Volkstümlicher Schlager

Als ob wir alle Bergler wären

Der Männerchor Heimweh füllt die Säle der Deutschschweiz. Das Konzept setzt auf ein radikal vereinfachtes Heimatbild. Zwei der Sänger waren auf Promotour in Winterthur.

Gruppenbild vor heimischer Scherenschnitt-Kunst. Der Männerchor Heimweh singt und jodelt sich in die Herzen der Schweiz.

Gruppenbild vor heimischer Scherenschnitt-Kunst. Der Männerchor Heimweh singt und jodelt sich in die Herzen der Schweiz. Bild: PD

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Kein Jahr ohne neues Heimweh-Album. Gerade ist Nummer vier erschienen. «Ärdeschön» beginnt mit einer Alpabfahrt. Der Bauer ruft seine Tiere zusammen, dazu hört man Kuhglocken. «Es isch Alpabfahrt bi üs im Tal», singt eine kernige Stimme mit Innerschweizer Dialekt, dann fällt der Chor ein, der Begleit-Sound ist mit viel Hall unterlegt; das eingängige Lied erinnert daran, wie schnell die Zeit vergeht.

Das Album enthält zehn gut gemachte Lieder, sie dauern im Durchschnitt dreieinhalb Minuten, tragen Titel wie «Heicho», «Buurehuus» und «Bärgpüräbuäb» und transportieren, wie alle Schlager, einfache Gefühle – wobei Heimatgefühle eigentlich genau das nicht sind: In Wirklichkeit sind sie zutiefst ambivalent. In einer gewohnten Umgebung lebt es sich bequem, aber reizvoller ist das Unbekannte, vor allem wenn man jung ist. Auch Georg Schlunegger, der 38-jährige Schöpfer des Heimweh-Chors, zog es aus der Bergwelt hinunter ins Mittelland: Er stammt aus Grindelwald und lebt heute mit seiner Familie in Zürich.

Konsequent durchgestylt

Das angeblich echt Schweizerische wird bei Heimweh konzeptuell konsequent durchgezogen, das gilt für die Lieder, die Herkunft der Sänger, die Inszenierung mit Sennentracht, Blumenwiese und Bergen und den Auftritt am Eidgenössischen Schwingerfest.

Immerhin acht der zurzeit elf Sänger stammen aus der Innerschweiz, aus den Kantonen Luzern, Schwyz und Obwalden. Mit der Berner Sängerin Francine Jordi, dem Appenzeller Hackbrettspieler Nicolas Senn, der Jodlerin Daria Occhini und der Schaffhauser Alphornspielerin Lisa Stoll sind zudem vier professionelle Gastmusiker auf dem Album vertreten – der Chor selbst besteht bis auf eine Ausnahme aus Amateuren. An den Konzerten werden die Sänger von einer vierköpfigen Band begleitet.

Volksmusikwelle schwappt über die Schweiz

Im Januar kommt die Formation, die seit August 2016 unterwegs ist, wieder in die Parkarena in Hegi, wo sie bereits im März dieses Jahres aufgetreten ist. Heimweh ist derzeit eines der besten Pferde im Stall der Zürcher Musikproduktionsfirma Hitmill, die auch die Musik von Stress, Eliane und Baschi produziert. Der ehemalige Hip-Hopper Bligg surft dank Hitmill auf der Volksmusikwelle.

Man kann gegen die Firma Vorbehalte haben. Ziel der 1997 von Roman Camenzind gegründeten Firma ist in erster Linie gut produzierte Musik, ausgerichtet auf den Schweizer Unterhaltungsmarkt, dem sie seit Jahren ihren Stempel aufdrückt. Das ist mit Verlusten verbunden. So geschehen mit Pegasus: Die kreative Bieler Band liess sich von Camenzind und Produzent Fred Herrmann ein weichgespültes Sound-Konzept verpassen.

«Heimweh» ist ein Konzeptchor des Produzenten Goerg Schlunegger, der auch die Lieder schreibt. Er hat bereits die Schwiizergoofe und die Frauenband Härz aufgebaut – letztere gemäss Selbstdeklaration auf ihrer Webseite «singende Ehefrauen und Mütter» – und ist unterdessen Miteigentümer der Hitmill.

