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Abschied der Unterhaltungsmusik

Am kommenden Wochenende findet zum 23. und letzten Mal das «Festival der Unterhaltungsmusik» mit dem umtriebigen Reto Parolari und seinem Orchester statt.

Reto Parolari: «Ich wollte immer spielen, was ich selber mochte – mit den Solisten, die ich wollte»
Reto Parolari: «Ich wollte immer spielen, was ich selber mochte – mit den Solisten, die ich wollte»
Archiv, Heinz Diener

Die 36 Musikerinnen und Musiker des Orchesters Reto Parolari ORP füllen mit ihrem Instrumentarium räumlich praktisch den ganzen Saal der Musikschule. Und sie erfüllen ihn auch musi­kalisch: mit süssem Geigenschmelz, kräftigen Bläserpassagen, zarten Harfenglissandi oder lateinisch angehauchten Rhythmen. Das Resultat ist ein unglaublich satter, mitreissender Livesound – man könnte fast ­sagen: Es rockt.

Vorn am Pult sitzt Orchesterleiter und Dirigent Reto Parolari. Er hört jedes Detail, unterbricht, gibt sachlich und präzis seine Anweisungen: «Darf ich das Holz nochmals haben? Bei F kommt das Glockenspiel früher.» Und schon dampfen – «umtza, umtza» (Zitat Parolari) – wieder alle gemütlich dahin. Sozusagen im Eselstritt, denn das Stück heisst «Donkey Serenade».

Klassiker rümpfen die Nase

«Als Berufsmusiker im Stadtorchester hatte mein Vater bei uns zu Hause quasi das Primat auf der klassischen Musik», erklärt Parolari später, wie er auf die Unterhaltungsmusik kam. «Dagegen wollte ich mich abgrenzen.» Und da er damals am Konservatorium Schlagzeug studierte, hatte er «ein Flair für rhythmische Sachen» – und entdeckte die Unterhaltungsmusik, «die der Rhythmik auf spannende Weise gerecht wird, indem sie sie geschickt auf die verschiedenen Register verteilt». Er habe bemerkt, dass da Schätze brachliegen, und das ORP gegründet. Bereits das erste Konzert am 1. Juli 1973 wurdeein Riesenerfolg. Seine «klassischen» Musikerkollegen hingegen hätten mit dem Finger auf ihn gezeigt. Parolari liess sich nicht beirren: Es folgten zahlreiche Konzerte, Fernsehauftritte, CD-Produktionen mit dem ORP. 1991 gründete er dann das «Festival der Unterhaltungsmusik». «Schlicht, weil es auf dem Gebiet nichts gab», wie er heute sagt. «Es war damals europaweit einzigartig und erstreckte sich über eine volle Woche.» Orchester aus dem In- und Ausland wurden ­dazu eingeladen, und es gab sogar Symposien und Talkrunden zum Thema.

Gemeinsam mit dem 1993 gegründeten und ebenfalls von ihm geleiteten Winterthurer Zivilschutzorchester seien dann «ganz grosse Kisten» möglich geworden, und auch das laufend ­gewachsene, eigene Notenarchiv habe immer eine zentrale Rolle gespielt. Diese Konstellation gab ihm auch Freiheiten: «Ich wollte immer spielen, was ich selber mochte – mit den Solisten, die ich wollte», sagt Parolari. «Die musikalischen Ziele standen immer im Vordergrund.» Finanziell ging es nicht immer auf, obwohl er selber stets auf ein Honorar verzichtete: Einmal musste sogar eine wertvolle alte Harfe aus den ­Orchesterbeständen «versilbert» werden. «Wir wurden aber auch von vielen Freunden, Sponsoren und der Stadt unterstützt, was uns sehr geholfen hat», sagt er dankbar.

Zu viel Administration

Dass das «Festival der Unterhaltungsmusik» nach 23 Jahren eingestellt wird, begründet er mit der riesigen Konkurrenz: «Es herrscht eine regelrechte Festivalitis.» Parolari hatte aber auch genug vom riesigen Administrationsaufwand: 80 Prozent seiner Zeit sei dafür draufgegangen; um selber Musik zu spielen, zu üben, zu schreiben, blieb ihm fast nichts.

«Ich habe das Festival gegründet, und nun habe ich selber entschieden, wann Schluss ist», sagt er. Eines seiner beiden Büros bei sich zu Hause hat er bereits aufgelöst; an seiner Stelle soll ein Musikzimmer entstehen.

«Natürlich gibt es ein weinendes und ein lachendes Auge, aber das lachende ist grösser: Der Druck, ein Festival zu organisieren, ist weg, und das ORP existiert ja weiterhin: Am 1. Juli 2018 werden wir sein 45-jähriges Bestehen feiern.» Zunächst aber gibt es noch einmal ein grosses Fest der Unterhaltungsmusik.

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