Winterthur

Eine Industriehalle wird zur Showbühne

In der Halle 52 sind die Vorbereitungen für das sechswöchige Gastspiel des Zirkus Rigolo fast abgeschlossen. Der Schweizer «Nouveau Cirque» lockt mit einem weltberühmten Balanceakt.

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Diesen Mittwoch dürfen sich Winterthurer Zirkusfreunde gleich auf zwei Premieren freuen. Neben dem Circus Knie, der traditionell am Osterwochenende sein Zelt auf der Zeughauswiese aufschlägt, ist im Sulzer-Areal ein kleinerer Schweizer Zirkus zu Gast, der auf seinem Gebiet aber ebenfalls zur Weltspitze gehört.

Die Toggenburger Truppe Rigolo hat sich dem «Nouveau Cirque» verschworen, wie ihn etwa der Cirque du Soleil bekannt gemacht hat. Mädir Eugster und Lena Roth haben Rigolo vor 37 Jahren gegründet, als Strassentheater. Mit ihrer aktuellen Produktion «Wings» begeisterten sie in St. Gallen über 10 000 Besucher. Nach einem erfolgreichen Gastspiel in Olten kommt die Show jetzt für sechs Wochen nach Winterthur.

Viel Sachverstand und Fantasie

Damit das klappt, laufen die Vorarbeiten in der alten Giessereihalle 52 auf Hochtouren. Die imposante Tribüne für 500 Zuschauer steht bereits, jetzt wird an der Einrichtung gefeilt. Herr über die Baustelle ist Thomas Kraft. Er hat mehrere Produktionen von Karl’s Kühne Gassenschau begleitet und die Halle 52 für die Show «Cyclope» bereit gemacht. «Damals brauchten wir sogar eine Baubewilligung», sagt er. Diesmal sei man gerade so ­daran vorbeigekommen.

Um aus einer leeren, ungeheizten Halle eine gediegene Showbühne zu machen, braucht es dennoch einigen Sachverstand und viel Fantasie. Grosse Baucontainer dienen als Artisten-Garderobe und fürs Catering. Die Gäste sollen vor der Vorstellung ja stilvoll ­dinieren können. Einen Teil der Halleneinrichtung, darunter eine riesige Wand aus beleuchteten 1000-Liter-Kanistern, übernimmt man von der Vermieterin, dem Verein Jungkunst. Dessen Ausstellung wird im Herbst ein letztes Mal in der Halle 52 stattfinden, dann wird diese abgerissen.

Dinieren beim Riesenkreisel

Schade, denn der rohe Industrieschick steht Rigolo gut – er kon­trastiert mit den in «Wings» eingesetzten Naturmaterialien (Federn, Schwemmholz). «In einem Stadttheater käme das Stück kaum so gut zur Geltung», glaubt Kraft. «Es wäre zu aufgeräumt.»

Ein Blickfang ist das Rigolo-eigene Riesenpendel, das im Eingangsbereich an einem der gewaltigen Deckenträger hängt. An einem 14 Meter langen Stahlseil schwingt eine Zementscheibe von der Grösse eines Autoreifens. Einmal in Bewegung versetzt, zieht sie gut eine halbe Stunde lang ohne jede äussere Einwirkung ihre Kreisbahn, langsam und fast meditativ. Und wirkt trotz der 240 Kilogramm Gewicht dabei faszinierend schwerelos.

«Das ist Champions League»

«Das hier ist Champions League», sagt Zirkusdirektor Mädir Eugster, guckt zur weit entfernten Decke hoch und grinst wie ein Schulbub. Der drahtige Artist wirkt jünger als seine sechzig Jahre. Seinen runden Geburtstag hat er vor ­einigen Wochen selbst vergessen, weil er auf einen Auftritt fiel.

Dass Eugster am Ende des vierten Jahrzehnts mit Rigolo den Sprung in die grossen Hallen wagt, hat mit einem Act zu tun, den er vor 18 Jahren erfunden hat. Die Sanddorn-Balance hat ihm über die Jahre Weltruhm und eine Reihe höchster Zirkus­auszeichnungen eingebracht. Dreizehn Palmrispen und eine Feder schichtet er ohne jede Hilfsmittel zu einer flügelartigen, über fünf Meter langen Figur, deren fragiles Gleichgewicht einem den Atem stocken lässt.

Rigolo-Töchter werden flügge

«Es ist wahrscheinlich der einzige Show-Act, bei dem der Höhepunkt das Zusammenstürzen ist», sagt Eugster und lacht. Inzwischen hat er mehrere Artisten in die Balancekunst eingeführt, darunter auch seine Tochter Marula, die im Stück «Wings» die Hauptrolle spielt: Ein Mädchen, das seine Flügel, seinen Mut entdeckt. Das ist gleich doppelt passend, wird doch auch in der Rigolo-­Familie die nächste Generation, Marula und ihre Schwester Lara, flügge.

Für seinen, wie er sagt, «letzten Streich» hat sich Mädir Eugster nicht auf seiner Erfolgsnummer ausgeruht, sondern weitere aussergewöhnliche Performances entwickelt, darunter ein Tanz zwischen 15 übermannshohen Pendeln. Die viele Meter lange Installation füllt die ganze Tiefe der Bühne. Inspiriert wurde er dabei von einer Pendelreihe im Technorama. Und tatsächlich halfen Technorama-Mitarbeiter mit, die Nummer zu perfektionieren. Als die Proberäume einige Wochen nicht zur Verfügung standen, probten die Rigolo-Artisten im Atrium des Technorama, quasi als lebendes Physikexperiment.

Die Sanddorn-Balance bleibt jedoch zentral fürs Stück. «Die dreizehn Palmrispen signalisieren die dreizehn Akte der Geschichte», sagt Eugster. Und natürlich habe ihm die Sanddorn-Balance die nötigen Türen ge­öffnet. «Dank ihr konnte ich Weltklasse-Artisten aus ganz Europa für ‹Wings› gewinnen.» Sieben Artisten und Tänzer umfasst das Ensemble in der aktuellen Produktion, darunter auch der mehrfache Winterthurer Stepptanz-Weltmeister Daniel Borak (Interview unten) oder die Luftakrobaten Suren Bozyan und Karyna Konchakivska, gefeierte Stars aus dem Cirque du Soleil.

Erstellt: 06.04.2015, 14:41 Uhr

«Wings» by Rigolo

1. April bis 10. Mai 2015, Halle 52, Sulzer-Areal Winterthur, jeweils Do–Sa 20 Uhr, So 18 Uhr. Gastronomiebetrieb zwei Stunden vor Spielbeginn. Tickets bei ticketcorner.ch und Winterthur Tourismus.

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