Ein «gäbiges» Hobby

Auf ihrer Promotour für das neue Album machten Bernhard Betschart und Jens Stössel zwischen Schaffhausen und Buchs SG kürzlich Halt in Winterthur. Stössel ist mit 28 Jahren der Jüngste im Chor, der 42-jährige Betschart der einzige Profimusiker: Er singt und spielt als Gitarrist in verschiedenen Akustik-Bands und gibt Jodelworkshops. Die beiden Tenöre wirken offen und sind redegewandt, und wenn Stössel sagt, dass die Leute in den Konzerten mitsingen, leuchten seine Augen.


«Ich habe es gern normal», sagt Jens Stössel, Informatiker und Sänger bei Heimweh. Bild: PD

Für Stössel ist Heimweh ein Hobby, er arbeitet zu hundert Prozent als Wirtschaftsinformatiker im Aussendienst. Das solle auch so bleiben: «Ich habe es gern normal.» Mit 14 begann er Musik zu machen, spielte als Gitarrist in einer Coverband, die Vorbilder hiessen Status Quo und AC/DC.

Am Heimweh-Projekt gefällt ihm am meisten, dass man zusammen etwas unternimmt: «Dienig» sei das – ein Ausdruck, der etwa dasselbe ausdrücke wie «gäbig», aber noch etwas herzlicher. Er wohnt in Brunnen im Kanton Schwyz.


«Wir hatten zuhause nicht viel. Dafür hatten wir das Jodeln», erzählt Bernhard Betschart, Musiker und Sänger bei Heimweh. Bild: PD

Bernhard Betschart (auf dem Bild sechster von links) schätzt die Kameradschaft ebenfalls. Aufgewachsen in Muotathal SZ, stand er schon mit fünf Jahren mit der Familienband der Betscharts auf der Bühne. Als Kind von Bergbauern habe er zuhause mithelfen müssen und keine Zeit für eine Lehre gehabt, sagte er der «Luzerner Zeitung». Lange arbeitete er im Tiefbau, bis er dann doch noch eine Lehre als Strassenbauer machte.

Jodel statt Hardrock

«Wir hatten zuhause nicht viel», sagt Betschart, «dafür hatten wir das Jodeln.» Eigentlich wäre er gerne Rockmusiker geworden, Metal- und Hardrock-Bands wie Aerosmith, Slayer und Judas Priest waren seine Vorbilder. Nach einer USA-Reise schaffte er tatsächlich die Wende: Er reduzierte sein Pensum, begann zu singen und Gitarre zu spielen; 2013 trat er in der SRF-Sendung «Voice of Switzerland» auf, drei Jahre später war er Teil von Heimweh.

Sehnsucht nach überschaubaren Verhältnissen ist das Konzept und auch die Botschaft von Heimweh. Kein Wunder, dass das Ganze stimmig wirkt, es ist ja auch ein einfaches Konzept. Aber gerade das kann einem Unbehagen bereiten, denn da wird etwas Wesentliches weggelassen: Heimweh ist eigentlich ein kompliziertes, ambivalentes Gefühl, und wen es überfällt, der schämt sich nicht selten dafür. Man möchte es wieder loswerden, denn es hält einen gefangen. Heimweh galt lange als Schweizer Krankheit: Ein Arzt aus dem Elsass prägte den Begriff im 17. Jahrhundert, nachdem er festgestellt hatte, dass Heimweh tödlich sei und nur Schweizer befalle.

Eigentlich ein zwiespältiges Gefühl

Anscheinend wird das Gefühl aber gerade neu entdeckt: Es gilt jetzt als therapeutisch wertvoll, da es die Beziehungsfähigkeit seines Besitzers belege. Mag sein, dass dann das Bekenntnis dazu befreiend ist und verschüttete Kompetenzen ans Tageslicht holt. Heimweh kann aber auch das Gegenteil bewirken, wenn einer so stark davon besetzt ist, dass er sich der realen Welt verschliesst und sich an einen Ort flüchtet, an dem alles zu stimmen scheint.

Es mutet merkwürdig an, dass ein an sich so zwiespältiges Gefühl so erfolgreich vermarkten werden kann. Das geht nur, indem man es radikal vereinfacht. Schluneggers Schweiz gibt es nicht und hat es nie gegeben.

CD: «Ärdeschön» (Hitmill/Phonag). Konzert: 25.01.2020, Parkarena.

Erstellt: 15.09.2019, 17:35 Uhr

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