Winterthur

«Der Trend zum dokumentarischen Theater hält an»

Wo steht das Theater in der Schweiz heute? Antworten von Claudia Rosiny, die seit 2012 im ­Bundesamt für Kultur die Preise für Theater und Tanz aufgebaut hat. Die Preisträger werden von einer Fachjury ausgewählt.

Mag sowohl traditionelles wie auch neues Theater: Claudia Rosiny.

Mag sowohl traditionelles wie auch neues Theater: Claudia Rosiny. Bild: Adrian Moser

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Neben dem Grand Prix Theater, der den seit 1957 verliehenen Hans-Reinhart-Ring weiterführt, vergibt der Bund weitere Theaterpreise. Nach welchen Kriterien? Claudia Rosiny: Die Schweizer Theaterszene ist gross und so vielfältig, dass man sie nicht in feste Schubladen stecken kann. Deshalb haben wir auf einen Wettbewerb, wie wir ihn bei den Tanzpreisen eingerichtet haben, verzichtet. Den Kern des Theaters bildet nach wie vor die darstellerische Leistung, deshalb vergeben wir zwei Preise für eine herausragende Schauspielerin und einen Schauspieler. Dazu kommen pro Jahr drei bis fünf Theaterpreise für Einzelpersonen oder Gruppen, die aufgefallen sind, weil sie mit ihrem Schaffen das Schweizer Theater sichtbar beeinflussen.

Ist das Theater in der Schweiz ein Service public?
Allgemeine Fragen sind schwierig zu beantworten, gerade in der vielsprachigen Schweiz, wo sich das Theater an den jeweiligen Nachbarländern Deutschland, Frankreich und Italien orientiert. Die Preise und das Theatertreffen wollen nicht zuletzt für das anderssprachige Theater sensibilisieren, insofern kann man sagen, dass sie einen Service public leisten. Wobei klar ist, dass nicht alle Produktionen von der breiten Masse besucht werden. Immerhin kommt ein grosser Teil der Szene an die Verleihung der Schweizer Theaterpreise, vom Bodensee bis nach Genf.

Die Spielpläne der grossen Theaterhäuser werden nach wie vor von bewährten Klassikern wie Ibsen, Molière, Dürrenmatt und Beckett dominiert, ­während man zeitgenössische Stücke relativ selten sieht.

Gleichzeitig wird beispielsweise auch immer mehr Theater im öffentlichen Raum gespielt, das ein junges Publikum anspricht. Vieles kommt aus der freien Szene, und Stefan Kaegi, der jetzt den Hans-Reinhart-Ring bekommt, hat auch schon im Zürcher Schauspielhaus inszeniert. Wie man die Auswahl der Stücke beurteilt, ist eine Frage der Perspektive: Die Stadttheater erhalten viele öffentliche Gelder und müssen damit auch die Interessen des Publikums bedienen; dass wenig neue Stücke aufgeführt werden, kann ich nicht bestätigen, pauschale Eindrücke täuschen meistens.

Die freie Szene, Sie haben es angesprochen, ist oft innovativer und geht mehr Risiken ein als die eta­blier­ten Häuser. Im Programm des Theatertreffens kommt sie aber nicht vor.
Diese Auswahl trifft das Kuratorium des Theatertreffens, das dafür neben Bundesgeldern auch eigene Gelder zur Verfügung hat. Die freie Szene ist jedoch in den Produktionen aus der Romandie und dem Tessin vertreten. Aus dem einfachen Grund, weil das Theater dort zur Hauptsache aus freien Gruppen besteht, die für einzelne Produktionen engagiert werden. Die Stadttheater mit ihren Spielplänen sind eine Eigenart der Deutschschweiz.

In Ihrer Funktion dürften Sie die Übersicht über die Schweizer Theaterlandschaft haben. Gibt es da dominierende ­Debatten oder Trends?
Eine Übersicht, das masse ich mir nicht an. Gesellschaftliche Themen können sich auch in der Wahl von Klassikern und ihren Inszenierungen spiegeln, dafür braucht es nicht zwingend neue Stücke. Der Trend hin zum dokumentarischen Theater hält jedoch meines Erachtens klar an. Nicht nur Stefan Kaegi steht für diese Richtung, auch Milo Rau, der im letzten Jahr einen Theaterpreis bekommen hat.

Ist das dokumentarische Theater, das oft mit Laien aufgeführt wird, nicht ein Widerspruch in sich? Das Theater lebt doch, wie der Film, von der Illusion.
Dass es funktioniert, haben die Produktionen von Rimini-Protokoll bewiesen. Klar liebe ich auch das Theater, wie es Omar Porras macht, unser Hauptpreisträger vom letzten Jahr, wo man reinsitzen und geniessen kann. Das dokumentarische Theater hat mehr die Funktion, zu verstören und die gewohnten Kategorien unseres Alltags ausser Kraft zu setzen. (Landbote)

Erstellt: 29.05.2015, 14:11 Uhr

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