Oper

Keine Hemmung, lustig zu sein

Johannes Pölzgutter probt im Theater Winterthur mit dem Internationalen Opernstudio aus Zürich «Il barbiere di Siviglia» – eine Begegnung.

Johannes Pölzgutter führt beim Internationalen Opernstudio Zürich Regie.

Johannes Pölzgutter führt beim Internationalen Opernstudio Zürich Regie. Bild: Herbert Büttiker

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«Figaro qua, Figaro là» – ein Barbier im Dauerstress: Der Tausendsassa steht überall auf der Welt und andauernd auf der Bühne, und das, seit ihn Rossini 1816 auf den Weg schickte. Zu rasieren gibt es für ihn in der kommenden Saison auch in Bern und Basel, aber jetzt gerade warten die Bartstoppeln des Winterthurer Doktor Bartolo auf seine Rasierkünste. Der Wirbel, den er im Hause Bartolo verursacht, um Rosina, um Almaviva und Rosina zum Glück zu verhelfen, zieht offenbar auch Johannes Pölzgutter in Mitleidenschaft. Er ist der Regisseur, der Rossinis unsterbliche Opera buffa mit dem jungen Ensemble des zum Zürcher Opernhaus gehörenden Internationalen Opernstudios (IOS) inszeniert. Aufgedreht und etwas erschöpft zugleich setzt er sich zum Gespräch. Im Saal, wo wir ihn getroffen haben, war es davor ziemlich ruhig, im Gange war eine Beleuchtungsprobe. Der kurze Blick zur Bühne zeigte im Licht eine sehr verspielte, farbige Kulisse: Es wird bunt zu und her gehen an der Premiere.

Die mitreissende Musik

Der Theatermann aus Wien will sich noch nicht in die Karten blicken lassen, und so geht es rasch ins Foyer. Seine Reaktion: «Oh, das Tageslicht, da scheint ja die Sonne.» Pölzgutters Leben ist momentan eines im Kunst-Licht und im Strudel von Rossinis Tönen: «Die Musik reisst einen schon mit. Wir hören sie jetzt schon seit sieben Wochen und ich krieg‘s nicht mehr aus dem Ohr. Zuhause höre ich atonale Musik, um die Ohren durchzuputzen, aber Rossini bleibt» .Das kann als Hinweis zur nervlichen Verfassung verstanden werden, aber auch als Antwort auf die Frage, warum eigentlich unter allen Opern Rossinis «Il barbiere di Siviglia» so haushoch favorisiert wird. Der Regisseur meint: «Es liegt schon an der Musik. Die Handlung, na ja ... Auch wenn man Beaumarchais liest – der Nachfolger, «Figaros Hochzeit», ist vom Sujet her einfach um Ecken besser, hat mehr Tiefgang.»

«Muss es bei Rossini überhaupt immer der «Barbier» sein, fragt man sich da. Auf der eigenen Bühne zeigt das Opernhaus gegenwärtig, dass auch «Il Turco in Italia» Furore machen kann. Und das IOS war bisher zumeist mit Werken beschäftigt, die eher am Rand des Repertoires angesiedelt sind, Mozarts frühe «La finta giardiniera» war es letzte Saison. «Ich hätte auch nichts gegen einen Aussenseiter gehabt. Aber als die Anfrage kam, war kein Zögern dabei. Es ist ein gutes Stück», entgegnet der Angesprochene, und die Konkurrenz vom Mutterhaus, das gerade ein zugkräftiges, von einer starken Regie geprägtes Rossini-Projekt auf dem Spielplan hat, scheint ihn wenig zu kümmern. Er tendiere dazu, die Stücke dort zu lassen, wo sie sind, beziehungsweise eine Brücke zu finden, sagt er. Und fügt dezidiert an: «Ich habe schon meine eigenen Zugriffe.»

Rossinis Komödiantik

Zu seinem Konzept möchte Pölzgutter nicht viel verraten: «Im Kern geht es darum, dass ein sehr junger Mensch einen alten ausspielt, es ist ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Bartolo und Conte Almaviva. Man hat eine junge und eine ältere Generation, die sich bekämpft, beziehungsweise um eine Frau kämpft. Diesen Kern haben wir einfach versucht zuzuspitzen, in der Form der Ästhetik und in der Form, dass wir wirklich zwei Zeiten aufeinander prallen lassen. Bartolos Welt ist eine sehr historische, sehr altmodische, und diese kommt permanent in Konflikt mit Almaviva und der Gegenwart. Man findet die beiden Typen auch heute sehr wohl, man findet die Almavivas und man findet die Bartolos. Dass man sie überall findet, ist vielleicht auch der Grund, warum das Stück so populär ist.»

Die Figuren stehen in Pölzgutters Ansatz vor dem Hintergrund ihrer Herkunft aus der Commedia dell‘arte : «Das heisst nun nicht», erklärt er, «dass wir eine Colombina, einen Pantalone auf die Bühne bringe, das Wichtige ist nur, dass wir Stereotype haben, die auch Stereotypen bleiben. Wenn sich die Figuren zu realistisch, zu menschlich zeigen, sind sie nicht mehr komisch. Natürlich gibt es einen ernsten Kern, sogar Brutalität, aber so hart das vielleicht jetzt klingt, man muss die Komik der Brutalität hervorkehren. Sie hat die Form des Missgeschicks, das immer wieder komisch ist. Wenn man das Stück zu realistisch nimmt, funktioniert es nicht als Komödie.»

Hemmungslos lustig

Bis es funktioniert, ist ein gutes Stück Arbeit vonnöten. «Man hat es beim IOS mit noch nicht so erfahrenen Sängern zu tun. Es geht langsamer vorwärts. Aber es ist auch lustig für mich. Es wirft mich ein wenig auf meine eigenen Anfänge zurück, weil man auf Dinge achten muss, die bei einem Kammersänger mit zwanzig Jahren Erfahrung kein Thema sind. Man macht schon ein bisschen auf Schauspielunterricht mit ihnen. Dafür eignet sich die Komödie besonders gut, man muss spielen, spielen, auf Details achten. Dafür haben wir auch viel längere Probenzeit als im normalen Betrieb. Das geniesse ich einerseits, aber man muss halt auch mehr Geduld haben.»

Und nach getaner Arbeit? Pölzgutter freut sich auf Wien. Er hat dort eine Wohnung, und auch wenn er bedauert, sie nur selten zu nutzen, fühlt er sich doch dort zu Hause. Er ist in Wien geboren, mit dem Virus Theater angesteckt und zum Regisseur ausgebildet worden. Sogar von Heimweh nach der Stadt spricht er. Erholung findet er bei Spaziergängen im Wald. Dabei beschäftigt er sich aber nicht mit Ornithologie oder Botanik, sondern mit dem jeweils nächsten Projekt. Was seine Schwerpunkte sind? «Ich bin im Moment sehr auf Komödien gebucht, weil ich keine Hemmung habe, lustig zu sein», sagt er lachend, und fügt bei: «Aber es wäre jetzt schon gut, wieder mal etwas Ernsthaftes zu machen. Wenn man berufslustig wird, wird es schwierig.»

Erstellt: 14.05.2019, 10:56 Uhr

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