Kino Cameo

Kaffee und Musik im Cameo

Mit «Roasting Beans» glückt dem Zürcher Jazzschlagzeuger Chris Jaeger ein audiovisuelles Experiment, das die verbindende Kraft der Musik erlebbar macht.

Auch einen Ausflug ins Grüne macht «Roasting Beans», hier sitzt Chris Jaeger im Gras.

Auch einen Ausflug ins Grüne macht «Roasting Beans», hier sitzt Chris Jaeger im Gras. Bild: PD

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Zuerst blickt man auf Gesichter von Menschen, die über Kopfhörer Musik hören. Es ist wahrscheinlich dieselbe Musik, die man jetzt hört, wenn man sich den Film «Roasting Beans» ansieht. Und einige Minuten lang denkt man, dass das wohl immer noch das Intro ist, aber es ist kein Intro, es ist der Film selbst. Und der Soundtrack ist keine Untermalung, er ist die Hauptsache. Wir hören also Musik, eine Stunde lang, und sehen anderen dabei zu, die gerade dasselbe hören, und zwar ebenfalls zum ersten Mal, wie der Zürcher Jazzschlagzeuger Chris Jaeger zu seinem Film schreibt, den er selbst ein «Visual Album» nennt.

Es ist eine hörspielartige Collage, mit zunächst nur dem Klang einer Kaffeeröstmaschine und einem einzigen, knackigen Perkussionsrhythmus, der langsam komplexer wird, dazu Strassengeräusche, eine Polizeisirene, dann mal ein Saxofon, mal eine Trompete oder eine ganze Combo, und immer wieder skandiert und singt Jaeger wie ein Mantra den Ausdruck «roasting beans». Es ist ein ruhiges, meditatives, bald auch feierliches Gefühl, das sich beim Zuhörer einstellt, vor allem dann, wenn man realisiert, dass man jetzt beim Musikhören ein Gegenüber hat, was doch selten vorkommt, denn in der Regel hört man alleine oder es schauen alle nach vorne zur Bühne. Jaeger gibt dem Musikhören, könnte man sagen, ein Gesicht.

Gesichter des Geniessens

Oder vielmehr Gesichter. Es sind geniessende, entzückte, stille oder ernsthafte und konzentrierte Gesichter, rund 70 insgesamt, vom Kleinkind bis zum alten Menschen, aufgenommen an zahlreichen Orten in aller Welt über einen Zeitraum von vier Jahren hinweg. Weiter erzählen sie meist nicht viel, das aber tun manche Interieurs. Wenn etwa hinter einer alten Frau zwei Gestelle voll mit alten Fotos zu sehen sind, dann deutet sich eine Lebensgeschichte an. Was man zu sehen bekommt, ist stets Teil einer kompositorischen Idee.

Regelmässig werden die Gesichter zudem überblendet von anderen Ansichten, auch gemalte Bilder sind darunter, manche Filmzitate. So etwa eine kurze Szene aus «Coffee and Cigarettes» von Jim Jarmusch, mit Iggy Pop und Tom Waits, ein Film, der Jaeger inspiriert haben mag. Kaffeeherstellung, Kaffeetassen, Kaffeemaschinen ziehen sich als eine Art Leitmotiv durch den ganzen Film. Die Kompositionen – laut dem Kino Cameo, das den Film am nächsten Mittwoch zeigt, sind es insgesamt 16 – werden gespielt von verschiedenen Formationen, bei manchen ist Jaeger beteiligt. Wie bei Jarmusch geht es weniger darum, was erzählt wird, sondern um ein bestimmtes Lebensgefühl. Das lässt sich schwer beschreiben. Es ist etwas Fröhliches und zutiefst Menschliches. Dem Zürcher Musiker ist da ein spannendes Experiment geglückt. Der Film dauert eine Stunde, danach improvisiert der Schlagzeuger rund eine halbe Stunde lang zusammen mit der Sängerin Birgit Hauser und seinem Bruder, dem Saxofonisten Michael Jaeger.

Roasting Beans: Mittwoch, 19.2., 19 Uhr, Kino Cameo, Lagerpatz.

Erstellt: 14.02.2020, 13:50 Uhr

Infobox

Der Schlagzeuger Chris Jaeger

Chris Jaeger war viele Jahre Perkussionslehrer an der Winterthurer Musikschule Prova, bevor der 2015 nach New York ging, um mit den Aufnahmen zu seinem Film «Roasting Beans» zu beginnen. Mit der Perkussionsband p-train und seinen Schülern spielte er an Afro-Pfingsten und auch an den Musikfestwochen. Zudem war er Schlagzeuger des Aliev Bleh Orkestar und Ersatzdrummer der Balkan-Band Sebass. Mit der Vokalistin Birgit Hauser, die am Mittwoch nach dem Film zusammen mit ihm und seinem Bruder, dem Saxofonisten Michael Jaeger, improvisiert, spielt er im experimentellen Quartett Jaeger Hauser jaeger Punkt (früher Manifest).(dwo)

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