Dezemberausstellung

Achterbahn mit wenig Risiko

Im Kunstmuseum beim Stadthaus und in der Kunsthalle trifft man auf Schönes, Reizvolles und Langweiliges – aber auf wenig, das zu Diskussionen führen könnte.

Illusionistische «Wandzeichnung» von Gianin Conrad im Kunstmuseum beim Stadthaus: Spanner, 2019.

Illusionistische «Wandzeichnung» von Gianin Conrad im Kunstmuseum beim Stadthaus: Spanner, 2019. Bild: Marc Dahinden

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Die diesjährige Ausgabe der Dezember-Ausstellung gleicht einer Wundertüte. Sie ist voller Überraschungen, neben einigen schönen finden sich aber auch etliche enttäuschende Auftritte. Die Jury, besetzt mit Lynn Kost, dem neuen Kurator für zeitgenössische Kunst im Haus, Oliver Kielmayer, Leiter der Kunsthalle, und der Thurgauer Künstlerin Rahel Müller als Vertreterin der Künstlergruppe, wählte aus 95 Dossiereingaben 29 Positionen aus. Sie reflektieren laut Jurybericht «zeitgenössische Befindlichkeit» und «Risikobereitschaft». Berücksichtigt wurde zudem die Entwicklung innerhalb des Gesamtwerkes.

Auch wollte die Jury aufmuntern und fördern. Nur: Mit diesem Kriterienkatalog lässt sich praktisch jede Selektion irgendwie rechtfertigen. Mut bewies die Jury denn auch weniger in der Auswahl als in der Möglichkeit zur öffentlichen Einsicht in sämtliche Dossiers. Über die Klinge springen mussten trotz spannenden Vorschlägen unter vielen anderen etwa Pascal Kohtz, Gregor Frehner, Thierry Perriard, köfer/hess, Simone Monstein, Guido Vorburger, Mia Diener, Eveline Cantieni und Valentin Magaro. Sie wären eine Bereicherung gewesen.

Der gelungen Auftakt. Bild: mad

Erwartungsvoll blickte man auf die lokale Premiere des erfahrenen Lynn Kost als Ausstellungsregisseur. Der Auftakt gelingt höchst stimmungsvoll mit Malerei, Foto und der post-, post-minimalistischen Installation von Christoph Eisenring: eine quadratische Wanne aus Blech, gefüllt mit schwarz gefärbtem Wasser, in das ein Senkblei taucht. Dann folgt bereits der erste und einzige Höhepunkt: Fünf Videoarbeiten in einem Raum, das ist nicht nur ein Bekenntnis zu diesem Medium; es ist ebenso eine Demonstration seiner Möglichkeiten, beispielsweise in Sarah Hablützels und Marko Mijatovics Kurzfilm «Territorial Fight», wo eine Sprachtherapie zu einem Disziplinierungssetting mutiert.

Roter Teppich für Galerie

Im nächsten Saal wird es ein erstes Mal problematisch. Der Schwerpunkt liegt bei der Malerei, und staunt man beim Anblick der Streifenbilder von Nicola Grabiele. Seine Farbakkorde klingen intensiv und strahlen tief in den Raum hinein. Derweil entfaltet sich eine heimliche Provokation auf der Seite gegenüber, wo Klodin Erb die ganze Wand mit zwölf Sprechblasenbildern bespielen darf. Nicht nur der von Museumsdirektor Konrad Bitterli geförderten Zürcherin, auch ihrer Galerie Lullin+Ferrari rollt Kurator Kost den roten Teppich aus – für eine Ausstellung in der Ausstellung. Welche Zürcher Galerie ist als nächste an der Reihe, fragt man sich.

Die Erwerbungen der städtischen Kunstkommission mussten offenbar bürotauglich sein.

