Winterthur

Eine scharf gezeichnete Karikatur der Schweiz

Das Theater Kanton Zürich ist mit einem bemerkenswerten Stück auf Tour und gastiert ab dem Wochenende in Winterthur.

Wenzel (Michael von Burg, rechts) wird entlarvt. Foto: Judith Schlosser

Wenzel (Michael von Burg, rechts) wird entlarvt. Foto: Judith Schlosser

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Ein Kaff, in dem «Grüezi» wie eine Drohung klingt. Ein Nest, dessen Bewohner verstockt, selbstgerecht, vollgefressen sind. «Man lebt gut in Goldach», sagen die Männer dort, und tun so, als gäbe es keine Welt ausserhalb.

Das Theater Kanton Zürich liefert eine scharf gezeichnete Karikatur der Schweiz, fast grausam, wie Horváth in Österreich mit den «Geschichten aus dem Wiener Wald» oder der zornige Thomas Bernhard. Dabei handelt es sich bei der Komödie, die in Goldach spielt, um eine dramatische Umsetzung von Gottfried Kellers «Kleider machen Leute» (von Dagrun Hintze). Keller ist aktueller als man denkt.

Eine vierspännige Kutsche fährt nach Goldach hinein. Ein Mann im eleganten Mantel (Michael von Burg) steigt aus und kommt ins Wirtshaus zur Waage, wo sie alle versammelt sind, angetrunken, genervt und angeödet: Der betrügerische Wirt (Andreas Storm), der hinterhältige Amtsinhaber (Stefan Lahr), Jungmacker Böni (Manuel Herwig), die unfähige Köchin (Katharina von Bock) sowie Annette (Julka Duda). Sie fällt aus dem Rahmen. Sie liest Romane.

Das lässt man ihr durchgehen, weil sie eine Erbschaft mit in die Ehe bringt. Annette ist Böni versprochen. Der fremde Gast in der Waage verfügt über vornehme Tischsitten, was den Goldachern widernatürlich erscheint. Ebenso verschmäht der Fremde Tütensuppe und vergammelte Forelle.

Wild West in Goldach

Doch statt dass die Goldacher beleidigt wären, beginnen sie vor dem Fremden zu kriechen. Er ist vermutlich reich und angesehen. Er hat bereits Geld auf der örtlichen Bank eingezahlt. Annette wiederum hält den Gast für einen berühmten Schriftsteller. Es entspinnt sich eine Liebschaft zwischen Annette und dem Fremden. Böni ärgert sich grün und blau. Irgendwann packt er ein Gewehr und geht auf den Fremden los.

Das Bühnenbild zeigt das Wirtshaus zur Waage als Wild-West-Saloon. Die Figuren kleiden sich wie in jener Epoche, also im 19. Jahrhundert. Die Werbung in der Kneipe jedoch ist modern. Das Stück spielt also einerseits in Kellers Epoche und zugleich an einem Ort, wo Streit sofort in roher Gewalt endet. Anderseits spricht es unsere Zeit an. Es stellt die Frage, wie weit der Horizont in einem kleinen Ort oder in einem kleinen Land sein kann.

Wie man in Goldach konkret mit dem fremden Gast verfährt, hängt davon ab, was unter seinem Mantel steckt. Böni findet es heraus. Er stimmt ein Lied an, die zuckersüsseste aller Italoschnulzen, und singt die Wahrheit vor. Eine melodramatische Szene. Gerade mit seinen Liedern und den markant gezeichneten Figuren hat das Stück auf der Freilichtbühne eine grosse Wirkung auf das Publikum.

Nach der Enthüllung ist der Fremde völlig am Boden. Doch fasst er sich nochmals und sagt jenen Satz, der selbst ihn, den Gedemütigten, den Lebensmüden, auf eine höhere Ebene bringt als die Goldacher: Er habe einmal das grosse Glück der Liebe genossen und «stehe hoch über allen, die weder glücklich noch unglücklich sind». Am Schluss hält das Stück eine Wendung bereit, die zum Happy End führt. Dafür aber müssen die Goldacher endlich einmal über sich selbst Rechenschaft ablegen.

Aufführungen auf dem Kirchplatz: Samstag, Sonntag, Montag und Dienstag, 20.30 Uhr. Bei schlechtem Wetter an der Scheideggstrasse 37. Ferner 11.6. in Seen und 25.6. in Wülflingen.

Erstellt: 31.05.2019, 16:15 Uhr

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