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An die hundert Silben auf einem Ton

Donizettis «Don Pasquale» gilt nicht nur als die letzte Opera buffa, sondern auch als ihr Höhepunkt. Das Ensemble des Theaters Biel-Solothurn lässt hören, warum.

Bunt-poppiges Dekor für Donizettis Oper "Don Pasquale".
Bunt-poppiges Dekor für Donizettis Oper "Don Pasquale".
Ben Zurbriggen / zvg

Der «Don Pasquale» von Gaetano Donizetti mag alten Komödienschablonen folgen. Doch gibt es keine Nummer, die nicht vor Herz, Geist und Witz überquellen würde. Das führt das Theater Orchester Biel Solothurn (TOBS), das in Winterthur schon mehrfach mit seiner Kompetenz gerade auch für dieses Genre begeistert hat, unter der Leitung von Franco Trinca nun zündend vor. Schon die Ouvertüre ist ein Glanzstück und ein Versprechen, das die Aufführung am Donnerstag in präziser wie temperamentvoller Musikalität einlöste.Es geht um den alten Geizhals, Don Pasquale, dem die späte Heiratslust gründlich ausgetrieben wird. Dottor Malatesta verkuppelt ihn zum Schein mit seiner klosterfrommen Schwester. In Wirklichkeit ist es Norina, die lebenslustige, selbsichere und durchaus auch im konkreten Sinn schlagfertige Geliebte von Pasquales Neffen Ernesto. Nach erfolgter Unterschrift fährt sie die Krallen aus und Pasquale erlebt die wahre Ehehölle – das heimliche Stelldichein mit einem Liebhaber im Garten inklusive.

Halt, oder ich schiesse

Pasquale will sie dort überraschen und triumphiert schon im voraus, und Malatesta stimmt genüsslich in sein euphorisches Geplapper ein. Dabei feuern sie die berühmteste Salve komödiantischer Noten der Opera buffa ab: Ein Wettkampf mit an die hundert Sechzehntelnoten und Silben auf einem Ton. Der Bass Leonardo Galeazzi (Pasquale) und der Bariton Francesco Salvadori (Malatesta), die für ihre Rollen mimisch und musikalisch mit allen Wassern gewaschen sind, lassen sich nicht zweimal bitten, auch wenn Trincas Tempovorgabe das Menschenmögliche fast übersteigt. Dass Pasquale den Maestro mit der Pistole zu einer Fermate zwingt, ist ein hübscher Einfall der Inszenierung, die diese Szene vor dem geschlossenen Vorhang spielen lässt.

Wenn sich der Vorhang wieder öffnet, könnte der Kontrast nicht grösser sein. «Com’è gentil», die berühmte melodisch ätherische Serenade des Tenors, erklingt. Antonio Figueroa gab ihr trotz Erkältung das bezaubernde Flair. An die Libretto-Vorgabe hält sich die Inszenierung freilich nicht: Gedacht als Gesang aus dem Off, der den nächtlichen Park musikalisch stimmungsvoll lluminiert, bringt sie ihn im bunt-poppigen Bilderbuch-Dekor auf die Bühne. Und wiederum im Karton-Schiffchen sitzend, erscheint er dann gleich nochmals für das ebenso ätherische Notturno mit Norina. Anne-Florence Marbot, die Pasquale auch mit rabiaten Koloraturen drangsaliert, lässt hier ihren schlanken Sopran im romantischen Flair der Terzen- und Sextensüsse blühen.

An «Une soirée au carneval» könnte man denken, wäre das Dekor so atmosphärisch wie Henri Rousseaus wundersames Bild mit Bäumen vor dunkelblauem Nachthimmel und Vollmond. Denn Ernesto steckt im Kostüm des Pierrot, Norina ist Colombina. Der Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner Pierre-Emmanuel Rousseau knüpft bei der Commedia dell’ arte an. Das gibt seiner Inszenierung eine eigene Prägnanz, bringt die Opera buffa aber um das, was im Programmheft die von Donizietti gewünschte «Konkretheit einer Gesellschaftskomödie» genannt wird.

Arlecchino triumphiert

Im Rückbezug zur Commedia dell’ arte konsequent und clever ist die Ergänzung des Personals um den Arlecchino im klassischen Karo-Kostüm, der dann in Verkleidung gleich auch als Notar auftritt (Mkhanyiseli Mlombi). Bemüht wirken die Ticks, mit denen Pantalone-Pasquale und der Pierrot-Ernesto ausgestattet sind, und weit vom Urbild der Colombina entfernt macht die rote Corsage die kokette Norina zur Kokotte. Mit der Sommernachtstraum-Liebe zu Ernesto ist es denn auch nicht weit her, mit Malatesta verbindet sie eine zynische Intrige, und theaterhistorisch gehört Colombina ja auch zu Arlecchino. Mit ihm verschwindet sie am Ende – wenigstens bis zum freundlich langen Schlussapplaus, der auf der Bühne alle vereint.

Theater Winterthur, Freitag, Samstag und Dienstag, jeweils 19.30 Uhr.

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