Winterthur

Mindestens soviel Samba wie Ballett

Einmal spektakulär und einmal klassisch: Die Kompanie Grupo Corpo aus Brasilien zeigt im Theater Winterthur zwei verschiedene Hälften.

Rot und Schwarz dominieren in der eleganten «Dança Sinfônica» von Rodrigo Pederneiras.

Rot und Schwarz dominieren in der eleganten «Dança Sinfônica» von Rodrigo Pederneiras. Bild: Jose Luiz Pederneiras

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Im zweiten, spektakulären Teil des Abends wird deutlich mehr gehustet. Zu sehen sind fast nackte, nur mit transparenten Trikots bekleidete Oberkörper. Die Begleitmusik empfinden hier manche, wie danach zu vernehmen war, als «komisch».

Zunächst leuchtet eine Lichterkette aus dem Dunkel der Bühne, unter ihnen treten die Tänzerinnen und Tänzer hervor, und wenn sie pausieren, setzen sie sich wieder an den Rand der Tanzfläche und bedecken sich mit einem Tuch, das auch eine Burka sein könnte: Das Bühnenbild zu «Gira», der 2017 erstmals aufgeführten Produktion der Kompanie Grupo Corpo aus Belo Horizonte, scheint die unheimlichen Bräuche einer teuflischen Sekte anzudeuten, es erinnert aber auch an eine schummrige Tanzparty mit Partnerwahl.

Die Mitglieder der 20-köpfigen Truppe bewegen sich zu einem faszinierenden, urbanen und sehr perkussiven Soundtrack der Band Metá Metá aus São Paulo, in dem Folk und Jazz kombiniert werden, über die Bühne, einzeln, zu zweit und in Gruppen, sie zucken, werfen den nackten Oberkörper vor und zurück, drehen sich, rudern mit den Armen und erinnern manchmal an Derwische. Frauen und Männer tragen lange, schneeweisse Röcke. Diese verstärken den Eindruck, man wohne einem Ritual bei.

Der Trailer zu «Dança Sinfônica».

Körperliche Energie

Für dessen Inhalt interessiert sich Rodrigo Pederneiras, seit über vierzig Jahren Choreograf des Grupo Corpo, offensichtlich nicht. Es geht ihm um die körperliche Energie, die in allen Bewegungen steckt.

Und diese ist tatsächlich beeindruckend. Inspiriert haben Pederneiras laut Programmheft die Riten einer in den 1920er Jahren in den Städten entstandenen Religion, in der sich Katholizismus und Spiritismus vermischen. Der Grupo Corpo ist ein Familienunternehmen, gegründet 1975 von Paulo Pederneiras, der heute für das Bühnenbild und, zusammen mit Gabriel Pederneiras, für das Licht verantwortlich ist.

Bereits vor sechs Jahren war die Kompanie im Theater Winterthur zu Gast. Liest man die Berichte von damals, kommt einem manches bekannt vor. Zum vierzigsten Geburtstag des Grupo Corpo montierte Rodrigo Pederneiras nun 2015 Passagen aus vergangenen Stücken zu einer «Dança Sinfônica».

Eine abwechslungsreiche Mischung, bei der die Stimmung klassisch ist: Die Männer tragen Schwarz, die Frauen Rot. An der Seite hängen rote Vorhänge, der Bühnenhintergrund ist schwarz, und am Schluss hängt dort ein wandfüllendes Tableau mit über tausend Fotos aus 40 Jahren Kompaniegeschichte. Wie schon bei «Gira» fehlt ein Spannungsbogen über dem Ganzen, doch hier vermisst man ihn weniger.

Es sind vor allem die einzelnen Szenen, die in Bann schlagen. Etwa wenn die Tänzer ihre Oberkörper wiegen wie Gräser im Wind und in der Musik Bachs Cello-Sonaten anklingen, oder wenn die Tänzer sich zu zweit in fliessenden Bewegungen schaukeln, als gäbe es keine Schwerkraft. Auch wenn sich der Pas de deux – die Tänzerin hier für einmal in Gold – zum mitreissenden Tanz steigert.

Wiederkehrende Figuren

Manche Figuren kehren nach der Pause bei «Gira» wieder, die Bewegungssprache ist reduziert, beide Choreographien setzen auf rhythmisierte Wiederholungen. Das Ganze ist eine erdgebundene Angelegenheit, viele Luftsprünge gibt es hier nicht. Es ist eine Feier des Lebendigen, die mindestens so sehr vom Samba beeinflusst ist wie vom Ballett.

Letzte Aufführung: Heute, 19.30 Uhr, Theater Winterthur.

(Der Landbote)

Erstellt: 05.04.2019, 14:24 Uhr

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