Kunst

«An Provokation dachte ich gar nicht»

Die 49-jährige Winterthurer Künstlerin Theres Liechti provoziert mit mehrdeutigen Objekten. Nun erhält sie den Carl-Heinrich-Ernst-Kunstpreis. Eine schöne Überraschung.

Intuition statt Konzept: Die Künstlerin Theres Liechti in ihrem Atelier mit «Sexbombe» und «Prinzessinnentraum», beide aus dem Jahr 2000.

Intuition statt Konzept: Die Künstlerin Theres Liechti in ihrem Atelier mit «Sexbombe» und «Prinzessinnentraum», beide aus dem Jahr 2000. Bild: Marc Dahinden

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Endlich, aber für lokale Verhältnisse eher überraschend geht der Kunstpreis der Carl-Heinrich-Ernst-Kunststiftung an die seit 1990 in Winterthur lebende Multimediakünstlerin Theres Liechti. Sie wird nächstes Jahr 50 Jahre alt, lebt mit Mann, Sohn und Hund in Veltheim und arbeitet in einem grosszügigen Atelier in der ehemaligen Remise der Villa Bühl am Hang des Heiligbergs. Der Preis ist die verdiente Weihe für ein provozierendes und irritierendes Werk, das weder die Künstlerin selbst noch den Betrachter oder die Betrachterin schont. Und das niemand wirklich ganz durchschaut. In den ersten zehn Jahren erkundete Liechti jene Körperzonen und -teile, die mit moralischen Tabus und Verboten belegt sind. Darin ist avantgardistischer Geist spürbar, der sich immer als eine emanzipatorische Kraft versteht, als ein Versuch, den Menschen aus dem Gefängnis seiner gesellschaftlich bedingten Zwänge zu befreien. Eine Form der Enttabuisierung also? Sicher war es keine bewusste Entscheidung, eher ein intuitives Machen ohne didaktische Intentionen, kommentiert Liechti diese Werk­phase. Sie fühlt sich zwar als Feministin, sieht ihre Arbeiten aber keiner der vielen feministischen Debatten zugeordnet.

Heftige Reaktionen

Aufgewachsen in einer körperlich eher freien Familienatmosphäre in Bülach, empfindet Liechti ihr Interesse am eigenen Körper als Ausdruck einer natürlichen Neugierde. «Es hat mich anfänglich sehr erstaunt, was für Reaktionen meine Arbeiten ausgelöst haben», sagt Liechti rückblickend. Was als provokativ erlebt wurde – die Brüste, Vagina-Abgüsse, die Tampons, alle aus Latex und anderen Materialien, zudem zuckerig wie kandierte Früchte wirkend (1997), vorher schon die «Geburtsinszenierung» (1994) in einer Polaroidserie –, all das entstand aus einem eigentlich unschuldigen Empfinden heraus. So als hauste die Künstlerin noch immer im Paradies. «An Provokation dachte ich gar nicht», betont Liechti.

In der Winterthurer Kunst­szene war sie damals ziemlich isoliert, wenn nicht gar stigmatisiert, wie einst die gerade international neu entdeckte Heidi Bucher (1926–1993). Schlicht übersehen wurden Liechtis wichtige Beiträge zur Weiterentwicklung der «Body-Art».

Mehr noch: Im kleinstädtischen Milieu Winterthurs wird einem für körperbetonte Aktionen subtil der Sauerstoff entzogen – oder man wird (beinahe) gelyncht. «Als ich 2001 meine Aquarellserie ‹Schmetterlinge› – gespreizte Beine – in der Unjurierten in der Eulachhalle als Installation zeigte, wagte ich mich nicht mehr in meine Koje, so aggressiv reagierten Ausstellende und Besucher», erinnert sich Liechti. Und das von ihr entworfene Gönnergeschenk der Künstlergruppe, ein Strumpfobjekt mit sexueller Anspielung, sorgte intern für Aufruhr.

In der Puppenstube

Mit der Veränderung der persönlichen Verhältnisse, Heirat und Geburt des Sohnes, wandelte sich auch das Werk. Das Interesse an der körperlichen Unmittelbarkeit und Direktheit verschob sich thematisch in Richtung «Häuslichkeit» und formal hin zum Medium Film. Damit taucht auch der Betrachter in eine andere Welt, die ihn in die Kindheit mit der Puppenstube, den Spiel- und Märchenfiguren sowie den Puppen zurücksinken lässt.