In einem ganz anderen Sinne in Schieflage geraten ist der Hauptsaal. Nichts will da miteinander in Dialog treten, weder die fotografische Mondserie von Bignia Wehrli noch die wunderbare illusionistische «Wand- und Aktzeichnung» mit einem pinkigen Spannerset von Gianin Conrad oder die dreiteilige Installation von Reto Boller und schon gar nicht das brachiale Ungetüm von einem Kartenhaus aus farbigen Leinwänden. Einzig Boller legt einige Köder aus, die eine Bedeutung suggerieren.

Reizvolle Solisten

Auch der letzte Saal wird von Solisten bestritten. Sehr reizvoll und romantisch-geheimnisvoll sind die Fotomonotypien von Katharina Henking. Und wo Henking ist, ist auch Theres Wey nicht weit. Dass Lynn Kost ihre weissen Kleckse und die Ölspuren auf der nicht grundierten Leinwand beinahe als innovative Errungenschaft preist, obwohl sie kunsthistorisch beinahe so neu sind wie das Auto, gehört allerdings zur Standard-Rhetorik von Kuratoren. Der Bildhauer Stephan Viktor Müller steckt mit seinem aktuellen Werk in einer bemerkenswert spannenden Altersphase. Warum darf er nur ein Stück zeigen, wundert man sich angesichts der Dreierserie von Wey und Henking. Eine Art von Kontrapunkt zu Eisenrings Minimalismus setzen die beiden Objekte von Marc Héron. Sie markieren die einzige Stelle im Neubau, wo das sonst eher enge Spektrum um die Sphäre des Surrealen und Unheimlichen erweitert wird.

Der Parcours setzt sich in der Kunsthalle fort, wo Oliver Kielmayer für die Einrichtung verantwortlich war. Mehr Persönliches, Erzählerisches und Anekdotisches steht dort auf der Karte. Aufgefallen sind zwei Werke. Einmal der «Doppelselbstakt» von fructuoso/wipf, die eine alte Gattung ironisch verfremden und die körperliche Nacktheit doch nicht so nackt exponieren. Fabian Stamms Installation «Sons of Jimi» ist eine witzige fotografische Recherche mit Interviews von Leuten in einem marokkanischen Hafenort, die behaupten, vom legendären Gitarristen Jimmy Hendrix gezeugt worden zu sein.

Bild: mad

Für leichte Irritation sorgte der Umstand, dass Konrad Bitterli vier Räume für die Präsentation der Sammlungserwerbungen reservierte, denn diese Intervention geht bedauerlicherweise auf Kosten der Dezemberausstellung. Doch das präzise Raumimplantat von Thea Djordjadze ist einfach grossartig. Genuss bietet die heitere Materialsinnlichkeit von Katinka Bock, Langeweile herrscht dagegen bei den Papierarbeiten von ETH-Kunstprofessorin Karin Sander, die eher an Arbeiten von Studentinnen denken lassen. Neu zu entdecken und von Sammlern als Schenkung versprochen sind schliesslich die Bilder von Burhan Dogancay (1929-2013).

Kunst für das Büro

Zum Ritual der Ausstellung gehört der Besuch der städtischen Kunstkommission, die ihr Füllhorn heuer besonders grosszügig ausschüttete. Für rund 50000 Franken habe man Werke für die städtische Sammlung angekauft, sagte Stadtpräsident Michael Künzle an der Vernissage. Werke von sieben Kunstschaffenden in unterschiedlichen Preissegmenten wurden erworben. Das Kriterium der Bürotauglichkeit scheint hier die Auswahl diktiert zu haben. Nichts provoziert, verstört, erschüttert an den Arbeiten von Georg Aerni, Katharina Henking, Bignia Wehrli, Veronika Martin Mantel und Oliver Krähenbühl. Unter solch einschränkenden Bedingungen hatte weder der Doppelakt von fructuoso/wipf noch der skurrile Jagdsitz von Marc Héron eine Ankaufschance.

