Kurzfilmtage

Die ganz alltäglichen Dramen

Der Donnerstag an den Kurzfilmtagen gehört den Schweizer Filmschulen. Die Filmschaffenden boten bisweilen erschreckend tiefe Einblicke in verschiedene Lebenswelten.

Im Altersheim erlebt Mama Rosa etwas Leichtigkeit.

Im Altersheim erlebt Mama Rosa etwas Leichtigkeit. Bild: PD

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Das Leben ist ein Drama. Jeden Tag. Das zeigen die Filme, die aus den fünf Schweizer Filmschulen kommen. Doch manchmal ist das Leben eben auch ein Klassenlager: Am Donnerstagmorgen war der Saal im zweiten Stock des Casinotheaters voll. Filmemacherinnen und -macher aus der ganzen Schweiz waren da, um ihre Werke einer Jury zu präsentieren. John Canciani, der Direktor der Kurzfilmtage, stimmte das Publikum auf den Tag ein und gab den jungen Filmschaffenden auch praktische Festivaltipps auf den Weg. Man solle doch tagsüber im Hostel einchecken, damit man wisse, wo man übernachte, und nicht erst morgens um zwei Uhr. Oder dass man Lunch und Dinner im Jugendkafi Stadtmuur einnehme. Die Campus-Atmosphäre war perfekt.

Es sei jetzt zehn Jahre her seit der Einführung des Filmschultags, sagte Canciani. Damit bieten die Kurzfilmtage den Filmschaffenden eine Plattform, ihre Arbeiten vorzustellen und gleichzeitig zu üben, wie man sich auf Festivals bewegt. Das machen sie schon sehr professionell. Einige Filme, die an den Filmschulen entstanden sind, liefen nämlich auch schon am Filmfestival in Locarno: «Mama Rosa» zum Beispiel von Dejan Barac. Er gewann damit in diesem Jahr den «Pardino d’oro», den kleinen «Goldenen Leopard» für den besten Schweizer Kurzfilm.

«Mama Rosa» ist ein intimer Dokumentarfilm. Der Filmemacher Dejan Barac zeigt darin ganz ungeschönt den Alltag seiner Mutter, die aus Kroatien stammt und ihren Mann pflegt. Barac geht mit seiner Kamera sehr nah heran. Viele Szenen spielen sich in der Wohnung eines Hochhauses ab, oder genauer: Im Wohnzimmer, wo der Mann nur auf der Couch liegt, wo ständig eines oder mehrere elektronische Geräte laufen und der Salontisch völlig verstellt ist mit halb gefüllten Kaffeetassen, Wasser- und anderen Flaschen, Zigarettenpäckchen und Krimskrams.

«Ich muss da weg»sagt die Tochter und entschwindet grusslos

Rosa sitzt oft auf dem Sofa gegenüber, schaut ihr eigenes Programm auf dem Tablet oder scrollt sich durch ihren Feed auf dem Smartphone. Gegessen wird ebenfalls auf dem Sofa. Nicht allzu gesund, das sieht man der Mutter an. Rosa geht arbeiten; sie putzt in einem Altersheim. Nur da erlebt sie so etwas wie Leichtigkeit, denn im Pausenraum wird gelacht. Zu Hause bricht sie nicht selten in Tränen aus. Die erwachsenen Kinder lassen sich kaum blicken und halten die Atmosphäre kaum aus. «Ich muss da weg», sagt die Tochter und geht, ohne sich zu verabschieden.

Feedback und kritische Töne

Die Jury diskutierte nach dem Filmblock gemeinsam mit den Filmemachern auf der Bühne auf Englisch, damit alle die Diskussion verstehen können. «Verstörend» sei dieses Porträt über Mama Rosa, und das Wohnzimmer, in dem die meisten Szenen spielen, «klaustrophobisch». Regisseur Dejan Barac sagte dazu, er habe die Situation zu Hause möglichst neutral darstellen wollen. Doch auch kritische Töne gab es von der Jury: «Die vielen Personen im Film haben mich verwirrt», sagte Anne Gaschütz, stellvertretende Leiterin des Filmfests Dresden.

Die Diskussionen der Jury zeigten unmittelbar nach den Filmvorführungen, was in den Werken besonders gelungen ist und wo die Schwachstellen sind. Für das Publikum ist das wertvoll: Es hilft, den Film einzuordnen und zu verstehen. Zum Beispiel beim fiktionalen Film «Scherbenmosaik», der häusliche Gewalt an Männern thematisiert. «Da sind viele Klischees», sagte Jurymitglied Vladan Petkovic, Filmjournalist aus Serbien. Genau das ist auch der Grund, weshalb man esLena nicht abnimmt, dass sie ihren Partner Fabrice verprügelt. Ihre Ausbrüche wirken viel zu gespielt.

Die Gewinner mit ihrem Preis. Bild: Andrin Fretz / IKFTW

Viele Dramen tragen sich in den Werken der jungen Filmschaffenden zu. Und mit Emotionen wird nicht gespart. In den teilweise tiefen Einblicken in verschiedene Lebenswelten steckt aber auch Humor. Wir begleiten etwa den Ghanaer Isaac, der in Palermo auf der Strasse lebt. Er versucht im Film «Excelsior 88-22-70» von Elijah Graf den Code für die garantiert richtigen Lottozahlen zu knacken. Dafür braucht er unzählige Listen und erklärt die Logik hinter den Gewinnzahlen. Das ist oft sehr komisch. Oder die Jugendgang im Wohnkomplex «bloc b» von Nora Longatti, die auf der Betontreppe Austern isst. Es scheint, als wäre es ein religiöses Ritual. Im selben Film klopft ein Metzger eine gefühlte Ewigkeit kraftvoll auf sein Stück Fleisch, man weiss nicht, ob man lachen oder vor Befremden erstarren soll.

Den mit 5000 Franken dotieren Preis für den besten Schweizer Schulfilm vergab die Jury am Abend an «bloc b» der 30-jährigen Nora Longatti, die derzeit in Lausanne studiert.

Erstellt: 08.11.2019, 12:48 Uhr

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