Winterthur

Lieber Wurstsalat statt Pyramiden

Film Das Kino Cameo zeigt «Der Meister und Max». Der aus dem Werk von Clemens Klopfenstein montierte Film ist Zeitmaschine und Kino pur.

«Weltklasseszene»: Polo Hofer und Max Rüdlinger (rechtes Kamel) am Set von «Das Schweigen der Männer», 1996.

«Weltklasseszene»: Polo Hofer und Max Rüdlinger (rechtes Kamel) am Set von «Das Schweigen der Männer», 1996. Bild: zvg

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Er geht noch schnell seine Zahnbürste holen, dann können sie losfahren, wohin, das wissen sie noch nicht, höchstwahrscheinlich südwärts. Im Film «Der Meister und Max» bricht immer wieder jemand auf, zu zweit oder auch allein, geht weg, verlässt die Beiz oder die Beziehung, geht irgendwohin, wo alles neu sein wird.Regisseur Marcel Derek Ramsey und Co-Autorin Michèle Wannaz haben Szenen und Episoden aus dem Werk des 1944 geborenen Schweizer Filmemachers Clemens Klopfenstein zu einem eigenständigen Film zusammenmontiert; das Material stammt aus zehn zwischen 1981 und 2005 erschienenen Filmen. Das Ergebnis ist ein sehenswerter poetischer Bilderreigen, der frisch und zeitlos wirkt. Die Originale braucht man dazu nicht zu kennen.

Gemalte Bilder

Die Protagonisten sind Max Rüdlinger, Christine Lauterburg und Polo Hofer, die sozusagen sich selbst spielen; als rudimentärer Handlungsfaden dient die Idee, dass sich «Max» und «Polo» auf die Suche nach dem «Meister» machen, nach Clemens Klopfenstein, der endlich ihren Film fertigstellen soll. Fahrten mit dem Auto nehmen viel Raum ein, leere Landschaften und wie in den Himmel gezeichnete Vögel, Schwarz-Weiss und in Farbe – man hat Klopfenstein auch den «filmenden Maler» genannt. Die Episoden sind so zusammengeschnitten, dass die Story weiterzugehen scheint, obwohl sie in Wirklichkeit keinen Faden hat: Das ist Kino pur, reines Sehvergnügen.

Denn es zeigt sich, eine Handlung wird auch gar nicht benötigt, würde wohl sogar stören. Im Zentrum steht Max, Nachrichtensprecher bei Schweizer Radio International, oft mit missvergnügt heruntergezogenen Mundwinkeln, aber auch als Spassmacher und Eigenbrötler. Die vom Schauspieler mit Jahrgang 1949 gespielte Figur kann hier wie in einer Zeitmaschine zwischen ihren Altersstufen hin- und herwechseln, seine Partnerin «Chrige» trägt die Haare bald kurz, bald lang; wenn sie «Nacht» ruft, wird es schlagartig dunkel und Max am Steuer des Autos muss fluchen, weil er plötzlich die Strasse nicht mehr sieht. Diese Freiheit im Umgang mit der Zeit bietet neben dem Traum nur das Kino, das hier, wo es sich über die Gesetze der Realität hinwegsetzt, zu sich selbst kommt, zu seinem imaginären Kern. Der hat Anlagen zum Rauschhaften: Es ist auch kein Zufall, dass im Film viel getrunken wird.

Ankommen ist nicht Teil des Programms. Aber manchmal geraten die Figuren doch wieder an einen festen Ort, in eine Beziehung zum Beispiel, dann wird es schnell eng und Forderungen werden erhoben, dann hätte einer sich zu ändern, damit es besser würde: «Mach endlich etwas Eigenes, statt immer zu jammern», hallt es nach im Kopf von Max, als er wieder allein durch die Strasse zieht.

Die Wechselfälle der Beziehung zwischen Max und Chrige, die auch im wirklichen Leben ein Paar waren, trägt den Film zu einem wesentlichen Teil mit. Die Dialoge waren oft improvisiert, wie Max Rüdlinger beim Zürcher Filmstart im März 2016 imInterview mit dem «Tages-Anzeiger» verriet. Vielleicht wirken sie deshalb immer noch so frisch.

Sightseeing in Gizeh

Das gilt nicht zuletzt für die ikonische Szene aus «Das Schweigen der Männer» von 1996, in der Rüdlinger und Polo Hofer auf dem Kamel an den Pyramiden von Gizeh vorbei reiten. Sie scheinen die Sehenswürdigkeiten nicht einmal zu bemerken. Stattdessen reden sie davon, wie gerne sie wieder einmal Wurstsalat essen würden. Dies sei seine einzige «Weltklasseszene», meinte Rüdlinger im Interview: «Sie macht eine universell gültige Aussage über den Menschen: Selbst vis-à-vis eines Weltwunders gelingt es ihm nicht, anwesend zu sein.» So philosophisch kann man das wohl sehen. Man kann es aber auch einfach als absurdes Vergnügen geniessen.


Freitag, 27.1., 20.15 Uhr, Kino Cameo, Lagerplatz. Nach dem Film Gespräch mit Marcel Derek Ramsay und Max Rüdlinger. Der Film läuft auch am Sonntag, 29.1., 11 Uhr. ()

Erstellt: 24.01.2017, 15:33 Uhr

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