Winterthur

Ist das Leben schwierig,wird die Liebe unromantisch

Das Kino Cameo zeigt ab morgen neuste Filme aus Griechenland. Der Titel «Griechisches Kino jetzt – Filme gegen alle Widerstände» ist programmatisch: Die Filme der «neuen griechischen Welle» gehen mutig einen eigenen Weg.

Sofia und Nikos denken im Film «Afterlov» von Stergios Paschos über das Scheitern ihrer Beziehung nach.

Sofia und Nikos denken im Film «Afterlov» von Stergios Paschos über das Scheitern ihrer Beziehung nach. Bild: pd

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Finanzkrise und Flüchtlingsströme, das sind die Schlagworte, die im Zusammenhang mit Griechenland sofort fallen. Aktuell ist weniger davon zu hören – Schlagzeilen nützen sich ab, Krisen, die andauern, sind für Medien nicht mehr so interessant – ist Griechenland noch nicht über den Berg.

Die Werke «der neuen griechischen Welle», gehen mutig einen eigenen Weg.

Doch das Leben geht weiter, und Not macht erfinderisch. So sind in Griechenland auch in den letzten zehn Jahren Filme entstanden, und wie so oft hat sich das Kino, die Filmsprache unter dem Einfluss der politischen Ereignisse verändert: Die Werke der «neuen griechischen Welle», wie sie genannt wird, gehen mutig einen eigenen Weg.

Symbolische Erzählweise

Einige Filmemacher verpflichten sich einem strengen Realismus, andere reagieren mit beissendem Humor, der nicht selten in die Groteske führt. Gemeinsam ist allen Filmen eine symbolisch ­geprägte Erzählweise, die oft eine eigene Ästhetik pflegt; augenfällig ist auch eine Thematik, die im Zärtlich-Humanen wurzelt: Wo das Leben schwierig ist, ist die Liebe keine rosarote Romanze, sondern wird existenziell.

Und wild in Fahrt, wie Maria in «A Blast» (Syllas Tzoumerkas, 2014), gerät man nicht aus Abenteuerlust und Freude an der Geschwindigkeit, sondern weil das eigene Haus in Brand steht und einem die Existenz unter den Füssen wegbricht.

«A Blast» erzählt von einer Frau, der das ganze Leben unter den Füssen wegzubrechen droht.

Viele der neuen griechischen Filme finden nicht den Weg ins normale Kinoprogramm. Doch sie tauchen an Filmfestivals auf: «Chevalier» (Athina Rachel Tsangari) und «Afterlov» (Stergios Paschos) liefen 2015 und 2016 in Locarno, «Attenberg» (ebenfalls von Tsangari) entwickelte sich 2010 zum Festivalrenner.

Schlüsselwerk «Dogtooth»

Ins Rollen gebracht hatte die Welle ein Jahr zuvor «Dogtooth» («Kynodontas») von Yorgos Lanthimos: ein Psychodrama mit schwarzem Humor um drei Geschwister, die abgeschottet von der Aussenwelt in einem Landhaus aufgezogen werden. Das funktioniert gut, solange die Kinder klein sind und ihren Eltern bedingungslos glauben, dass jenseits des blickdichten Gartenzauns tödliche Gefahren lauern.

«Einen der düstersten, aufregendsten und sonderbarsten Filme des Jahres», nannte die britische «The Times», das Pychodrama «Dogtooth». Der Film gilt als Schlüsselwerk der neuen griechischen Welle.

Doch nun sind die zwei Schwestern und ihr Bruder erwachsen, und in der Person von Christina, die der Vater anheuert, um des Sohnes sexuelle Not zu lindern, bricht eines Tages unvermittelt die Realität in die verrückte Scheinwelt ein.

«Dogtooth», auf über 25 Festivals gezeigt, gilt als Schlüsselwerk der neuen griechischen Welle, der Film eröffnet am 19. April die Cameo-Programmreihe «Griechisches Kino jetzt – Filme gegen alle Widerstände».

Neun Filme

Die Reihe umfasst neun Filme, nebst den erwähnten finden sich darunter Titel wie «September – Alles hat seine Zeit» (2013) von Penny Panayotopoulou, in dem eine junge Frau nach dem Tod ihres heiss geliebten Hundes bei der Nachbarsfamilie Zuflucht findet. Aber das Mitleid hat seine Grenzen; die aufdringlich Liebe suchende Anna fällt der vierköpfigen Nachbarsfamilie je länger, je mehr zur Last.

September, erzählt von einer Nachbarin, die erst Mitleid erweckt, dann aber je länger je mehr zur Last wird.

Ratlos und zudem wütend ist auch Sofia in «Afterlov» von Stergios Paschos, als ihr Ex-Freund Nikos sie für ein Wochenende in die Luxusvilla einlädt, die er den Sommer über hütet. Der immer abgebrannte Musiker möchte im Zusammensein mit ihr herausfinden, wieso ihre Beziehung vor einem Jahr zerbrochen ist: ein tragikomisches, bald sentimental-zärtliches, bald verzweifeltes Spiel zweier Menschen, die nicht erwachsen werden können.

Zwei Kindsköpfe durchleben in Afterlov ihre Hassliebe mit Höhen und Tiefen.

Ebenfalls Mühe mit dem Erwachsenwerden und mit ihrer Sexua­lität bezeugt die 23-jährige Marina in «Attenberg». Sie wurde von ihrem Vater aufgezogen, mag Frauen – das heisst: ihre Freundin Bella – mehr als Männer, und das Verhalten der Affen in den Tierfilmen von David Attenborough interessiert sie eindeutig mehr als ihre eigene Sexualität.

Doch nun ist ihr Vater schwer krank und stellt Fragen, die ungelegen kommen, zum Beispiel, ob sie dereinst heiraten werde . . . «Attenberg» ist ein herzhaft absurder, aber auch zärtlicher Film.

Marina interessiert sich mehr für die Sexualität für Affen, als für diejenige der Menschen.

Zärtlichkeit

Eine grundlegende Zärtlichkeit ist in vielen neuen griechischen Filmen zu beobachten. Am absurdesten gestaltet sie sich in «Alps» (Yorgos Lanthimos, 2011), wo eine Gruppe von Hinterbliebenen, die sich «Die Alpen» nennt, den Hinterbliebenen anbietet, anstelle ihrer Verstorbenen weiterzuleben.

Sie schlüpfen stundenweise in die Kleider von Verstorbenen, gehen in deren Häusern ein und aus, spielen auf Wunsch Erinnerungen nach. ­Dabei befolgen sie strikte Regeln, von denen sich eine – gefühlsmässige Beziehung einzugehen – als ausnehmend schwierig erweist.

In «Alps» nehmen Lebende die Rollen von Toten ein.

Dieser Gedanke an die gegenseitige Hilfe in der Not, der viele Filme dieser Reihe kennzeichnet, steckt auch in «Afterlov», dem Film, in dem zwei Menschen über das Scheitern ihrer Beziehung nachdenken.

Zu entdecken sind insgesamt Stimmungsvignetten aus einem Land am Rande Europas, in dem das Leben allen Krisen zum Trotz immer weitergeht.

«Griechisches Kino jetzt – Filme gegen alle Widerstände». Filmreihe im Kino Cameo. Auftakt mit Einführung am Donnerstag, 19. 4., 20.15 Uhr, mit einmaliger Vorführungvon «Dogtooth». www.kinocameo.ch

Erstellt: 17.04.2018, 15:24 Uhr

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