Winterthur

Und dann sagt jemand «Bravo»

Mit dem jungen Quartett Meta Zero hat die neue Esse im Zeughaus am Donnerstag ihren Betrieb aufgenommen. Viele fanden den Weg dorthin.

Der Start ist geglückt: Das neue Konzertlokal überzeugt akutisch wie optisch, wie sich beim Auftritt der Band Meta Zero zeigt.

Der Start ist geglückt: Das neue Konzertlokal überzeugt akutisch wie optisch, wie sich beim Auftritt der Band Meta Zero zeigt. Bild: Enzo Lopardo

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Ich könne jetzt wohl gehen, ich hätte sicher schon genug Material für meinen Artikel, meint die Tischnachbarin in der Pause. Sie sei eigentlich keine Jazzhörerin, hatte sie davor bekannt. Aber sie wohnt in einem der blauen Häuser in der nahe gelegenen Zelgli-Siedlung und war neugierig auf das Lokal.

Wir sind uns einig, dass das Quartett in der zweiten Hälfte kaum stilistisch ganz andere Saiten aufziehen wird. Was aber, wenn einer der vier ohnmächtig umkippt oder sonst etwas Unvorhersehbares geschieht? Das müsste dann doch wohl in der Zeitung stehen. Also bleibe ich.

Alle Tische und Stehtische sind an diesem Donnerstag besetzt, auch die Bar ist gut ausgelastet, sogar auf dem Sofa an der rückwärtigen Fensterwand sitzt einer, obwohl das der einzige Ort ist, von dem man kaum auf die Bühne sieht. Das Jazzlokal Esse ist gerade, nach vierzehn Jahren an der Rudolfstrasse hinter dem Hauptbahnhof, ins Zeughaus umgezogen. Der Start ist geglückt: Ausreichend viele sind in der Lage, die Esse auch am neuen Ort zu finden.

Nun hat es Platz für 80 Leute

Offenbar gibt es auch ein Publikum im Deutweg, in der Breite und in Seen, sie haben nun die besseren Karten und ein psychisches Hindernis weniger, denn sie müssen nicht mehr auf die andere Seite der Bahngeleise. Rund achtzig Leute finden im neuen Lokal Platz, dreissig mehr als im alten. An diesem Abend ist die Mehrheit im Pensionsalter. Man kann hier auch Flammkuchen essen, der Käsegeruch verzieht sich rechtzeitig zum Konzertbeginn.

«Sie arbeiten genau wie klassische Orchestermusiker.»

Das Quartett Meta Zero des Schlagzeugers Samir Böhringer tritt auf. Schon vor einem Jahr habe die Band in der Esse gespielt, in einer anderen Zusammensetzung, sagt Böhringer, der das neue Lokal «mega schön» findet. Eigentlich läge das erste Album der neuen Formation vor, aber mit dem Vertrieb hat etwas nicht geklappt. Das Konzert sei nun halt eine CD-Taufe ohne CDs.

Die vier jungen Musiker – die Band ging aus einer Bachelor-Arbeit hervor – sind gute Techniker. «Sie arbeiten», findet die Nachbarin, «genau wie klassische Orchestermusiker.»

Mit ernsten Mienen schauen sie in Richtung Notenständer: Raphael Walser, Kontrabass, Rafael Schilt, Tenorsaxophon, und Dave Gisler an der Gitarre. Nur Bandleader Böhringer am Schlagzeug, der von der rechten hinteren Ecke der Bühne das Geschehen überblickt, scheint offen Freude zu haben am Spiel. Obwohl er bei seinen hoch-energetischen Läufen sicher nicht weniger arbeitet.

Gute Saal-Akustik

Meta Zero spielen einen stark rhythmisch geprägten und oft druckvollen Jazz, die Linien driften auseinander und finden wieder zusammen, es macht Spass,ihnen zu folgen. Eigentlich ist es mehr ein Sound, was man zu hören bekommt, erkennbare Melodien sind eher selten. Herausragend ist Dave Gisler mit seinen federnden Läufen, die sich in seiner elastischen Körperhaltung spiegeln, manchmal scheint seine Gitarre zu singen. Es könnte sein, dass er vom Amerikaner John Abercrombie beeinflusst wurde.

Der Klang im neuen Lokal ist satt und alles bis in die Ecken hinein gut hörbar, eine klare Verbesserung. Auf die Akustik habe man beim Einrichten der Decke besonders geachtet, erklärt Thomas Schmid, Programmleiter der Esse.

Optisch dominieren die Farben rot und schwarz, der Boden ist hellgrau, die Wände türkis; man fühlt sich wohl zwischen den alten Stützbalken, von denen es nicht zuviele hat, auch die Sicht ist sehr gut. Der rote Vorhang hinter der Bühne wurde oben mit kleinen roten Lämpchen geschmückt, alles ist liebevoll und mit Geschmack eingerichtet. Über dem Tresen hängen an Ketten acht mittelgrosse, warme Leuchten von der Decke, die Flaschen im Regal sind hell angestrahlt.

Das erste Stück heisst «Adam Shack» und ist schnell, eine Reminiszenz an Böhringers Aufenthalt in New York. Im zweiten spielen laut Ansage Gänse eine Rolle, und tatsächlich erinnert der individualistische Beginn an Tiere, die in verschiedene Richtungen auseinander laufen. In der kurzen Stille vor dem Applaus sagt eine ältere Männerstimme aus der Mitte des Saals gut vernehmlich «Bravo».

Nach vier Stücken und 45 Minuten ist Pause. Danach geht es weiter mit «Albatros» und einem einnehmenden Solo des Saxophons. Es wird begleitet von einem Geräuschpegel an der Bar, eine Folge der angeregten Pausengespräche. Ein zynischer Beobachter könnte jetzt zum Schluss kommen, Jazz sei die Kunstform, bei der jeder etwas für sich macht, die Musiker sich auf der Bühne verwirklichen und das Publikum sich mit sich selbst vergnügt. Aber das ist an diesem Abend die Ausnahme.

Steigerung zum Schluss

Ausgehend von der Gitarre schwingt sich «Albatros» nun oin eine rockige Steigerung, die einen in Bann schlägt. Die Konzentration sinkt aber sogleich wieder, denn es folgt «Dach», ein offensichtlich durchkomponierter, eigenartiger Klotz, der durch seine Kürze auffällt, darauf «Homunculus», inspiriert durch die Jugendromane von Cornelia Funke, wie Böhringer erklärt. Als das zu Ende ist, sagt der inoffiziele Saalspeaker «Super».

Das achte Stück erinnert mit seinen lang ausgehaltenen Tönen, dem Hall, den Besen des Schlagzeugers und dem gestrichenen Bass an einen Alpsegen, aber mit technoiden Störgeräuschen versetzt, die nicht ganz dazu passen wollen. Das klingt zwar lustvoll und sinnlich, bröselt aber spannungslos vor sich hin. Immerhin ist es nun still geworden an der Bar. Es war «fantastisch», sagt die Stimme mit herzlicher Überzeugung.

«Manhole», das neunte und letzte Stück vor der Zugabe, ist vielleicht das beste des Abends. Wie immer mäandern die intrikaten Rhythmen komplex durcheinander. Aber nun steigert sich der Sound, unterteilt von Böhringers trockenen Schlägen, zu einem dreckigen, industriellen Maschinenlärm. Als Böhringer am Ende seine Musiker vorstellt, gehen die Namen im Applaus unter.

Erstellt: 11.10.2019, 15:29 Uhr

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