Neu im Kino

Wie der «Papierflieger» an Höhe verlor

«Ein Volk auf der Höhe» von Frédéric Gonseth ist eine erhellende Chronik – und ein Lehrstück für die nächste Beschaffungsetappe. Am Freitag findet dazu in Winterthur eine Diskussion statt.

Der «Fall Gripen» wird im Film «Ein Volk auf der Höhe» genau nachgezeichnet, bis hin zum Absturz an der Urne im Mai 2014.

Der «Fall Gripen» wird im Film «Ein Volk auf der Höhe» genau nachgezeichnet, bis hin zum Absturz an der Urne im Mai 2014. Bild: key

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Wie konnte der Gripen am 18. Mai 2014 an der Urne abstürzen? Und dies in einem Land, in dem die Mehrheit sonst immer auf dieArmee hört? Der Westschweizer Frédéric Gonseth hat den Abstimmungskampf über den Kauf des schwedischen Kampfjets filmisch festgehalten. Am Freitag findet im Kino Cameo dazu auch eine diskussion mit SP-Nationalrätin Chantal Galladé und Ex-Luftwaffenchef Markus Gygax statt (siehe Infobox rechts).

Um die Kampagnen der Gegner und Befürworter möglichst ausgewogen darzustellen, reiste Gonseth während neun Monaten durch die halbe Schweiz. Er besuchte Pazifisten, Parlamentarier, Berufs- und Milizoffiziere, befragte Passanten, ging zum Rentner-Kegeln, in die Schulklassen – und zu den Militärpiloten.

«Ihr müsst in der Lage sein, an der Coop-Kasse oder am Skilift innerhalb von drei Minuten jemandem zu erklären, worum es geht», sagt in einer der Szenen Chris­tophe Keckeis vor versammelten Piloten, nachdem das Referendum zustande gekommen ist.

Der ehemalige Chef der Armee ist einer der Protagonisten des Dokumentarfilms, der mit Herzblut für den Flieger weibelt. Dies tut er, obwohl er zunächst sein «Gehirn auswechseln musste», als er erfuhr, dass sich der SVP-Verteidigungsminister nicht für das beste, sondern für das billigste Flugzeugmodell entschieden hatte.

Doch statt den erwarteten Startschuss für die Kampagne zu geben, erteilt der Kommandant der Luftwaffe, Aldo Schellenberg, den Piloten später im Auftrag von VBS-Chef Ueli Maurer ein Redeverbot. «Wir dürfen den Abstimmungskampf nicht selber führen», stellt er klar. Schweigen im Saal.

Schade eigentlich, denn die Piloten hätten den Gripen vielleicht vor dem Absturz bewahren können, als die Kampagne später stark in Schieflage geriet. Doch schön der Reihe nach.

Wie bei einem Absturz

«Es waren mehrere Faktoren», lautet im Film das Fazit von CVP-Nationalrat Jakob Büchler, nachdem das Nein feststeht. Die Analyse klingt vielleicht etwas banal. Tatsächlich führte aber im Vorfeld der Abstimmung über den Gripen – ähnlich wie bei einem Flugzeugabsturz – eine unglückliche Verkettung mehrerer Ereignisse zum Verdikt des Stimmvolks.

Die Befürworter hatten schon einen schlechten Start. Während des Evaluationsprozesses erfuhr die Öffentlichkeit über die Presse, dass eine Mehrheit der Militärpiloten aus technischen Gründen gegen den Gripen war. Die Medien hatten Blut geleckt und verfolgten das Thema misstrauisch.

Und innerhalb des rechtsbürgerlichen Lagers waren nicht alle von der Notwendigkeit der Beschaffung neuer Kampfflugzeuge überzeugt. Und doch war sich Hans-Peter Wüthrich, der Manager der millionenschweren Pro-Kampagne, zu Beginn seiner Sache noch sehr sicher.

Doch dann kam es für die Befürworter zu einer Reihe von Fehlern und Pannen, wie der Film rekonstruiert. Der schwedische Hersteller versuchte sich in den Abstimmungskampf einzumischen. Der Schweizer Luftpolizeidienst schien ausserhalb der «Bürozeiten» nicht einsatzbereit zu sein. Die Schweiz war empört, die Schweiz spottete.

Maurer und das Mini-Chalet

Um die Kampagne zu retten, wurde sie zur Chefsache erklärt. Doch auch die Werbetour von Verteidigungsminister Ueli Maurer ging gründlich daneben: Er reiste mit einem Miniatur-Chalet durch das Land undverglich Hausfrauen mit Gebrauchsgegenständen. Der «Pa­pierflieger» verlor weiter anHöhe.

Sogar der Ukraine-Konflikt, der plötzlich aus heiterem Himmel ausbrach, konnte nicht mehr viel ausrichten. Am Schluss sagten 53,4 Prozent der Stimmenden Nein.

Ihm sei wichtig gewesen, die Rolle des vollkommen neutralen Beobachters einzunehmen, hält der 1950 in Lausanne geborene Filmemacher Frédéric Gonseth fest. Dieses Versprechen hält er ein – unter anderem, indem er aufzeigt, wie auf beiden Seiten mit Halbwahrheiten gearbeitet wurde.

Beide Lager sahen sich mit dem Problem konfrontiert, dass das Stimmvolk mit dem Entscheid über die Beschaffung von Rüstungsmaterial eigentlich überfordert war. «Das Problem ist, dass wir über eine Frage abstimmen, von der wir keine Ahnung haben», sagt eine Stimmbürgerin in die Kamera.

Um dies zu umgehen, machten die Befürworter im Verlauf der Kampagne aus einem «Ja zum Gripen» ein grundsätzliches «Ja zur Armee». Die Gegner hingegen blieben beim mehrheits­fähigen «Nein zum Gripen» und hüteten sich vor einem «Nein zur Armee» – auch wenn die treibende Kraft hinter dem Referendum die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee war. Denn eine Grundsatzdebatte zur Armee hätten die Pazifisten nur verlieren können.

Erstellt: 14.09.2017, 17:11 Uhr

Diskussion mit Galladé und Gygax

Filmvorführung und Diskussion im Kino Cameo

Am Freitagabend wird im Kino Cameo auf dem Lagerplatz in Winterthur nicht nur der Film «Ein Volk auf der Höhe» gezeigt, es wird auch debattiert: Im Anschluss an die Vorführung des Dokumentarfilms über die Kampfjet-Abstimmung im Jahr 2014 diskutieren SP-Nationalrätin Chantal Galladé, Ex-Luftwaffenchef Markus Gygax und Regisseut Frédéric Gonseth über den Film sowie über die aktuellen Pläne für die Luftverteidigung. Moderiert wird die Diskussion von Jakob Bächtold, STv. Chefredaktor des Landboten.
Kino Cameo, Lagerplatz, Freitag, 15. September, 20.15 Uhr.

Diskutiert im Kino Cameo über den Kampfjet-Kauf: SP-Nationalrätin Chantal Galladé.

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