung gedrehte Film ist Alexander Sokurows neunundneunzigminütiger «Russian Ark» aus dem Jahr 2002.

«Russian Ark» wurde nur in einer einzigen Einstellung gedreht.

Die ersten Filme überhaupt waren One-Shot-Movies

Ist ja easy, mag man nun denken, man nehme das Handy, drücke auf Aufnahme, stelle irgendwann wieder ab: fertig der Film. Doch das täuscht. Lange Einstellungen und Plansequenzen sind kinematografische Kür. Sozusagen der grosse Traum des Kinos, dem einige der kreativsten Filmemacher nachrennen, seit die Bilder laufen lernten.

Wobei streng genommen die allerersten Filme schon One-Shot-Movies waren: «La Sortie de l’Usine Lumière à Lyon», von den Brüdern Lumière bei der Vorstellung des Kinematografen 1895 vorgeführt, zeigt in einer einzigen Einstellung, wie Arbeiter bei Feierabend die Fabrik verlassen.

Das Hindernis, das der Weiterentwicklung der Länge damals entgegenstand, war technischer Natur: Analoges Filmmaterial ist schwer. Die Kameras, die es braucht, um damit arbeiten zu können, sind dementsprechend gross: Vor der Erfindung des Videos (oder des digitalen Films) arbeitete man mit Filmrollen von maximal zwölf Minuten Länge, und somit konnte die längste Einstellung länger gar nicht sein.

Was nicht heisst, dass einzelne Filmemacher vom «Film ohne Schnitt» nicht träumten und diesen auch vortäuschten: Alfred Hitchcock gestaltete «Rope» (1948) so geschickt, dass die fünf (!) Schnitte im fertigen Film kaum wahrzunehmen sind.

Der Hitchcock-Film «Rope» kam mit lediglich fünf Schnitten aus.

Plansequenzen zur Steigerung der Spannung

Tatsächlich sind lange Einstellungen ein filmgestalterisches Mittel, Stil und Stimmung eines ganzen Filmes festzulegen, oder, singulär verwendet, einzelne Szenen hervorzuheben. Legendär ist die Kamerafahrt, in der Orson Welles am Anfang von «Touch of Evil» (1958) zwischen dem Schalten eines Zeitzünders und dem Explodieren der Bombe das ganze Figurenarsenal seines Filmes vorstellt.

Viel diskutiert ist die vorletzte Einstellung von «Professione: Reporter», in der Michelangelo Antonioni die Kamera durch ein vergittertes Fenster aus einem Hotelzimmer über den Dorfplatz schweben und, nachdem Schreckliches passiert ist, dahin zurückkehren lässt; unvergesslich die sieben Minuten, die ein Ehepaar in Jean-Luc Godards «Week End» (1967) im Stau steht.

«Week End» bleibt durch seine Stauszene in Erinnerung.

Welles, Antonioni, Godard und viele andere benutzen Plansequenzen zur Spannungssteigerung. Noch faszinierender aber sind Filme, die in langen Einstellungen die Einheit von Zeit und Raum auflösen und die filmische Erzählung ins Traumhafte gleiten lassen, etwa in Andrei Tarkowskis «Serkalo» («Der Spiegel», 1978).

Das Cameo zeigt nicht alle hier erwähnten Filme und einige hier nicht erwähnte (siehe das Programm im Kasten links). Am sehenswertesten, weil kaum je im Kino gezeigt, ist im Rahmen der Reihe der Film «Die Werckmeisterschen Harmonien» (2000), in dem Bela Tarr in 145 Minuten und 39 Einstellungen das Stimmungsbild einer vom Wandel der Zeit überrumpelten ungarischen Kleinstadt schildert.

Die Werckmeisterschen Harmonien wurde kaum je im Kino gezeigt.

Erstellt: 30.08.2019, 15:47 Uhr

Filmreihe «Der lange Atem»

Die Filmreihe zeigt als erstes am Sonntag um 19 Uhr «Professione: Reporter» von Michelangelo Antonioni (1975). Zum «Allianz Tag des Kinos» kostet der Eintritt an diesem Tag nur 5 Franken; die Saison startet schon um 11 Uhr mit «Rico, Oskar und der Tieferschatten», um 17 Uhr folgt «Cronofobia». Die weiteren Filme der Reihe «Der lange Atem» sind «Victoria» von Sebastian Schipper (erstmals am 2.9.), «Der Spiegel» von Andrei Tarkowski (3.9.), «Elephant» von Gus Van Sant (6.9.), «The Player» von Robert Altman (7.9.), «Happy End» von Michael Haneke (9.9.) sowie «Die Werckmeisterschen Harmonien» von Béla Tarr (24.9.) und «Lola Montès» von Max Ophüls (14.9.). (red)

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