Canzoni

«Wir hatten für alles ein Lied»

Der Cantautore Pippo Pollina ist seit dreissig Jahren als Musiker unterwegs. Im Theater Winterthur singt er kommenden Donnerstag ein «Best of» seiner über hundert Stücke, die er geschrieben hat.

Das Italienische in ihm überwiegt bis heute das Schweizerische: Der Liedermacher Pippo Pollina.

Das Italienische in ihm überwiegt bis heute das Schweizerische: Der Liedermacher Pippo Pollina. Bild: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Camminando troverai la tua strada», sangen Sie, was so viel heisst wie «gehend findest du deinen Weg». Wie haben Sie Ihren Weg gefunden?
Pippo Pollina: Das Lied «Camminando» habe ich vor über dreissig Jahren geschrieben, als ich als Strassenmusiker unterwegs war. Es kommt für alle immer wieder eine Zeit, in der der Weg nicht klar ist. Diese Zeit ist spannungsvoll und hoffnungsvoll. Sie macht uns unsicher und verletzlich. Doch wenn wir offen sind, kommt der Moment, in dem wir den richtigen Weg vor uns erkennen. Das war bei mir genauso. Ich habe erkannt, dass die Musik mein Schicksal war, obwohl es keine Sicherheit gab.

Ihr Sohn Julian macht als Faber in der Popwelt Furore, Ihre Tochter Madlaina spielt im Duo Steiner und Madlaina in ausverkauften Häusern. Haben Sie Ihren Kindern den Weg als Musiker vorgezeichnet?
Selbstverständlich habe ich den Weg vorgezeichnet. Das Lied war unsere Art, in der Familie zu kommunizieren und unsere Gefühle zu zeigen. Für alles gab es ein Lied: Für die gute Nacht, vor dem Essen, nach dem Essen. Es freut mich, dass meine Kinder diesen Weg eingeschlagen und grossen Erfolg haben.

Haben Sie sich auch von Ihnen inspirieren lassen?
Das sollte man ihnen sagen, ja. (lacht) Die Inspiration kommt vom Leben, von dem, was passiert, privat, in der Politik, in der Welt, von dem, was uns bewegt. Das alles ist Stoff für viele Themen, die in meinen Liedern vorkommen: Traurigkeit, Spannung, Liebe, Fröhlichkeit, Hoffnung, Wut, auch eine gewisse Enttäuschung. Alles ist da und bereit, in Liedern verarbeitet zu werden.

«Meine Heimat sind meine Erinnerungen.»

Sie gelten als sizilianischer Cantautore, obwohl Sie schon viel länger in der Schweiz wohnen, als Sie in Sizilien gelebt haben. Sind Sie zufrieden mit dieser Bezeichnung?
Ich würde sagen ja. Ich wohne zwar seit über 30 Jahren in der Schweiz. Aber was du bist, bestimmen die ersten 25 Lebensjahre. Ich bin in Italien geboren und aufgewachsen, habe dort die Schulen und die Universität absolviert. Die Schweiz habe ich als reifer Mensch entdeckt. Natürlich spielt die Schweiz eine wichtige Rolle in meinem Leben, aber meine Identität ist hauptsächlich die italienische.

Was sehen Sie heute als Ihre Heimat an?
Meine Heimat sind meine Erinnerungen. Alles was Teil geworden ist in dieser Enzyklopädie der Memoiren ist meine Heimat. Als Migrant ist man offen für das neue Land. Ich bin ein Reisender und mit meiner Musik bin ich immer in Bewegung. Da kumulieren sich verschiedene Elemente, die ich gerne annehme. Die Schweiz hat mir sehr viel gegeben. Nicht zufällig habe ich mich entschieden, hier zu bleiben und eine Familie zu gründen.

