Theater Winterthur

Die Rache der Egoisten

«Versetzung» von Thomas Melle handelt von einem Gutmenschen, der alles richtig macht. Dann wird bekannt, dass er ein psychisches Problem hatte.

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Ronald hat es fast geschafft: Er erklimmt die letzte Sprosse auf der Karriereleiter — ohne sich anstrengen zu müssen, wie es scheint, einfach weil er gut ist. Als Lehrer ist er fachlich wie pädagogisch kompetent, die Kollegen mögen ihn, der Direktor des Gymnasiums hat ihn zu seinem Nachfolger auserkoren, seine Wahl gilt als sicher. Privat steht die Ampel ebenfalls auf grün: seine Frau ist schwanger. Dann bricht die Vergangenheit über ihn herein.

In seiner Studienzeit litt er an einer manisch-depressiven Erkrankung. Als seine Konkurrenten und Widersacher davon Wind bekommen, lassen sie sich die Chance nicht entgehen. Am Ende verliert Ronald, der einmal Roland war und nun von seinem Alter Ego heimgesucht wird, alles, seine Frau, seinen Job und seinen Verstand. Wie war das nur möglich? Vergeblich versucht er sich einen Reim darauf zu machen.

Die Kunst des Autors

Im Stück «Versetzung» von Thomas Melle, mit dem das Stadttheater St. Gallen im Theater Winterthur zu Gast ist, hat der Autor, wie schon im Roman «Die Welt im Rücken», seine eigene bipolare Erkrankung und das Misstrauen, mit dem die Umwelt darauf reagiert, zum Thema gemacht. Die Geschichte wirkt realistisch, auch wenn die Figuren überzeichnet sind, was in diesem Fall keinen Moment stört.

In des Stück wurde vieles eingebaut, das an die Gegenwart erinnert, etwa die Manie, sich zu entschuldigen.

Gleichzeitig, und darin liegt die Kunst des Autors, nimmt das Geschehen unaufhaltsam seinen Lauf, wie in der griechischen Tragödie. Die zentrale Frage nach der Ursache bleibt offen: Sind es tatsächlich die Geister der Vergangenheit, die der Protagonist mit den Zügen des personifizierten Gutmenschen nicht mehr los wird?

Oder ist es vielmehr die Gier und der Egoismus «der Gesellschaft», die ihn in den Abgrund treibt? Haben wir am Ende ein komplexes Feld sich gegenseitig beeinflussender Faktoren vor uns, in dem nicht mehr von Ursachen und Wirkungen (und dann auch nicht mehr von Schuld) die Rede sei kann?

Sicher ist, dass Roland das Bild, das sich die anderen von ihm machen, nicht mehr los wird. Kann er garantieren, dass er keinen Rückfall haben wird? Selbstverständlich nicht, wenn er auch versichert, dass er daran glaubt — aber was ist sein Glaube jetzt noch wert? Kann man die Kinder diesem Risiko aussetzen?

Der Direktor, der ihn zuerst noch ermahnt hat, um seinen Ruf zu kämpfen, findet jetzt, es sei nicht mehr zu verantworten. Als einzige hält seine Frau zu ihm, und es gibt eine lange Szene, in der sie unermüdlich und mit wachsender Verzweiflung die Stühle in Ordnung bringt, die er anschliessend wieder auf den Boden legt — der vergebliche Kampf gegen den Wahn.

Indes, das Stück zeichnet nicht nur das Bild einer Krankheit, es weist darüber hinaus. Gute Menschen sind wir alle. Und wer hat nicht dunkle Zeiten erlebt, in denen er nicht bei sich war oder der Überzeugung anhing, dass die anderen gegen ihn seien.

«Versetzung» ist in dieser Inszenierung von Jonas Knecht auch ein komisches Stück. Mit dem Mittel der Groteske ist etwa der Vater überzeichnet, der sich als Impfgegner in Stellung bringt und zuerst Ronalds Frau, dann auch den Schuldirektor zu erpressen versucht — seine fixe Idee ist ihm als permanente Rücklage in den Körper eingeschrieben. Und die Mutter, die Roland in seinem früheren Leben gekannt haben will und die ihn jetzt — vergeblich — zu verführen versucht, fällt mit einer marionettenhaften Haltung auf, die an die Hure im Filmklassiker «Metropolis» erinnert. Die sind auch nicht gerade «normal».

Abgesehen von Ronald, der offen und authentisch ist und darin auch einen Prototyp der Gegenwart verkörpert, und abgesehen auch von seiner empathischen Frau, stehen alle Figuren auf der Kippe zwischen Realismus und Karikatur. Sie könnten allesamt auch Ausgeburten von Ronalds Fantasie sein, der nicht zufällig in seiner wilden Zeit Gedichte geschrieben hat.

Melle hat in sein Stück vieles eingebaut, das an die Gegenwart erinnert. Etwa die Manie sich zu entschuldigen, die sich prompt als ihr Gegenteil entpuppt. Wie Pfeile hageln die «Entschuldigung»-Rufe auf den Adressaten nieder. Das Ensemble spielt mit spürbarem Vergnügen, das sich auch auf das Publikum überträgt. Dazu gibt es, live auf der Bühne, stimmungsvolle, witzige und bedrohliche Klänge des Gitarristen Nico Feer. Ein Prise davon genügt, um die Szene zu verwandeln. Das alles ist ein sehr lebendiges Spiel.

Letzte Vorstellung: Freitag, 19.30 Uhr, Theater Winterthur, Hinterbühne.

Erstellt: 15.01.2020, 15:15 Uhr

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