Die Miniaturisierung des Realen und die Beschränkung auf eine hauptsächlich weibliche Besetzung erzeugen in den Endlosschlaufen indes eine Stimmung, die zwischen Biedermeier-Heim, abgründigem Horror und versteckter Verklemmtheit wechselt. Wie im Märchen kippt bei der «Schweinemagd» (2011) das Idyllische ins Grausame, wenn ein blondes Mädchen mit Zopf wie eine Dompteuse eine Herde von Schweinen in einen Sodbrunnen springen lässt. In «Torera» (2016) erniedrigt eine grazile Frau einen mächtigen Stier, indem sie das Monsterviech elegant um sich kreisen lässt. Und die rot berockte Puppe, die mit einem plötzlichen Luftsprung ihren Unterkörper entblösst, verliert innerhalb eines Sekundenbruchteils ihre Unschuld («Besame mucho», 2008).

Doppelbödiges Spielen

Wiederum ist es assoziative Intuition und kein feministisches Konzept, das Liechti ihre Geschichten finden lässt. «Ich wähle eine Figur aus meiner Sammlung aus, halte sie in meinen Händen, betrachte sie und beginne zu spielen, wie eben Kinder auch spielen», beschreibt sie ihr Vorgehen. Am schwierigsten sei die Reduktion auf eine Mikrogeste wie bei der Puppe mit den blinzelnden Augen (2010).

Das Paradoxe an diesen Spielen ist indes, dass nichts mehr unschuldig und harmlos ist. Die Provokation tarnt sich als Witz in einer unterhaltsamen Geschichte. Erst der zweite Blick offenbart die Doppelbödigkeit und lässt einen schaudern über das Grausame hinter der Fassade des Normalen.

«An meiner Filmproduktion interessiert mich das Handwerkliche und Einfache. Requisiten beispielsweise bastle ich selbst. Ich baue ein Setting, platziere die Figur, fotografiere, verschiebe die Figur ein bisschen, fotografiere wieder und so fort. Die Bildfolge füge ich dann am Computer zusammen, zuerst in einem Testfilm. Da merke ich rasch, ob die Geschichte auch filmisch funktioniert», erläutert Liechti den Arbeitsprozess. «Ich mag meine Figürchen und Puppen und vertraue ihnen.»

Sie sagt das, als würde sie sich mit ihnen identifizieren. Ihr Atelier ist nicht nur ein kleines Filmstudio; auf Ablagen und Gestellen sitzt das «Filmpersonal» schön ordentlich, auch die Requisiten entdeckt man, und so wähnt sich der Besucher in einer grossen Puppenstube. «Ich schätze den ‹Lowtech›-Charakter meiner Arbeiten», sagt die Autodidaktin und diplomierte Lehrerin für Gestaltung. So erinnert ihr jüngster Film «Superwoman», eine verspielte Umkehrung von «Superman», in seiner Machart an frühe Monty-Python-Ruckelstreifen.

Hommage an Man Rey

Den meisten Arbeiten konnte man in einem für Liechti typischen installativen Kontext begegnen, etwa 2011 an der Skulpturen-Biennale Weiertal, 2012 im Kunstkasten, 2014 in der Kunsthalle und 2016 in der Villa Flora. Dort erschien im Video «Rey sitzt» ihr Chihuahua in einer Hauptrolle. Sie mag Hunde, und der Film ist vielleicht eine versteckte Hommage an ihren ersten Chihuahua.

Schon vorher hatte sie die Vierbeiner als Motiv in Zeichnungen und Aquarelle aufgenommen. «Die Hundebilder verkaufen sich am besten», konstatiert Liechti. Vielleicht liege es an der Kugelschreibertechnik, mutmasst sie. Doch von diesen Verkäufen kann sie nicht leben.

Wie die meisten Kunstschaffenden muss auch sie verschiedene Nebenjobs ausüben, um sich finanziell über Wasser zu halten. Denn Zeichnungen mit intimen Spuren des weiblichen Zyklus sind in der kleinen Grossstadt kein Renner. In der Londoner Szene wäre dieses Segment bestimmt eine andere Geschichte.

Carl-Heinrich-Ernst-Kunstpreis: Dienstag, 17.30 bis 20 Uhr, Kunstmuseum Winterthur. Die Feier ist öffentlich; Eintritt frei. (Der Landbote)

Erstellt: 05.11.2017, 17:49 Uhr

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