Bühne

«Das Stück ist ein Aufstand»

Der in der Schweiz lebende russische Autor Michail Schischkin macht aus Fritz Langs Spielfilm «M – eine Stadt sucht einen Mörder» von 1931 ein aktuelles, zeitkritisches Stück.

Der russische Autor Michail Schischkin schrieb mit dem Film «Mörder unter uns» als Vorlage ein zeitkritisches Stück.

Der russische Autor Michail Schischkin schrieb mit dem Film «Mörder unter uns» als Vorlage ein zeitkritisches Stück. Bild: Marc Dahinden

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Warum dient gerade Langs Film als Vorlage für Ihr Stück «Mörder unter uns»?
Michail Schischkin: Im Film geht es um eine Stadt, die einen Kindermörder sucht, aber eben auch um den kommenden Faschismus, um die komplizierten Beziehungen zwischen Gesellschaft und Staat, um Menschenrechte, um Grundsätze der Demokratie und die Schwächen eines Rechtsstaates. Alles lauter aktuelle Themen auch heutzutage. Warum? Wegen der rechts-populistischen Welle, die Europa flutet. Sie kommt zeitgleich mit anderen Bedrohungen wie Terrorismus und Flüchtlingen. Und die Leute fragen sich: Kann ein demokratischer Staat uns wirklich vor Gefahren schützen?

Kann er das denn nicht?
Im Film wirft Lang die Frage auf, ob es ethisch sei, einen Mörder zu lynchen, oder ob er ein Recht auf einen Prozess und eine menschliche Behandlung habe. Denken Sie nur an den Massenmörder Breivik. Er hat das Recht, den norwegischen Staat vor Gericht zu ziehen wegen seiner Haftbedingungen: Er beklagte sich darüber, dass das Essen in der Mikrowelle erwärmt sei, dass er statt Playstation 3 nur Playstation 2 bekomme zum gamen. Was müssen die Mütter der Ermordeten dabei fühlen? Danach muss man nicht mehr darüber staunen, wenn sie für die Einführung der Todesstrafe stimmen.

Und was hat das mit Langs Spielfilm zu tun?
Langs Film handelt von der Verletzlichkeit eines demokratischen Rechtsstaates. Er spürte bereits, was auf ihn und die Zuschauer zukommen wird. Das berühmte Zitat aus dem Film lautet: «Mütter müssen besser auf ihre Kinder aufpassen!» Aber was ist, wenn der Staat selbst ein Täter ist? Da ist der Zusammenhang zu Russland nicht weit: Nach der Geiselnahme in Beslan 2004 zeigte sich, dass der russische Geheimdienst davon gewusst hatte. Diese Kinder wurden zum Wechselgeld in einem politischen Spiel. Dafür starben sie. Nach Beslan sind die letzten Zeichen der Demokratie und des Rechtsstaates in Russland verschwunden. Die Mütter von Beslan kamen zum Jahrestag der Tragödie in T-Shirts mit dem Aufdruck «Putin – der Henker von Beslan» – sie wurden verhaftet.

Sie haben Langs Film also auf Russland umgedichtet?
Es ist eher ein Aufstand, mein Aufstand gegen bestimmte Methoden der Kunst, die Realität zu verdauen.

Was meinen Sie damit?
Ich finde es grundsätzlich amoralisch, eine Oper oder ein Ballett zum Thema Holocaust oder Kindermord zu machen. Meinen Aufstand vertraue ich den Schauspielern an, die sich im Stück gegen die Art und Weise auflehnen, diese ernsten Themen als Musical auf die Bühne zu bringen. Dann geht der Aufstand weiter, die grundsätzlichen Themen der Kunst und der Politik werden aufgegriffen. Ich habe bereits mehrmals erlebt, dass geschriebene Worte eine magische Kraft entwickeln und sich in der Realität verwirklichen.

Wie schätzen Sie die Beziehung zwischen der Schweiz und Russland ein?
Darum geht es auch im Stück. Die Schweizer haben sich gefreut, als Gorbatschow die Öffnung angekündigt hat, aber was hat die Schweiz gemacht, um der jungen russischen Demokratie auf die Beine zu helfen? Dabei müssten sie nur etwas tun: mit ihrem eigenen Beispiel zeigen, wie die Demokratie funktioniert und was ein Rechtsstaat ist. Man müsste einfach eigenen Gesetzen folgen, nichts mehr.

Tun sie das nicht?
Nein, es gibt ein ungeschriebenes Gesetz: Beim grossen Geld hört der Rechtsstaat auf. Die Banditen an der Macht in Russland stehlen beim eigenen Volk Naturschätze und verkaufen die Beute nach Westen. Grosses Geld aus Russland – das ist kriminelles Geld, und in der Schweiz hat man sich über dieses Geld in den letzten zwanzig Jahren sehr gefreut. In einem wahren Rechtsstaat würde man einfach die Gesetze gegen Geldwäscherei anwenden, und die Kriminellen aus Russland und ihre Helfershelfer und Hehler aus der Schweiz wären im Gefängnis.

Donnerstag, 14.11., 20 Uhr, Kellertheater Winterthur. Weitere Aufführungen bis 17.11.

Erstellt: 08.11.2019, 14:53 Uhr

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