Wo fühlen Sie sich künstlerisch zu Hause?
Künstlerisch kann man sich überall zu Hause fühlen. Die Kunst ist frei, sie ist eine Dimension, in der es keine Nation und keine Fahne gibt. Sie ist eine menschliche Dimension. Klar ist meine Kunst in der Liedermacherszene Italiens der siebziger und achtziger Jahre zu Hause. Aber ich lasse mich gerne inspirieren durch alle künstlerischen Begegnungen. Zum Beispiel war es für mich interessant, die Schweizer Liedermacherszene zu entdecken, mit Linard Bardill oder mit Büne Huber. Auch mit vielen deutschen und französischen Liedermachern habe ich gearbeitet. Mit der italienischen Sprache ist man natürlich in der Lage, überall auf der Welt präsent zu sein. Sie ist ja auch beliebt – das ist ein grosser Vorteil.

Sie haben über zwanzig Alben veröffentlicht. Gibt es eines, das Ihnen besonders am Herz liegt?
Nein, das nicht. In einem Buch, das vor einem Jahr erschienen ist, zeige ich den Weg von Album zu Album auf; mit wem und wo ich gearbeitet habe. In jedem Album steckt ein Stück von meinem Leben drin. Jedes ist einzigartig.

Vor über 30 Jahren sind Sie als Strassenmusiker in die Schweiz gekommen. Nun ziehen Sie Bilanz. Wie fällt diese aus?
Ich habe auf meine Art und Weise intensiv gelebt. Ich bin sehr glücklich, dass ich mein Leben mit grosser Unabhängigkeit geführt habe. Und dass ich es geschafft habe, ein Publikum zu finden, obwohl ich mich nicht von kommerziellen Aspekten habe beeinflussen lassen. Anders wäre es gar nicht gegangen. Ich bin dankbar für diesen Erfolg, der ja nicht automatisch kam. Das brauchte viel Zeit und Arbeit. Meine Musik entsprach nie dem Geist der Zeit und wollte immer ihren eigenen Geist haben. Dass sie ein Publikum gefunden hat, ist schon ein bisschen wunderlich – ein schönes Wunder!

«Ich lernte das Wort ‹Stress› erst in der Schweiz kennen.»

Das klingt irgendwie leicht. Oder war es harte Arbeit?
Das war harte Arbeit. Jahrelang musste ich kämpfen um jeden Schritt. Vor allem war es schwierig, am Ball zu bleiben und weiter daran zu glauben. Ganz viele Menschen arbeiten so hart und haben überhaupt keine Anerkennung, wie etwa die Lehrer. Künstler, die einen gewissen Erfolg haben, sind total privilegiert. Dieses Privilegs muss man sich bewusst sein.

In den neunziger Jahren sangen Sie «Ehi, che stress» – «Was für ein Stress». Hat sich der Stress heute verschärft?
Ich lernte dieses Wort «Stress» erst in der Schweiz kennen. Unser Lebensrhythmus in Italien war so langsam – es gab keinen Grund, Stress zu haben. Ich merkte, dass in der Schweiz die Leute so anders ticken. Ich dachte: «Oh, Madonna!».

Und wie ist es für Sie heute?
Heute habe ich viel zu tun, ich bin viel unterwegs. Da muss ich strukturiert sein, um Stress zu vermeiden.

Gibt es etwas, das in Ihrer Karriere noch fehlt?
Nein, eigentlich nicht. Ein Traum wäre es, Konzerte in Lateinamerika zu geben, weil ich eine grosse Nähe zu dieser Kultur habe. Das würde mich schon sehr freuen. Ich bin in einer Zeit geboren, die schwierig war für Musiker meiner Art. Eigentlich hätte ich zwanzig Jahre früher auf die Welt kommen müssen. Doch ich wollte meiner Natur treu bleiben. Deswegen bin ich dankbar für alles, wie es ist. Es war auch klar, dass ich von Italien weg musste, um meine Identität zu behalten.

Nun bringen Sie ein «Best of» auf die Bühne – was erwartet das Publikum?
Eine Wiederbegegnung mit meiner Musik, ein Potpourri aus alten und neuen Stücken. Besonders freue ich mich, mit drei Sängerinnen aus Sizilien und Musikern zusammen zu spielen, mit denen ich seit Jahren unterwegs bin.

Pippo Pollina: «30 Jahre Camminando». Donnerstag, 14. November, 20 Uhr, Theater Winterthur.

Erstellt: 09.11.2019, 15:03 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!