Bühne

Die heitere Anarchie des Alters

Das Kellertheater inszeniert Katja Brunners Stück «Geister sind auch nur Menschen» über das Altsein mit einem heiteren Sinn für die Möglichkeiten der Sprache.

Alte Menschen, junge Geister: Ursula Reiter, Wanda Wylowa und Doris Strütt (von links).

Alte Menschen, junge Geister: Ursula Reiter, Wanda Wylowa und Doris Strütt (von links). Bild: PD

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Wie in einer Arena, auf einer erhöhten Tribüne an drei Seiten der quadratischen Spielfläche sitzt das Publikum und blickt hinab auf drei weiblichen Gestalten. Sie tragen weisse Seidenkleider, die schillern zwischen Nachthemd und Totenhemd (Bühne: Jimena Cugat, Kostüme: Claudia Binder). Luftgestalten sind es, listig, zynisch, verspielt und herzlich. Ursula Reiter, Doris Strütt und Wanda Wylowa spielen und sprechen das Stück «Geister sind auch nur Menschen» von Katja Brunner. Das sind teilweise drastische Szenen aus dem Altersheim, teilweise ist es eine assoziationsreiche Textfläche aus den Köpfen von Menschen, die alt geworden sind, innen aber noch jung sind.An das Kind im Menschen erinnert das Kinderlachen, das am Beginn zu hören ist, bevor die Frauen durch einen dünnen, weissen Vorhang hereinkommen, der auch als Leinwand dient.

Eine Art Internat

Die Unbeschwertheit wird gleich mit einer Vorstellung kontrastiert, vor der wir lieber die Augen verschliessen: «Aber Frau Heisinger, Sie können doch nicht die ganze Wand voll koten.» Gegen Anarchie und Inkontinenz gibt es im Heim Regeln, das Raucherzimmer hat Öffnungszeiten, sich zu betrinken ist nicht erlaubt, kurz, der Ort ist eine Art Erziehungsanstalt. Brunner greift – in einer Sprache, die an Elfriede Jelinek erinnert – Bilder auf, die über das Alter im Umlauf sind, und zeigt, dass sie, ihrer vordergründigen Abgeklärtheit zum Trotz, die Müllhalde sind, auf der wir das Thema entsorgen – man denke etwa an die zuckrige Milde, die der Grossmutter in der Versicherungswerbung ins Gesicht geschrieben wird. Wie die Wespe, die im Honigtopf ersäuft, so fühlt man sich auf den Dampfschifffahrten und im Zoo, wo man eine Beziehung zum Orang Utan aufbauen darf, während sich kein Mensch mehr für einen interessiert.

Spiel der Vorstellungskraft

Es ist kein trauriges Stück, überhaupt nicht, es wird gelacht, in der Performance der drei Schauspielerinnen ist die Lust an den Sprachbildern und überhaupt an dem, was sie erzählen, gut zu spüren. In gewissen Augenblicken wird deutlich, dass Brunners Text von der Sprache angetrieben wird. Entsprechend ist die Spielfläche kein Altersheim, sondern ein karger Raum, offen für die Vorstellungskraft. Einen umso stärkeren Eindruck macht eine stumme Szene, in der die körperlichen Gebrechen angedeutet werden.

Die Figuren sind oft einnehmend heiter. Sind sie schon am Ziel angekommen? Frau Heisinger (Doris Strütt, die auch Regie führt) trägt eine blonde Perücke und posiert mit einem Siegerkranz, während Bilder aus einem alten Römerfilm über die Leinwand laufen; sie wirkt leicht ungehalten, wenn sie ihren litaneiartigen Text spricht, mädchenhaft, irritiert und neugierig zugleich angesichts der Lage, in die sie da geraten ist – jeder alte Mensch ist zum ersten Mal alt, er kennt sich da auch nicht aus.

«Wem gehört dieser Körper hier», fragt sich die Weissharige in einem eindrücklichen Monolog (Ursula Reiter); das Fremdsein hört mit dem Alter nicht auf. In der nächsten Szene wird das Behördendeutsch der Anweisungen parodiert – eine Vielfalt von Stimmungen prägt die siebzigminütige Aufführung, die keine Längen hat, sondern überraschend leicht und unterhaltsam daher kommt. Das liegt auch daran, wie hier gesprochen wird, mit einer wachen Empathie für den Text, gerade auch bei Ratgeberprosa, etwa wenn Sex als «durchblutungsfördernd» angepriesen wird («Masturbieren Sie langsam») oder von der Sehnsucht die Rede ist, wieder einmal berührt zu werden, «ohne den Geschmack der Funktionalität» (Wanda Wylowa).

Platz zum Spielen

Auch das Wünschen hört nicht auf, nur die Möglichkeiten der Realisierung schwinden. Eine leise Trauer durchzieht das Stück, etwa wenn darüber nachgedacht wird, «welche Version von mir ich hätte werden können». Wie in alten Stummfilmen geistern die Gestalten über den Vorhang (Videos: Elvira Isenring). Zwischen einer undeutlich gewordenen Vergangenheit und einer hauchdünnen Zukunft ist immer noch Platz zum Spielen.


Mi/Fr 20 Uhr, Sa/So 17.30 Uhr, Kellertheater Winterthur, Marktgasse 53. Bis 17. Juni. (Landbote)

Erstellt: 12.06.2018, 17:02 Uhr

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