Risikofrei, wenn auch sehr teuer war dagegen der Erwerb der Installation von Christoph Eisenring. Und das Doku-Video über Vorbereitungen für SRF-Newssendungen von Miriam Rutherfoord ist so anregend wie die Werbespots in der Hauptpost.

Lieber Himmel statt Hölle

Mehr oder weniger spiegelt die Auswahl im Kleinen den Eindruck des Ganzen, wo brisante gesellschaftliche Themen oder Diskurse nur in Ausnahmefällen, etwa in den Videos, aufgegriffen wurden. Man kapriziert sich lieber auf komplizierte fotografische Prozesse und fotografiert das Entfernteste, den Mond. Darin kommt eine eskapistische Tendenz zum Ausdruck, der man auch in den poetischen Nachhimmelbildern mit UFOs von Ron Temperli begegnet. Darum hätte man sich einen Kontrapunkt in der Form von in Bronze gegossenen Modellen der Verbrennungsanlagen in Nazi-Deutschland gewünscht. Gregor Frehner recherchiert darin den Verdrängungsmechanismus und das Vergessen in eindrücklicher Form. Da schaut man in höllische Abgründe, nicht in den Himmel.

Bis 5.1. Kunstmuseum beim Stadthaus, Museumstrasse 52, und Kunsthalle, Marktgasse 25.

Offene Ateliers
Unter dem Motto «reinschauen» öffnen an diesem Wochenende jeweils von 13 bis 17 Uhr insgesamt 18 Mitglieder der Künstlergruppe Winterthur ihre Ateliers für die Öffentlichkeit und stellen ihre Werke und ihre Arbeitsweise vor. Die Aktion findet im Rahmen der Dezemberausstellung statt. Achtung: Manche Ateliers sind nur an einem von beiden Tagen zu besichtigen.

Adressen und genaue Öffnungszeiten unter: kuenstlergruppe.ch (red)

Erstellt: 06.12.2019, 16:56 Uhr

Auszeichnung

Kunstpreis für Olga Titus

Die 42-jährige Winterthurer Künstlerin Olga Titus wurde anlässlich der Vernissage der Dezemberausstellung mit dem Kunstpreis für ihr Werk «Fountain of Existence» ausgezeichnet. Die Würdigung gilt zwar dieser Videoarbeit, die das aktuelle Thema von Identität umkreist. Der mit 5000 Franken dotierte Preis ehrt letztlich aber auch ihre langjährige Pionierleistung im Bereich Video und Installation. Lange bevor das Medium Mainstream wurde, experimentierte sie schon damit.

Auf spielerische und lustvolle Art beschäftigt sie sich mit kulturellen Differenzen. Auch darin war sie der Zeit voraus, indem sie Diversität auslotete, dies am Beispiel der eigenen Erfahrung mit einem ethnisch gemischten Familienhintergrund, mit einem malaysisch-indischen Vater und einer Schweizer Mutter.

Spezifisch für ihre Haltung im Umgang damit ist, dass sie in ihrem Werk keine Anklage gegen den Kolonialismus formuliert, sondern eher das Exotische und das Europäische mit neugierigen Augen wahrnimmt – als eine spannungsvolle Bereicherung im Sinne der Möglichkeit zum Perspektivenwechsel. Viel an ihrem Werk ist biografischer Natur, gerne packt sie ihre Erfahrungen in die Form von folkloristischen Klischees, exotischen wie helvetischen. Sie setzt ihre Ideen intuitiv in Szenen, Traumbildern und bunten Ornamenten um.

In «Fountain of Existence» verfolgt der Betrachter, wie sich die scheinbar klaren Grenzen von Ich und Du in einen multiperspektivischen Wirbel auflösen. Im Nebel der Imagination verschwinden dann auch Geschlechteridentitäten und fächern sich zu einem farbenprächtigen Kaleidoskop auf. So vermag das Schöne das Konfliktreiche und Spannungsvolle zu transportieren. (am)

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