Winterthur

Die Ohnmacht der Eltern. Ein Märchen aus der Konfliktzone

Die Schweizer Filmemacherin Esen Isik schickt in «Al-Shafaq» einen Vater auf der Suche nach seinem Sohn ins syrisch-türkische Grenzgebiet. Ihr Film ist auch ein Versuch, die beidseitigen Opfer ein und desselben Konflikts einander nahe zu bringen.

Ein politischer Film mit märchenhaften Zügen: «Al-Shafaq» von Esen Isik.Foto: PD

Ein politischer Film mit märchenhaften Zügen: «Al-Shafaq» von Esen Isik.Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Al-Shafaq» ist gross angedacht, dieser nach «Köpek» zweite kinolange Film der türkischstämmigen Schweizer Filmemacherin Esen Isik. Im Zentrum: Eine Frau fordert von ihrem Gatten, er soll ihren Sohn zurückbringen. Wobei Emine gar nicht so sicher weiss, ob sie Burak wirklich zurückhaben möchte.

Denn anders als Vater Abdullah hat Emine gesehen, wie sich ihr Jüngster in der Pubertät zu verändern begann. Nicht so wie sein Bruder, der sich zwischen dem muslimischen Elternhaus und den Freiheiten der westlichen Gesellschaft einzurichten verstand. Auch nicht wie seine Schwester, die ab und zu trotzig aufbegehrt und das Kopftuch auch schon mal auszieht. Burak ist anders. Auch heftig. Aber nicht, wenn es darum geht, die Freiheiten der westlichen Gesellschaft für sich zu reklamieren, sondern, sie zu verteufeln. Im Namen einer Religion und seines Glaubens, des Islams. So dass er seiner Mutter immer fremder, immer ungeheuerlicher wird.

Und dann trifft eines Tages diese fast schon stereotype Video-Nachricht ein, mit der sich radikale beziehungsweise radikalisierte IS-Anhänger aus dem zivilen Leben zu verabschieden pflegen. Jetzt wird Emine, die sich ihrem Mann weitgehend klaglos unterstellt, für einmal heftig und schickt ihn los, den verlorenen Sohn zu suchen.

Ein grüner Lieferwagen

Esen Isik zeigt das Leben der Familie Kara in Zürich in kurzen, aber stimmigen Szenen, die Schlaglichter auf ein Leben zwischen östlicher Herkunft und westlichem Wohnort werfen.

Al-Shafaq, wenn der Himmel sich spaltet - Trailer from Outside the Box on Vimeo.

Der Film beginnt in der Türkei, wo Abdullah nach langer Reise in einem Krankenhaus seinen schwerverletzten Sohn findet, der stirbt, ohne nochmals das Bewusstsein zu erlangen. Später wird ein grüner Lieferwagen durch syrisch-türkisches Grenzgebiet fahren – es ist die zentrale Szene des Films. Der Lieferwagen transportiert zwei Särge, im zweiten liegt die Leiche des syrischen Kurden, Berdan, der ungefähr gleich alt wie Burak war und bei einer Gasexplosion in einem Flüchtlingscamp ums Leben kam. Berdan war vor einer Weile – die zeitlichen Ebenen sind in «Al-Shafaq» nicht so klar markiert – mit seinem kleinen Bruder Malik aus Syrien in die Türkei geflohen. Ihr Vater wurde von der IS erschossen, Mutter und Schwester haben sie auf der Flucht aus den Augen verloren, sie gelten als verschollen.

Aus Sicht der Eltern gedreht

In der Führerkabine sitzen neben dem Fahrer nun also Abdullah und der kleine Malik. Sie sind sich auf dem Dach des Krankenhauses das erste Mal begegnet, wo Abdullah Malik vor dem Sprung in die Tiefe bewahrte; ihre Wege kreuzen sich im Film verschiedentlich wieder, bis sie schliesslich – fast märchenhaft schon – zusammenfinden.

Abdullah und Malik sind in der Geschichte, die Isik erzählt, die überlebenden Opfer ein und desselben Konflikts. Die Filmemacherin hütet sich dabei wohlweisslich, die Grenzen klar zu markieren. In welche kriegerische Konflikte Baruk verstrickt war, wie er sich verletzte und ob er unter denjenigen war, die Malik und seine Familie von ihrem Hof vertrieben, bleibt ebenso ungeklärt wie die Frage, was ihn in die Radikalisierung trieb: In letzter Konsequenz ist dieser sehr – zuweilen vielleicht etwas gar zu – vielschichtige Film aus der Sicht der ohnmächtigen Eltern gedreht. Isik versteht ihren Film als politischen Aufruf, hütet sich aber vor einer Schuldzuweisung.

Zürich und Türkei

Isik hat «Al-Shafaq» in Zürich und der Türkei gedreht. Sie erzählt in Rückblenden und zum Teil grosen Sprüngen, aber immer mit feinem Gespür für die Befindlichkeit der Protagonisten: Die Not des strenggläubigen Vaters, den die Reue plagt. Die verzweifelte Einsamkeit des plötzlich familienlosen Knaben, der sich unter den Fittichen seines Bruders in eine Freiheit zu träumen lernte, die in Wirklichkeit nicht existiert.

Mit Kida Khodr Ramadan, bekannt aus der deutschen TV-Serie «4 Blocks», als Abdullah und dem syrischen Flüchtlingsjungen Ahmed Kour Abdo als Malik ist «Al-Shafaq» stark besetzt. Ein kluger Beitrag zu einem brennenden Thema.

Samstag, 16.11., 20.15 Uhr, Kino Cameo, Lagerplatz. Weitere Aufführungen: 19.11., 22.11., 28.11.

Erstellt: 12.11.2019, 15:02 Uhr

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!