Winterthur

Humor und andere Abgründe

Der Zeichner Andy Fischli hat ein neues Buch herausgegeben: «Eins führt zum andern. Ein illustrierter Teufelskreis». Der Titel ist Programm, der Inhalt bestechend, beklemmend, unversöhnlich.

Atmosphärisch dicht wie der Wald, in dem Orion vereinsamt: Auszug aus dem neuen Buch von Andy Fischli.

Atmosphärisch dicht wie der Wald, in dem Orion vereinsamt: Auszug aus dem neuen Buch von Andy Fischli. Bild: pd

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Matt, dunkelblau, grobstrichig. Auf dem Buchumschlag von Andy Fischlis neustem Werk kniet einer mit Armprothese, fällt Holz. Es ist dunkel, es regnet. Die Hand der düsteren Gestalt liegt auf einem Scheit, es ist zu befürchten, dass er sein Ziel verfehlt und sich die Rechte mit der Axt in der Linken abhacken wird. Nur eine Prothese, immerhin.

Andy Fischli tut, was ein Comiczeichner tut, wenn er gut ist. Er erzählt Geschichten in einer einzigen Zeichnung. Diesmal setzen sich Fischlis Geschichten als Erzählung fort, und sie setzen sich fest: atmosphärisch und abgründig, unausweichlich und unversöhnlich. «Eins führt zum andern», titelt er seinen illustrierten Teufelskreis. Einmal blättern, liegt da wieder die Axt, über ihr eingehämmert: «Wie man zum Tier wird.»

Trostloser Wald

Was folgt, nimmt Fischli in einer Zeichnung vorweg, die ein Gehirn abbildet. Das Gehirn ist dicht bewaldet, auch behaart ist es, ein einziger Weg mäandert sich mitten hindurch. Dies ist das Setting, vor dessen Hintergrund die Geschichte ihren Lauf nimmt: ein dichter Wald, seine Bewohner, furchtbar einsame Wesen.

Der behaarte Wüstling vom Umschlag ist Orion. Er, der Protagonist, schaut so grimmig wie der Rest des Personals. Alles Figuren, die der griechischen Mythologie entlehnt sind, göttliche Gestalten, die hier in ihren degenerierten Menschenkörpern feststecken: der verhasste Jä­ger­kol­le­ge Aktaion, der fette Beute heimschleppt, während Orion mit seiner Frau, einem winzigen Mütterchen mit zentnerschwer hängenden Brüsten, ständig an Maiskolben nagt, weil Orions Gewehr nicht trifft. Gewehre hat er viele, Gewehre und Armprothesen. Keines trifft, alle sind sie Schrott.

Eiskalte Watte

Weiter tritt Aktaions Geliebte ­Artemis auf, tierisch behaart, die breiten Schultern tragen die noch tiefer hängenden Brüste als Semele, Aktaions Frau. Semele hat einen Sohn, Dionysos, ein pelziger kleiner Teufel. Fischer Poseidon ist Orions eiskalter Vater, der nie Fische fängt, weil die Angel kaputt ist. Die Tiere kommen am freundlichsten daher. Zwei hübsche Wildschweine, die sich betrinken etwa. Betrinken tut Orion sich ständig, eine seiner Unzulänglichkeiten, die in seinem Hass begraben liegen, auf sich selbst und auf alles, was ihn umgibt. Verstehen tut ihn niemand, das wird aus den (alb-)traumartigen Dia­logen klar, die ins Leere führen. Und aus Orions Gedankenfetzen, wie Geister schwirren sie durch den Wald und geben den Ängsten und der Einsamkeit eine Form. Einmal wird Orion doch treffen, weil eins zum andern führt. Dann, am Ende, hört es für einmal auf zu regnen, dann schneit es, ist die Waldwelt in Watte gepackt.

Die Watte steht dann für die Sehnsucht nach Wärme, die auch dann nicht da ist. Nein, schön ist das alles nicht. Kafkaesk zäh, und doch macht es Spass. An Humor nämlich fehlt es dem Buch nicht. In Wort und Bild blitzt Zynismus auf, aber auch eine, fast möchte man sagen, zarte Ironie. Im Dezember erscheint ein weiteres Buch von Andy Fischli, das heisst dann «Das Positive». Vielleicht, weil eben eins zum andern führt?

(Landbote)

Erstellt: 09.10.2015, 13:48 Uhr

Ausstellung

Heute Freitag, 9. Oktober: Ausstellung und Signierstunde von «Eins führt zum andern» am Jungkunst-Jubiläum im Containermuseum, 18 Uhr. 24. Oktober: Signierstunde im Comic-Laden Zappa-Doing an der Obergasse 5, 14 bis 17 Uhr.

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