Winterthur

Alles Unglück kommt von oben

Im «Amt für Todesangelegenheiten» passieren Fehler, aber das ist zum Lachen: Das Theater Winterthur startet mit einer schrillen «Slapstick-Oper» von Klaus von Heydenaber in die Saison. Am Wochenende wurde sie in Luzern uraufgeführt.

Oben wird verwaltet, unten wird gelebt: Die Oper «Im Amt für Todesangelegenheiten» spielt auf einer zweistöckigen Bühne und kommt ohne Text aus.

Oben wird verwaltet, unten wird gelebt: Die Oper «Im Amt für Todesangelegenheiten» spielt auf einer zweistöckigen Bühne und kommt ohne Text aus. Bild: Ingo Höhn

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Vier Tote liegen zu Beginn des zweiten Aktes in der Pathologie. Doch ein Stockwerk höher, im fürs Sterben zuständigen Amt, passiert ein Fehler und die Toten werden wieder lebendig. Die Beamten rotieren, der zornige Chef meldet sich lautstark per Megafon.

Zeitanhalten und Zurückspulen bringen die Lösung, und schon sind wir wieder im unteren Stock der zweistöckigen Bühne, in der U-Bahn-Station, wo ein normaler Alltag beginnt, Leute unterwegs sind, andere in den kleinen Buden ihre Arbeit haben. Dort gibt es einen Kiosk, eine Bar, einen Schuh- und Schlüsselservice, eine Toilette.

Auch der Neustart funktioniert nicht wirklich, es gibt ein ziemliches Durcheinander von Rollen und Schicksalen. Aber Hauptsache, die Sopranistin Diana kommt in ihrem zweiten Leben doch noch zum grossen Arienauftritt, und Hauptsache: «We are alive», mit Swing und Glamour – wenigstens bis zum grossen Donnerkrach.

Dann verebbt der abgründige und aberwitzige Spass, den der Komponist Klaus von Heydenaber, der Librettist Máté Fazekas und das Inszenierungsteam um den ungarischen Kultregisseur Viktor Bodó auf der Bühne veranstalten. Auf dieser zeigt Márton Ágh mit Liebe zum Detail und Sinn fürs Absurde die U-Bahn-Station als einen Ort der prekären Ordnung und des drohenden Chaos, den das Bahn-Management oben in seinem sauberen Glasbüro offensichtlich schlecht verwaltet. Von dort kommt ja schliesslich alles Unglück.

Alle Register der Kunst

«Im Amt für Todesangelegenheiten» feierte am Freitag im Rahmen von Lucerne Festival Premiere. Als Kooperationspartner ist das Theater Winterthur Teil dieser Uraufführung, die auch eine gattungsmässige Innovation ist. Die «Slapstick-Oper» ist ein Musiktheater ohne Text, wenn auch nicht ohne Silben und Wortfetzen, aber geschrieben für Opernstimmen, Schauspieler und Tänzer.

Die Gattungsbezeichnung zielt auf den Stummfilm, und im Graben sitzt denn auch das auf Filmmusik spezialisierte 21st Century Orchestra. Es ist mit allen Wassern gewaschen und findet in Heydenabers Partitur auch den ganzen Katalog von Jazz und Musical, Operndramatik und -burleske. Und eben den Soundtrack von der Slapstick-Motorik bis zur Klang- und Geräusch-Chirurgie der auf die Nerven zielenden Kino-Genres.

Heydenaber, der als Theaterkomponist an grossen Bühnen arbeitet, präsentiert sein erstes abendfüllendes Stück mit der Musik in der tragenden Rolle. Er bedient sich dafür im grossen Shopping-Center der europäischen Musikgeschichte. Vornehmer ausgedrückt, er schreibt polystilistisch, und vom Höreindruck her gesagt: Seine Musik holt uns ab im Vertrauten und zieht uns hinein in einen fantastischen Wirbel musikalischer Maskeraden, unterhaltsam, gekonnt, szenisch effektvoll und witzig. Der Sounddesigner Gábor Keresztes setzt Lacher oben drauf, wenn zu Spitzentönen die Glühbirnen platzen.

Ironie und Innigkeit

Ein Genuss ist, was Orchester, Solisten und Chor unter der energetischen Leitung von William Kelley bewältigen: Da ist der Tenor Robert Maszl als Robert (Namen von Rollen und Darsteller sind identisch), den seine Verzweiflung über den Tod seiner Frau in heldische Höhen und schliesslich in den Selbstmord treibt. Yuyani Mlinde als stoischer Feuerwehrmann lässt lieber seinen schönen Bass strömen, als mit dem Feuerlöscher zu hantieren.

Die Mezzosopranistin Gianna Lunardi beklagt belcantoselig ihr ewiges Liebesunglück, und wenn die russische Sopranistin Diana Schnürpel, die im ersten Akt als Toilettenfrau auf ein sängerisches Karriereglück hofft, nach dem Reset endlich ihre (originale?) russische Arie singen kann, ist es grosse Oper, berührend expressiv und entrückt.

Zu Dianas Auftritt gehört aber auch ein kolossales Kostüm aus Klo-Rollen – Toilettendame und Operndiva verschmelzen zur surrealen Erscheinung, grotesk und sublim zugleich. Der Abend feiert das Musiktheater auf eigene Weise. Es macht sich über die Oper lustig, aber er feiert mit ihr auch das Leben und trotzt mit ihr, die das schon immer tat, dem Tod. Für dessen finstere Machenschaften steht der Chor des Luzerner Theaters: Beamtensturheit und -gleichgültigkeit wird hier in eine imponierend klangvolle, wache und flexible Bühnenpräsenz übersetzt.

Brillantes Spiel

Dem musikalischen Übergewicht zum Trotz ist «Im Amt für Todesangelegenheiten» nicht weniger ein Schauspielabend. Nicht nur, dass das Sängerensemble auch darstellerisch brilliert, mit im Spiel ist auch eine virtuose Schauspieltruppe.

Elegant schlängelt sich der Schlosser Yves Wüthrich durch die Stangen einer Abschrankung; die Umweltaktivistin Sofia Elena Borsani, die zur Rettung des Planeten aufruft und von ihrem Leuchtglobus einen tödlichen Elektroschlag erhält, beweist sich auch als gediegene Sängerin; der Clochard Lukas Darnstädt überbrückt das Blackout im Theater als Conférencier mit einem rhetorischen Feuerwerk, das als Sprecharie den eingesparten Librettotext im Wettlauf mehr als nur ersetzt – ein Witz mehr in diesem Stück, das vor beiläufigen, dicken und auch ein paar dünnen Pointen überbordet, das viel zu hören und zu beobachten gibt, und manchmal auch die Einsicht verweigert.

«Im Amt für Todesangelegenheiten» ist vielleicht kein grosses Werk, aber eine grossartige Spielanlage, offen und eben so unberechenbar und voller Überraschungen, wie die Arbeit in jenem Amt, von dessen fragwürdiger Regie das Stück handelt. Immerhin verwandelt sich das Unglück, das von oben kommt, auf der Bühne in so etwas wie Theaterglück.

Im Amt für Todesangelegenheiten. Donnerstag, 20.9., 19.30 Uhr, Theater Winterthur. Weitere Aufführungen: Sa 22. und Mi 26.9., 19.30 Uhr, So 23.9., 14.30 Uhr. (Der Landbote)

Erstellt: 11.09.2018, 15:31 Uhr

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