Ausstellung

Würden wir auch ohne Arbeit glücklich sein?

Wo früher Maschinen gebaut wurden, in einer ehemaligen Fabrikhalle in der Lokstadt, kann man jetzt über die Bedeutung und den Wandel der Arbeit nachdenken.

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Die Roboter stehen vor allen Türen, sie wollen nicht nur in der Fabrikation eingesetzt werden, sondern auch in Bereichen, in denen der Mensch sich bisher für unersetzbar hielt. Schon bald könnten sie Bankbeamte, Altenpfleger und Journalisten arbeitslos machen.

Das menschliche Gehirn braucht die Abläufe in vielen Fällen nicht mehr zu überwachen: Im Internet der Dinge lernen die Maschinen, sich selbst zu warten. Das Schlagwort «Industrie 4.0G» fasst diese Veränderungen zusammen. Wenn die Prognosen stimmen, dürfte die Arbeitswelt sich bald grundlegend verändern. Aber es handelt sich ja nicht um die erste grundlegende Umwälzung.

Nachdenken über die Vergangenheit

Mit der Ausstellung «Eins, zwei, drei, 4.0» möchte «museum schaffen», ein Projekt des Historischen Vereins Winterthur, zum Nachdenken anregen über die Bedeutung und den Wandel der Arbeit. Dazu wirft die Ausstellung einen Blick zurück: Welches Gesicht hatte die Arbeit früher, was bedeutete sie vorangegangenen Generationen?

Sie tut das nicht systematisch. Das zentrale Element der Ausstellung ist ein langer Tisch mit Fotos, Fakten und Zitaten. Da geht es etwa um das Verhältnis von Arbeit und Freizeit. 1871 wurde die 66-Stunden-Woche als Obergrenze gesetzlich festgelegt – heute, so wird angedeutet, könnte sich die Arbeitszeit wieder ausdehnen. Das hierarchische Führungsmodell sei überholt, heisst es an anderer Stelle. Der Fernsehphilosoph Richard David Precht wird mit der Aussage zitiert, die Arbeits- und Leistungsgesellschaft sei eine Erfindung des bürgerlichen Zeitalters.

Das Material stammt unter anderem aus dem Archiv der Firma Sulzer und aus «Gretlers Panoptikum für Sozialgeschichte», einem privaten Archiv, das sich als Fundgrube erwiesen hat, wie Projektleiterin Melanie Mock erklärt. Daraus stammt etwa die gross aufgezogene Fotografie, die Frauen beim Gemüserüsten für die Herstellung von Bouillonwürfeln zeigt, eine Aufnahme aus der ehemaligen Maggi-Fabrik in Kemptthal.

Familienwanderung, Unterhaltung und «Teleboy»

Eine Trouvaille ist der Leserbrief aus einer Sonntagsausgabe des «Landboten» aus dem Jahr 1925. Darin erinnert sich die Autorin an die Zeit, als sie als Jugendliche in der Spinnerei Hard arbeitete: In der Mittagspause sei Unterhaltung mit Live-Musik und Tieren geboten worden.

Auch auf das veränderte Freizeitverhalten spielt die Ausstellung an. So ist eine Familienwanderung in den 1950er Jahren zu sehen, oder man erfährt, dass die Samstagabendshow «Teleboy» des Schweizer Fernsehens Mitte der 1970er Jahre Spitzenwerte von über zwei Millionen Zuschauern erreichte.

«Wir möchten die Leute dort abholen, wo sie heute stehen.»

Andrea Keller, stellvertretende Leiterin «museum schaffen»

Dazwischen gestreut sind Fragen an die Ausstellungsbesucher. Beglückt oder erschreckt uns die Vorstellung, den Job zu kündigen, um ein Jahr lang auszuspannen? Würde man dann, wenn man seinen Traumjob gefunden hätte, trotzdem noch Freizeit brauchen? Für die Antworten liegen Zettel bereit, die man aufhängen kann.

Die Ausstellung wolle das Publikum ansprechen, erklärt Andrea Keller, stellvertretende Leiterin von «museum schaffen», die zusammen mit der Szenografin Melanie Mock und dem Historiker Heinz Looser für das Konzept verantwortlich ist: «Wir möchten die Leute dort abholen, wo sie heute stehen.»

Ausstellung in der Halle «Draisine»

Für die Schau, die bis Oktober dauert und von zahlreichen Veranstaltungen begleitet wird, hat die Firma Implenia die Shedhalle der ehemaligen Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik (SLM) von 1871 zur Verfügung gestellt; hier war die Dreherei eingerichtet – heute heisst die Halle «Draisine». Darin ist die alte Zeit noch in Form von gusseisernen Trägern und feldgrünen Elektrokästen gegenwärtig (die nicht mehr in Betrieb sind). Die Spanplattten zur grossen Lokstadt-Baustelle hin sind nicht schalldicht, von aussen musste die Wand mit Holzbalken gestützt werden, damit sie allfälligen Stürmen trotzen kann.

Die Halle stehe für Workshops, Sitzungen und Retraiten von Firmen zur Verfügung, erklärt Stefano Mengarelli, Leiter von «museum schaffen». Rund sechshundert Firmen aus der Region seien dazu angeschrieben worden. Damit wird ein neuer Versuch gestartet, die heutige Arbeitswelt in die Ausstellung zu holen, nachdem der Co-Workingspace bei der ersten Ausstellung laut Mengarelli nicht soviel Anklang fand wie erhofft. Als Nachteil könnte sich diesmal die etwas versteckte Lage der Halle erweisen, die über die benachbarte Markthalle Habersack zugänglich ist.

Es lohnt sich, einen Blick ins Veranstaltungsprogramm zu werfen. Schon in der ersten Woche ist es dicht gepackt. Beispiele: Am Sonntag singt der Giesserei-Chor aus Oberwinterthur Lieder zum Thema «Arbeit und Müssiggang» (17 Uhr). Am Dienstag spricht die deutsche Managementberaterin Anja Förster zum Thema «Abweichungen von der Norm» (19 Uhr). Am Donnerstag nimmt Ex-Landbote-Fotograf Andreas Wolfensberger das Publikum mit auf eine Zeitreise durch Winterthur (20 Uhr). Und am Freitag feiert das Interkulturelle Forum Winterthur (IFW), das sich seit 1969 um die Integration der ausländischen Bevölkerung bemüht, hier seinen 50. Geburtstag (19 Uhr). Ausserdem findet am Auffahrtswochenende nebenan das Elektro-Musikfestival «Industria 4.0» statt (31.5. Bis 2.6., Zürcherstrasse 39).

>Eins, zwei, drei, 4.0: Zürcherstrasse 41. Bis 3.10. Do 14-18, Sa/So 14-17 Uhr. Vernissage: Samstag, 11.5., ab 17 Uhr. (Landbote)

Erstellt: 10.05.2019, 12:33 Uhr

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