Lesung

«Die Rhetorik stets im Hinterkopf»

In ihrem poetischen Lebensbuch «Mein Alphabet» stellt Ilma Rakusa Erinnerungen neben Reflexionen über ihr Tun und Sein. Am Montag liest die Autorin in der Coalmine.

Ilma Rakusa liest am Montag aus ihrem neuen Band.

Ilma Rakusa liest am Montag aus ihrem neuen Band. Bild: Adrian Moser

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In «Mehr Meer» folgte die Schriftstellerin Ilma Rakusa, die ihre frühe Kindheit in Budapest, Ljubljana und Triest verbracht hat, den Spuren, den ihr die Erinnerungen in jene Zeit wiesen, und kehrte in diese prägenden Jahre zurück, liess sie auferstehen, erfand sie neu. Vor zehn Jahren erhielt sie für diese «Erinnerungspassagen», wie der Untertitel des Buches lautet, den Schweizer Buchpreis.

Der neue Band «Mein Alphabet» schliesst in gewisser Weise daran an. Er ist eine lose, alphabetisch geordnete Sammlung von Erinnerungen, Reflexionen und Gedichten zu Stichworten wie «Blau», «Einsamkeit», «Leere», «Listen», «Morandi», «Migräne», «Pantoffeln» und «Zikadensommer», verfasst in einem nüchternen, unprätentiösen Stil, der immer wieder eine dichte, poetische Wirkung entfaltet. Etwa wenn die Autorin im Zeitraffer die Veränderungen in einem Bergtal vorüberziehen lässt: «Seit gut fünfzig Jahren besuche ich das Bergell, vor allem das Dorf Bondo. Hier habe ich geheiratet, hier liegen meine Eltern begraben. Ich konnte zusehen, wie sich die Generationen ablösten, neue Häuser entstanden, alte Ställe umgebaut wurden, wie die Bauern ausstarben, bis nur noch ein einziger übrigblieb.»

Begegnungen mit sich selbst

Oft begegnet man anderen Autoren, mit denen die 1946 geborene Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin, die unter anderem Marguerite Duras und Marina Zwetajewa ins Deutsche übertragen hat, befreundet ist oder war, dem serbischen Autor Danilo Kiš etwa oder dem russischen Lyriker und Nobelpreisträger Joseph Brodsky.

Eigene Abschnitte widmet Rakusa ihrem Kleiderstil oder den Büchern, die mit vergangenem Leben angereichert und deshalb unverzichtbare Speichermedien geworden sind. Ihre Selbstbefragung inszeniert Rakusa auch mehrfach als fiktive Interviews. Sie kapriziert sich dabei nicht auf elaborierte Wortgebilde und sucht nicht nach dem besonderen Ausdruck, wenn schon einer nahe liegt: Das leidenschaftliche Klavierspiel etwa hat sie aufgegeben, weil die Literatur sie «auf Trab» hielt. Der Stoff, der dem Gedichtband «Love after Love» zugrunde lag, war «Emotion pur».

Heitere Wortmusik

Stets eine Bereicherung sind die auf Reisen gesammelten Bilder. Über Japan etwa heisst es im ersten Satz: «Da wollte ich immer hin.» Rakusa verwandelt sich vor unseren Augen in eine Japanerin, man sieht sie zwischen Futon und Schiebetür über den Fussboden gleiten. Dieses Japanbild ist ein Bild der «perfekten Einfachheit». Aber eben nur ein Bild. Die Wirklichkeit ist nämlich ein Vielfaches, wie die anschliessende Liste der im Land beobachteten Gegensätze belegt.

Auf eine ganz unaufdringliche Art ist das Buch auch ein Lebensbuch, das sich Gedanken macht, wie zu leben wäre. Es ist dies ein Zug, den man auch in ihrer Lyrik findet, zum Beispiel im «Gedicht gegen die Angst» aus dem 2016 erschienenen Band «Impressum»: “schaue das Meer / rieche das Gras / kränke kein Kind / iss keinen Frass / lerne im Traum / schreibe was ist / nähre den Tag / forme die Frist». Hier werden, ähnlich wie in der nun vorliegenden, alphabetisch geordneten Textsammlung, Dinge nebeneinander gestellt, die nicht auf den ersten Blick zusammengehören. Eine sanfte Heiterkeit liegt in der so erzeugten Wortmusik.

Diese Wirkung wird noch verstärkt, wenn die Autorin ihre Texte vorträgt. Sie tut es ruhig, fliessend, in einem unnachahmlichen, leicht singenden Tonfall. Tatsächlich sind ihre Texte auf den Vortrag hin komponiert, wie sie im Abschnitt «Interpunktion» bekennt: «Die Texte sollen im Idealfall laut gelesen, bzw. vorgetragen werden. Ich schreibe sie halblaut, die Rhetorik stets im Hinterkopf.»

Montag, 11.11., 19.30 Uhr, Coalmine, Turnerstrasse 1. Ilma Rakusa liest auf Einladung der Literarischen Vereinigung Winterthur.

Erstellt: 09.11.2019, 15:42 Uhr

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