Musikfestwochen

Geschmeidige Indie-Rocker und ein Folksänger, den alle lieben

Die amerikanische Folkrockband Calexico klingt geschmeidig, ohne die Balance zwischen Hell und Dunkel aus den Augen zu verlieren. Weitere Headliner der 40. Winterthurer Musikfestwochen sind die Beatsteaks, Bad Religion und der Folksänger Ben Howard.

Blicken auf ihrem poppigen Album

Blicken auf ihrem poppigen Album "Edge of the Sun" wieder optimistischer in die Welt: Die US-Folkrockband Calexico. Bild: pd

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Mit Calexico kann man von der Wüste träumen, vom leeren, weiten Grenzland zwischen den USA und Mexiko. Die 1996 gegründete Indierockband aus Tuscon, Arizona, spielt einen unverkennbaren Mix aus Folkrock und Elementen des mexikanischen Mariachi. Kurz: Gitarren mischen sich mit Latinrhythmen und sehr filmreifen Trompeten. Das Wichtigste daran aber ist die Balance zwischen Hell und Dunkel, eine eingängige und bei aller Geschmeidigkeit gleichwohl stets spürbare Stimmung universaler Ambivalenz. Es ist kein Zufall, dass Calexico im fiktiven Bob-Dylan-Film «I’m Not There» zu hören waren. Mit diesem Sound hält man es wieder besser aus in einer verrückten Welt.

Unverkennbarer Gesang

Unverkennbar sind auch der helle, sensible Gesang von Joey Burns und der an Latin-Jazz erinnernde Einsatz des Schlagzeuges durch John Convertino, den beiden Gründern der Band. Auf das lyrisch-melancholisch grundierte Album «Algiers» von 2012 folgte kürzlich im Frühling dieses Jahres mit «Edge of the Sun» wieder eine optimistischere Platte – gut aufgehoben ist man mit beiden Stimmungsvarianten. Wer auf dem neuen, poppigeren Album allenfalls den Tiefgang vermisst, wird durch eine Vielfalt an Stilen entschädigt; «Falling From the Sky» etwa ist nicht mehr allzu weit entfernt von bombastischem Stadionrock, «When the Angels played» dagegen könnte fast ein Dylan-Cover sein, so nahe bewegt es sich bei dessen charakteristischer Gesangsweise, und das folgende «Trapping on the Line» erinnert gar an «Knockin’ on Heavens Door». Entstanden sind die neuen Songs in Mexiko-Stadt im Künstlerviertel Coyoacán, produziert und abgemischt wurden sie im Heimstudio in Tuscon.

Komplexe Gefühle

Komplex und dennoch eingängig sind die Folkstimmungen, die der 28-jährige Engländer Ben Howard kreiert. Mit seinem zweiten, im Oktober 2014 erschienenen Album «I Forget Where We Were», das weniger lieblich ausgefallen ist als das vorangegangene Debütalbum «Every Kingdom» von 2011, hat Howard nun auch in Deutschland und der Schweiz Fuss gefasst; die Folkgitarre räumt ihrer elektrischen Schwester nun ausreichend Platz ein, im Titelsong haben sich sogar New-Wave-Klänge eingeschlichen.

Es ist die Intensität seines Gesangs und die Rätselhaftigkeit seiner Lyrics, die einen in Bann zieht. «I can’t control the words kaleidoscope inside my head» – gut möglich, dass die Liedzeile aus «Small Things» auch auf Howard selbst zutrifft. Die Fangemeinde im Netz ist riesig. «Only Love» von «Every Kingdom» wurde auf Youtube über zehn Millionen Mal angewählt.

Gut integrierte Punker

Einer von drei Hauptkonzertabenden der Musikfestwochen gehört traditionell der härteren Gangart. Ihn bestreiten diesmal Bad Religion und die Beatsteaks. Die Berliner Beatsteaks sind eine gute Stadionpartyband, bei deren Songs man beschwingt mitsingen kann. Damit treffen die Musikfestwochen wohl den Gescmack einer Mehrheit. Heimliche Headliner des Abends sind jedoch Bad Religion. Die südkalifornischen Punkrocker knüpfen auf ihrem 16. Studioalbum «True North» von 2013 an ihre Anfangszeit in den 1980er-Jahren an und spielen schnelle und aggressive Songs.

In den Lyrics hören sie nicht auf, kritische Fragen zu stellen: Bad Religion gelten als intellektuelle Punkband, Sänger Greg Graffin ist Evolutionsbiologe mit Doktortitel. Zornig wirkt es zwar längst nicht mehr, wenn Graffin seine Botschaften ins Publikum hinausschickt. Mit grauer Kurzhaarfrisur und schwarzem Polohemd könnte er auch Architekt oder CEO eines Informationstechnologie-Konzerns sein, der die Qualitäten seines neuen Produkts beschwört. Punks haben eben von Natur aus einen Sinn für Rituale, seien sie nun religiös oder nicht. Die drängende Energie jedenfalls ist noch immer vorhanden, nicht zuletzt dank jüngeren Bandmitgliedern wie Brooks Wackerman am Schlagzeug, aber auch, last but not least, dank Gründungsmitglied Brett Gurewitz an der Gitarre, der noch immer vor Spielwitz sprüht.

Campinos Sinn für Rituale

Wer durch die Gästelisten der vergangenen Jahrzehnte blättert, stösst auf klingende Namen wie Udo Lindenberg, Nina Hagen, Die Ärzte, Radiohead, Chick Corea, AC/DC, Boomtown Rats mit Bob Geldof, The Prodigy, Krokus und Herbert Grönemeyer. Einen bleibenden Eindruck hinterliessen 1992 die Toten Hosen. Wie immer, wenn er besonders gut gelaunt war, kletterte der Sänger der deutschen Punkband, Campino, die Boxen hoch und sprang auf das Fenstersims nebenan. Um nicht fünf Meter in die Tiefe zu fallen, trat er die Scheibe ein. Dann begann er Gegenstände aus der Pfarrwohnung im Publikum zu verteilen. Als Wiedergutmachung spendeten die Toten Hosen später an die hundert Kirchengesangbücher. Punks haben eben einen Sinn für Rituale, seien sie nun religiös oder nicht.

Die 40. Winterthurer Musikfestwochen dauern vom 12. bis 23. August. Die Geschichte der ersten 30 Jahre erzählt der Band «Festival Fieber!» von Üsé Meyer, Chronos-Verlag, Zürich 2005.

Erstellt: 23.06.2015, 15:34 Uhr

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