Slam-Poetry

«Ich bin ein wenig eine Rampensau»

In ihrem neuen Soloprogramm berichtet Lara Stoll mitten aus dem schweizerischen Krisengebiet.

Lara Stoll, Slam-Poetin der ersten Stunde  erzählt satirische Geschichten, die harmlos beginnen und böse enden.

Lara Stoll, Slam-Poetin der ersten Stunde erzählt satirische Geschichten, die harmlos beginnen und böse enden. Bild: zvg

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Gut aussehen wollen wir eigentlich immer. Wenn die Sonne scheint und das Glas gerade nachgefüllt wird, ist das auch nicht besonders schwer. Zur Herausforderung wird es in Krisengebieten. In die wagt sich jetzt Lara Stoll in ihrem neuen Soloprogramm «Krisengebiet 2 - Electric Boogaloo». Das Älterwerden, weibliche Samichläuse und Krebs werden vorkommen, sagt Stoll lapidar: «Es soll etwas weh tun, so wie die Realität das eben auch tut.» Mit der ersten Krisengebiets-Staffel ist sie seit Herbst 2013 unterwegs, wobei die Texte laufend verändert und mit neuen ergänzt werden. Wer meint, Slam-Poetry bestehe nur aus lustigen Sprüchen, dürfte hier seine Meinung ändern.

Braver Tonfall, böser Inhalt

Lara Stoll gehört zu den Slam-Poetinnen der ersten Stunde, die das literarische Genre in der Schweiz überhaupt erst bekannt gemacht haben. Die Texte werden in der Regel vorgelesen. Stolls Tonfall wirkt brav, der Thurgauer Dialekt unterstützt den Eindruck. Umso mehr Wirkung entfaltet das, was dann kommt. Es sind satirische Geschichten, die harmlos beginnen und böse enden. Etwa wenn Eltern technologisch aufschliessen, wovon einer ihrer älteren Texte erzählt: Die Mutter, der man zuerst erklären musste, wozu das Internet gut ist, entwickelt sich zur Stalkerin und verfolgt die Tochter auf Facebook solange mit Ratschlägen, bis dieser nur noch der Griff zu Website «Wenn-die-Mutter-durchdreht.ch» bleibt.

Eine kleine Kostprobe der Slam-Poetin: Sara Stoll präsentiert «Deine Mutter» an den Schweizermeisterschaften in St. Gallen, 2016.

Schon als Kind hat Stoll, die in diesen Tagen dreissig wird, gerne Fantasiegeschichten geschrieben. Nur in der pädagogischen Maturitätsschule habe sie für kurze Zeit damit aufgehört, erzählt sie im Gespräch. Das Lehrdiplom erwarb sie nicht mehr, weil sie feststellen musste, dass sie die Voraussetzungen fürs Unterrichten nicht erfüllt: «Ich mag Lehrer und Kinder nicht.» Dagegen begann sie mit etwa 17 Jahren zu slammen. Auch Laientheater machte sie schon als Teenager. Dabei merkte sie, dass sie gerne auf der Bühne steht. Seit anderthalb Jahren tritt sie zudem mit der Punkband Pfffff auf: «Ich bin ein wenig eine Rampensau.» Aber privat sei sie ganz anders, «sehr ruhig und zurückhaltend», versichert sie. «Stimmt», denkt man, wenn man ihr gegenübersitzt: Auf Fragen antwortet sie kurz und knapp, auf lange Vorträge und Werbespots in eigener Sache wartet man vergebens.

Von ihren Auftritten kann sie gut leben, ohne davon reich zu werden. Auftritte in grossen Sälen wie an der Swiss Comedy Night Ende April in Basel folgen auf Abende an kleinen Theatern, dazwischen Firmenjubiläen von Zürich bis Baar. Seit einigen Jahren schreibt sie für die Samstagsausgabe des «Landboten» eine Kolumne.

Abschlussarbeit ausgezeichnet

Vor zwei Jahren schloss sie ihr Filmstudium an der ZHdK mit dem Bachelor ab. In ihrer Abschlussarbeit, die auf ihrer Homepage abrufbar ist ­– eine Familie besichtigt darin eine Kläranlage –, führt sie subtil die Themenfelder Reinigung und tödliche Krankheit ineinander; dafür erhielt sie eine Auszeichnung. Acht Monate lang drehte sie nun «128 Hours», ihr erstes neunzigminütiges Werk. Es handelt sich dabei um das Remake eines Filmes von Danny Boyle, das die Schnitte und Einstellungen des Originals mit neuem Inhalt reproduziert, teilweise finanziert über «Wemakeit» und gefilmt in ihrem Badezimmer in Zürich, in unmittelbarer Nähe der Europaallee, wo Stoll seit fünf Jahren wohnt.

Cyrill Oberholzer, Regisseur und Filmpartner, ist gerade am Schneiden des Filmes, jetzt muss für die Postproduktion noch etwas Geld aufgetrieben werden. Im Zürcher Kino Riffraff werde der Film zu sehen sein und auch im Internet breit gestreut werden, sagt Stoll. «Da er extrem nerdig ist, eignet er sich für ein internationales Publikum.» Auf ihrer Website können auch alle Folgen der Comedy-Sendung «Bild mit Ton» abgerufen werden, die auf dem inzwischen eingestellten Privatsender SSF gelaufen sind.

Was sie sich wünscht: Vor Auftritten wäre sie gerne ruhiger ­– «gechillter», wie sie sagt. Bis sie auf die Bühne muss, kann sie nichts anderes machen als auf und ab zu tigern: Ein «anstrengender Zustand» sei das, zumal man meist schon eine halbe bis eine Stunde vorher dort sein müsse. Woher hat sie den anarchischen Humor, der ihre Produktionen auszeichnet? «Muss man das von irgendwo haben?» erwidert Stoll. «Es ist einfach meine Art Humor.» (Landbote)

Erstellt: 25.04.2017, 16:12 Uhr

Krisengebiet 2 - Electric Boogaloo

Freitag, 28.4., 20 Uhr, Villa Sträuli, Museumstrasse 60.

www.villastraeuli.ch

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