Ausstellung

Eine farbige Welt voller Bezüge

Martin Schwarz ist nicht nur Künstler, sondern auch Sammler, Kurator und Vermittler. Als solcher präsentiert er Werke von Ursula Niemand und aus seiner eigenen Sammlung und verwandelt die Villa Flora in einen wahren Wunder-Raum.

Ursula Niemand überzeugt in der Villa Flora mit ihren Porträts junger Menschen.

Ursula Niemand überzeugt in der Villa Flora mit ihren Porträts junger Menschen. Bild: Angelika Maass

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Wo soll man beginnen, wenn man die Kunstkammer betritt, die sich gegenwärtig in der Villa Flora auftut? Vielleicht mit dem, was sich den Besucherinnen und Besuchern da sofort mitteilt: Kunst ist lebendig. Kunst setzt Reales und Irreales in Bewegung. Kunst stellt Fragen. Kunst stellt Fallen. Und man spürt: Da spricht nicht nur die Kunst zu den Betrachtern, da führen die einzelnen Werke, Werkgruppen listige Gespräche untereinander, die wir höchstens erahnen können.Eine farbige, eine äussert fantasievolle und eine Welt voller offener und geheimer Bezüge ist es, die einem in der Villa Flora aufgeht. Vor allem auch: eine erzählerische Welt. Der Künstler Martin Schwarz (*1946), dessen Vielseitigkeit gerade auch in seiner Tätigkeit als Sammler und Kurator zum Ausdruck kommt, hat sie für uns eingerichtet. Eingerichtet als Doppelausstellung mit Gemälden der Zürcher Künstlerin Ursula Niemand (*1941), Porträts und Blumenbildern nämlich, und Werken aus seiner eigenen Sammlung, der vor bald fünfzig Jahren begonnenen «Sammlung von Ideen-Kunst mit Werken von Künstlerinnen und Künstlern vorwiegend aus der Schweiz und Deutschland». Und natürlich fehlen auch Schwarzsche Arbeiten nicht, allen voran eine Reihe blühender Buchobjekte.

Daraus ergibt sich ein gleichermassen stimmiges wie eigenartiges Miteinander von über 140 Exponaten, aus dem überall der geistvolle Schalk von Martin Schwarz spricht, welcher auch sein vielgestaltiges eigenes Schaffen charakterisiert.

Einfühlsam und haargenau

Der grosse Auftritt gehört Ursula Niemand. Ihr sind die beiden Haupträume, der Salon im Erd- und die Galerie im Obergeschoss, vorbehalten, auch wenn man ihr schon im Gang und zuletzt wieder in der Veranda begegnet. Niemand zeigt sich als charaktervolle, einfühlsame Porträtkünstlerin junger Menschen, die sie, so jung und zukunftsoffen sie sein mögen, immer als starkes Gegenüber präsentiert, in grossem Format, zumeist als «realistisch-fantastische Kopf- und Brustbilder», wie sie selber sagt. Es sind klug austarierte, harmonisch gestaltete Porträts, die vor einem dekorativen, tapetenartigen flächigen Hintergrund aus floralen und anderen zeichenartigen Motiven in Erscheinung treten, in der Regel mehr oder weniger auffällig von einem Tier begleitet.

«Hochzeitsnacht», ein stachliges Buchobjekt von Martin Schwarz. Bild: PD

Voraussetzung für jedes dieser in den letzten dreissig Jahren entstandenen Bilder ist eine Begegnung, die in eine dialogische Situation und dann das anschliessende Bild überführt wird. Leuchtende Helligkeit, haut- und haargenaue Feinmalerei, in der neben Tusche und Gouache Farbstifte die Hauptrolle spielen, jeden Moment des Porträts ernstnehmend – eine Art Bildnisminiaturen in grossem Stil.

Ursula Niemands ausdrucksstarken Bildnissen im Salon «antworten» eine Fülle kleinerer Kunstobjekte im Raum und in den Vitrinenschränken, darunter «Das erste tragbare Loch» von Ben Vautier, die Teigrolle für Winkelzüge von Bruno K., Ueli Bergers «Unbunter Farbstift für Martin Schwarz», welcher seinerseits «Künstliche Natur» präsentiert.

Raffiniertes Augenspiel

Und was ist mit den «Busentopflappen» einer nicht namentlich genannten Künstlerin, die Schwarz vor Jahren auf einer Messe in München gekauft hat? Die beiden aus dem Topflappen herausragenden Busenwürste scheinen auf den nächsten Raum vorzubereiten, der von Alfred Hofkunsts «Nonnenbett» beherrscht wird, einer leeren Bettstatt in züchtigem Weiss, fein mit Bleistift bemalt und einem Maschenzaun, in dem allerlei Verflixt-und-Zugenähtes zu entdecken ist.

Derart erotisch eingestimmt, reagiert der eine oder die andere vielleicht auch vermehrt auf das Augenspiel, das hier stattfindet. Denn im ehemaligen Ordinationsraum des Augenarztes Arthur Hahnloser, der zusammen mit seiner Frau Hedy die Villa Flora einst zum Kunstort machte, steht nicht nur der «Augenspiegel» von Martin Schwarz, ein monstranzähnliches Gebilde, aus dem lauter Glubschaugen ragen, sondern hängt auch Fritz Ringels wild expressives Gemälde, auf dem eine seltsame Eva beäugt und umschlängelt wird. Die aus Stoff genähte Fleischskulptur von Vreni Camenzind setzt einen eigenartigen Kontrast zur allenfalls aufgekommenen Fleischeslust, nicht weniger die Holzschnitte mit indirekten Paradies- und sehr direkten Todestanzmotiven von Heinz Keller, bei dem Martin Schwarz einst in die Lehre ging.

Der geneigte Leser merkt: Wer Lust auf erzählerische Zusammenhänge und Geschichten hat, wer das Kleine im Grossen und das Grosse im Kleinen sehen mag, Lebenskunst-neugierig und entdeckungsfreudig ist, wer es mag, wenn Kunst auf etwas re-agiert (sic!) , für den ist die Ausstellung des ebenso barocken wie empathischen Magiers Martin Schwarz eine Gelegenheit zu unverhofftem Wiedersehen mit Meret Oppenheim, HR Giger, Sigmar Polke, Heidi Bucher oder Man Ray und überraschenden Erstbegegnungen mit Nelli Mutter, Anna Danzer-Ernst oder Giovanni Fischer.

Erstellt: 10.04.2018, 16:16 Uhr

Ausstellung

Villa Flora, bis 22. April. Geöffnet: Mi bis So, 14-18 Uhr. Eintritt frei.

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