Winterthur

«Das Proben-Halbjahr war ziemlich verrückt»

Der 25-jährige Winterthurer Daniel Borak hat sechs Weltmeistertitel im Stepptanz. Im Zirkus Rigolo habe aber auch er noch einiges dazulernen können.

«Ich freue mich darauf, mit Skateboard statt Auto zur Vorstellung zu kommen»: Daniel Borak, Tänzer.

«Ich freue mich darauf, mit Skateboard statt Auto zur Vorstellung zu kommen»: Daniel Borak, Tänzer.

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Herr Borak, wie kommt man zum Zirkus?
Ich sass gerade im Café in New York, als die Anfrage per E-Mail kam. Ob ich eine Choreografie auf Sand ausarbeiten könne. Ich musste lächeln, denn ich hatte zu dem Zeitpunkt gerade noch Sand zwischen den Zehen von einem Kurs bei Guillem Alonso, dem Meister des Sandtanzes.

Moment. Sie sind Stepptänzer. Geht das überhaupt auf Sand?
Ja. Man kann dafür Steppschuhe verwenden, jedoch ohne Metallplättchen – die harte Ledersohle erzeugt einen schleifenden Sound wie die «Beseli» beim Schlagzeug. Bei Rigolo tragen wir Lederschläppchen. Das gibt ein etwas leiseres, feineres Geräusch.

Beim Choreografieren blieb es dann aber nicht – Sie stehen bei «Wings» gleich in mehreren Nummern auf der Bühne. Warum sind Sie dem Ensemble beigetreten?
Zunächst weil ich mich mit dem anderen Tänzer, Kemal Dempster, blendend verstanden habe. Vor allem aber, weil ich hier viele Freiheiten geniesse. In meiner Solonummer zum Beispiel gibt es immer auch Improvisations-Parts. Der Perkussionist Julius Oppermann und ich fordern uns gegenseitig heraus, so bleibt es spannend – ich könnte nicht 200 Mal genau das gleiche Programm abspulen. Rigolo ist sowieso wie eine ständige Weiterbildung.

Sie sind sechsfacher Weltmeister, ein alter Hase. Da kann Sie doch nichts mehr überraschen?
Im Gegenteil. Je länger man dabei ist, desto mehr erkennt man, wie viel Spannendes es da im Universum der Kunst noch zu lernen gibt. Nicht nur tänzerisch, auch über Personalführung, Technik, Inszenierung oder Werbung: Das ist für mich extrem wertvoll.

Bis das Programm bühnenreif war, haben Sie ein halbes Jahr lang fast jeden Tag geprobt. Wie ging das mit Ihrem restlichen Leben unter einen Hut?
Diese Monate waren tatsächlich ein wenig «psycho». Wir haben tagsüber in Wattwil geprobt und abends bin ich nach Winterthur gefahren und habe unterrichtet. Ausserdem gab es noch ein Herzensprojekt zu organisieren: Ich wurde an das weltgrösste Stepptanzfestival «Rhythm World» in Chicago eingeladen – dafür nahm ich 20 meiner Schüler aus Winterthur mit. Dazu kamen meine Auftritte in «Das Zelt-Varieté» mit Sven Epiney, das Mitkreieren und Aufführen der Jonglage-Tap-Show «Funny Feet» mit Lukas Weiss und Sophie Rupp, Strassenshows sowie weitere kurze Engagements im In- und Ausland. Zum Glück sind meine Mutter Liba und ich in unserer Tanzschule unsere eigenen Chefs und können uns gegenseitig vertreten. Und meine Freundin Natalie Wagner ist selbst Profitänzerin, sie kennt den Lifestyle.

A propos Lifestyle: Ist das Zirkusleben so, wie man es sich vorstellt, eine Art verschworene Kommune oder Grossfamilie?
Manche der Artisten aus dem Ausland teilen sich eine Wohnung. Es ist aber nicht so, als würde man ständig aufeinandersitzen und hätte kein Privatleben mehr. Ich selbst fuhr ohnehin jeden Abend nach Hause. Aber klar schweisst das tägliche Training sehr zusammen. Wir haben das Glück, dass die Gruppe sehr harmoniert, es gibt niemand, der abseitssteht.

Mit nur sieben Artisten ist Rigolo ja kein typischer Zirkus.
Ja. Unter anderem deswegen hat das Proben auch so lange gedauert. Im klassischen Zirkus holt man sich Experten, die sich dann in abgeschlossenen Nummern ihre Spezialität vorführen. Hier wurde alles so entwickelt und durchkomponiert, dass es wie aus einem Guss wirkt und jeder spielt in mehreren Nummern mit. Dies macht es zu einem Gesamtkunstwerk.

Hat sich der grosse Aufwand gelohnt?
Ich persönlich finde, dass etwas wirklich sehr Spezielles und Einzigartiges herausgekommen ist. Eine Mischung aus Poesie und Artistik, Physik und Tanz. Ich glaube, das Resultat berührt. Es gab am Ende jeder Vorstellung Leute, die sich Tränen aus den Augen gewischt haben.

Jetzt macht der Zirkus in Winterthur halt – was bedeutet Ihnen dieses Heimspiel?
Es ist megatoll. Wir sind mit der Tanzschule natürlich schon oft aufgetreten, aber diese Riesenhalle, das ist extrem. Ich hoffe, dass alle Bekannten da sind, und freue mich, dass ich mit Skateboard statt Auto zur Vorstellung fahren kann.

Können Sie sich vorstellen, dem Zirkus treu zu bleiben?
Ich habe das Gefühl, mit Rigolo stehen wir noch am Anfang. Die Tournee wird bestimmt noch weitergehen, neue Spielorte dazukommen. Aber grundsätzlich kommt es sehr aufs Projekt an. Ich mag Abwechslung. Meine Mission ist es, den Stepptanz einem breiten Publikum zu zeigen. Viele haben noch Fred Astaire im Kopf, mit Stock und Hut. Das war etwas unglaublich Schönes, Fred Astaire war ein Genie – aber seither ist unglaublich viel gegangen, das Steppen hat sich weiterentwickelt.

Erstellt: 06.04.2015, 14:22 Uhr

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