Winterthur

Nomaden mit Botschaften fürs Leben

Seit zwanzig Jahren tourt das Zirkustheater Nicole & Martin mit Grimmschen Märchen durch Europa. Nun spielen sie zum ersten Mal in Winterthur.

Martin Gubler und Nicole Gubler Schranz auf der Treppe ihres Wohnwagens.

Martin Gubler und Nicole Gubler Schranz auf der Treppe ihres Wohnwagens. Bild: Marc Dahinden

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Er, im roten Overall, baut mit dem Team und zahlreichen freiwilligen Helfern das Zelt auf, sie kocht im langen Holz-Wohnwagen Kaffee. Die Theaterleute haben sich am Dienstag auf der Wiese wohnlich eingerichtet, vor den Fenstern hängen Blumenkisten.

Zum Eingang des Wagens führt eine kleine, mobile Treppe, daneben stehen Stühle um einen kleinen Tisch, zwanzig Meter entfernt wird unter einem Sonnendach das Znüni-Buffet bereitgestellt; auch die Kinder sind auf dem Gelände unterwegs, helfen da und dort mit, Hund Mila streicht zwischen den Beinen hindurch. Der Eulachpark wirkt weit und frei an diesem Morgen, die Sonne scheint und beginnt schon zu wärmen. Wollte man nicht immer schon sein Leben draussen verbringen?

Rot sind auch die beiden LKWs, die das Zelt und die Bühnenbilder transportieren. Zum zwanzigsten Mal ist das Märchentheater Nicole & Martin dieses Jahr unterwegs. In Schottland waren sie schon, in Andalusien, Italien, Schweden und Russland, sie sprechen sieben Sprachen und schlagen das Publikum mit Märchen der Gebrüder Grimm in Bann.

Weshalb gerade Märchen? Man könnte auch andere, zeitgemässe Geschichten erzählen oder die Leute mit Slapsticks zum Lachen bringen. Als Journalist muss man Fragen stellen, hier kommt man sich damit ein wenig deplatziert vor. Märchen sind zeitlos, das weiss man doch. Und die Existenzform der reisenden Theaterfamilie: An diesem Frühlingsmorgen kann man sich keine schönere vorstellen.

Etwas lernen fürs Leben

Nicole Gubler Schranz, Jahrgang 1971, kommt aus dem Wagen, in dem die Familie zu viert wohnt, ihre Augen leuchten, ihr leichter französischer Akzent wirkt charmant.

Märchen seien wichtig für die Menschen, sie hätten eine tiefe Botschaft, man könne dabei etwas lernen für das Leben, sagt die künstlerische Leiterin des Theaters. Sie sieht sich dabei in der Tradition der Saltimbanci stehen, der Akrobaten und Jongleure. Früher richteten sich diese vor allem an die Erwachsenen, erklärt sie.

«Die Märchen sind so genial. Es ist gut, wenn sie weiterleben.»

Heute jedoch möchten sie allen etwas bieten, ohne Ansehen des Alters. Die Kinder haben Freude an den Geschichten, die Erwachsenen verstehen die Symbolik dahinter. «Die Märchen sind so genial. Es ist gut, wenn sie weiterleben.»

Kennengelernt haben sich die Genferin Nicole Gubler Schranz und der um ein Jahr ältere, aus Liestal stammende Martin Gubler an der Dimitri-Schule. 1999 gründeten sie ihr eigenes Ensemble. Die meisten Stücke spielen sie zu zweit.

Auf der zwanzigsten Europa-Tournee, die sie an dreissig Spielorte führt, haben sie alle fünf Märchen dabei, die sie nach und nach entwickelten: Am Anfang stand «Der Fischer und seine Frau», dann kamen «Hänsel und Gretel» und «Die Bremer Stadtmusikanten».

Und nach der Geburt von Samuel und Sascha, heute zwölf- und neunjährig, ging es weiter mit dem «Mädchen ohne Hände» und dem Initiationsmärchen «Der Eisenhans». Im «Eisenhans» spielen die Kinder mit. Auch bei «Hänsel und Gretel» hätten sie mitspielen können. Aber niemand wollte Gretel sein.

Mit Fantasie und Akrobatik

Gespielt wird ohne Mikrofon, mit Akrobatik, Mimik, Musik, Fantasie, witzigen Einfällen und einfachen Requisiten. Vieles wird aus Mimik und Gestik heraus verständlich, die Sprache hat eine unterstützende Funktion: «Wir spielen ja nicht Shakespeare.» Es ist eine poetische Welt, die die Vorstellungskraft mit einbezieht – das Gegenteil der Reizüberflutung, die Animationsfilme heute in der Regel produzieren.

Das scheint sich auch auf das Märchentheater auszuwirken. «Früher war die erste Reihe immer voll mit Kindern», sagt Gubler Schranz, heute sei das weniger der Fall. Acht Monate ist die Familie unterwegs, überwintert wird im Tessin. Dort besuchen die beiden Buben die normale Schule, auf Tour werden sie von einer mitreisenden Lehrerin unterrichtet.

Sie gehört zum Viererteam, das unter anderem für Catering, Lichttechnik, Transport und Reinigung zuständig ist. Die Zeit unterwegs erhält ihren Takt von den Aufführungen, darunter sind viele für Schulklassen. Die Reisezeit erscheint als die freiere Zeit: «Im Winter muss viel organisiert werden, da ist der Terminkalender voll.»

Gespielt wird in einem weissen Zelt, das von der Jurte inspiriert ist, dem Zelt der asiatischen Nomaden. Es handelt sich um eine besondere Konstruktion: Die innere Kuppel wird nur von Holzbögen gestützt, die ein Gefühl der Geborgenheit vermitteln sollen. Beim Start vor zwanzig Jahren war das Zelt kleiner, das grössere ist seit neun Jahren im Einsatz, über dreihundert Personen haben darin Platz. «Grösser werden wir nicht mehr», meint Gubler Schranz.

Organisieren als Vollzeitjob

Den ersten Schritt zum Gastspiel machte Stadtgrün mit einer Anfrage an das Theater. Dass Nicole & Martin nun zum ersten Mal in Winterthur zu Gast sind, ist aber nicht zuletzt das Verdienst von Miriam Jappie Dollie.

Seit dem September ist die Winterthurer Primarlehrerin und Märchenerzählerin mit Organisieren beschäftigt. Sie mache sonst Stellvertretungen, aber die Arbeit für das Theater sei «ein Vollzeitjob», sagt Jappie Dollie.

Seit sie das Märchentheater selbst erlebt hat, ist sie davon begeistert. Sponsoren und freiwillige Helfer für den Zeltaufbau mussten gefunden, Schulen angefragt werden. Etwa dreissig Klassen, vor allem aus Oberwinterthur, haben das Theater an den letzten beiden Tagen besucht, vom Kindergarten bis zur fünften Klasse. Am Samstag und Sonntag stehen nun zwei öffentliche Aufführungen an.

Nicole & Martin. «Der Eisenhans»: Heute 17 Uhr. «Hänsel und Gretel»: Sonntag, 11 Uhr. Eulachpark.

(Der Landbote)

Erstellt: 05.04.2019, 15:14 Uhr

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