Winterthur

Im Showroom «normal gebauter» Wahrheiten

Viel Lärm um einen Wasserschaden in der Gesellschaft: Das Theater Kanton Zürich zeigt Henrik Ibsens Drama «Ein Volksfeind».

Doktor Stockmann (Andreas Storm, rechts) gerät im Krieg der Meinungen ins Hintertreffen. Foto: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Doktor Stockmann (Andreas Storm, rechts) gerät im Krieg der Meinungen ins Hintertreffen. Foto: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

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Spricht da einer über Ikea? Eine «normal gebaute Wahrheit», sagt der Doktor, lebe «in der Regel siebzehn bis achtzehn, höchstens zwanzig Jahre, selten länger.»

Dieser Tomas Stockmann, Hauptfigur in Henrik Ibsens Drama «Ein Volksfeind», das nun Kay Neumann für das Theater Kanton Zürich eingerichtet hat, will es wissen. Erstens hat er für sich die Wahrheit gepachtet. Zweitens baut seine Frau gerade ein Regal aus der Ikea-Serie Eket zusammen.

«Überhaupt hat es viele Ausrufezeichen in dieser Aufführung.»

Nach Plan scheint in diesem Moment das Leben dieses Doktors zu verlaufen. Neue Aufgabe, neues Glück. Die Familie hat sich auch komplett neu in Ikea eingerichtet: wie im Katalog stehen Sofa und Stühle auf der Bühne.

Sie wird dann zu einer Art Showroom für die Gesellschaft, die sich hier einfindet: Jeder bastelt sich eine Meinung nach seiner eigenen Vorstellung zusammen. Am Schluss steht dieser Doktor mit ganz vielen Wahrheiten, aber ohne Ikea-Möbel da. Ihre Halbwertszeit dauert manchmal nicht länger als zweieinhalb Stunden.

Der Ton wird immer lauter

So lange dauert Kay Neumanns Inszenierung, er hat Ibsens Stück aus dem Jahr 1882 mit den Gegenständen aus der Gegenwart aufmöbliert. Da ist der «Atomkraft Nein Danke!»-Kleber in der Zeitungsredaktion, da trägt die Tochter eine Tasche mit dem Aufdruck: «Kein Mensch ist illegal». Überhaupt hat es viele Ausrufezeichen in dieser Aufführung, der Ton wird immer lauter, oft schreien sich die Menschen an. Das Ensemble zeigt stimmlich Stärke.

In Sachen Aktualisierung liest Neumann ganz vieles aus diesem Ibsen heraus; der Katalog geht von «Wir sind das Volk!» bis zu «Fake News!» Viel Bleibendes ist nicht geschaffen worden. Denn alles geht den Bach runter. Es rauscht gewaltig auf der Bühne. Da sind wir schon beim Wasserschaden, der diese Gesellschaft auseinanderbringt.

Der Doktor hat eine Entdeckung gemacht, dass das Wasser im Kurort, wo er Badearzt ist, verseucht sei, neue Leitungen müssten gelegt werden. Das ist seine Wahrheit, aber sie hat ihren Preis: Millionen würde eine Sanierung kosten, die saubere Welt ist den anderen zu teuer.

Die anderen sind in diesem Fall: die Bürokraten, die Politiker, die Journalisten, das Volk selber. Sie alle, die eine «kompakte Majorität» bilden, machen aus dem Volksfreund, der dieser Doktor einmal war, einen Volksfeind. Und der sieht dann rot.

Es ist eine Paraderolle für Andreas Storm, der diesen Doktor gibt, und er steigert sich im Lauf des Abends in eine richtige Spielwut hinein. Immer ist ein Beben in diesem Körper, ein Aufbegehren gegen alles, was um ihn ist. Die anderen sind für ihn die Dummen. Aber am Schluss liegt er am Boden. Umso stärker fühlt sich der gute Mann. Grosser Applaus aus dem Publikum. Aber die Meinungen können sich schnell ändern.

Bis 19.3. in Winterthur, dann auf Tournee. (Der Landbote)

Erstellt: 15.03.2019, 13:31 Uhr

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