Figurentheater

Angst vorm Einschlafen, Angst vorm Tod

«Der Morgen kann warten» ist eine poetische und rastlose Reise durch die Nacht.

Realität und Traum, Bühne und Schattenspiel mischen sich.

Realität und Traum, Bühne und Schattenspiel mischen sich. Bild: Jörg Metzner

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Bumm, die Tür knallt zu. Schwester Edith ist wütend, als sie erfährt, dass ihre Ablösung ausgefallen ist. Sie ist schon seit 7 Uhr auf den Beinen und jetzt ist es kurz vor 21 Uhr: Zeit für die Nachtruhe im «Haus zur untergehenden Sonne». Genervt schickt Edith die Bewohner des Altersheims per Lautsprecherdurchsage ins Bett, löscht per Knopfdruck das Licht. Doch wer schlurft da mit wirrem Haar im schlabberigen Morgenrock zum Kühlschrank und brabbelt von Wald, Moos und Pilzen? Herr Petermann! Edith kennt den Schlaf-Verweigerer: «Die Seele wird den Körper verlassen, sobald ich die Augen zumache», ist er überzeugt. «Wird sie nicht», sagt sie resolut und schickt ihn zu Bett. Wenig später steht er wieder da...

«Die Seele wird den Körper verlassen, sobald ich die Augen zumache»Herr Petermann, der Schlaf-Verweigerer

So geht das hin und her, Realität und Traum, Bühne und Schattenspiel beginnen sich zu vermischen. Proportionen geraten durcheinander und zusehends auch die Wahrnehmung der übernächtigten Edith: Die beiden verwandeln sich in ihre eigenen Schatten. Ein kleiner Petermann hebt mit seinem Bett ab zur abenteuerlichen Reise, Edith wird vom Boden verschlungen und taucht als grosser Mond im Schattenspiel wieder auf, um ihn zu begleiten: Storms «Kleiner Häwelmann» für Erwachsene (die Kinderversion wird am Nachmittag gezeigt).

Zum Heulen schön

Mit quasi göttlichem Finger richtet Edith als Mond einen von Petermann umgefahrenen Strassenkandelaber wieder auf, flickt sein Gefährt – und beruhigt ihn, wenn er Angst hat. Denn aus dem Nebel tauchen Erinnerungen auf: Ans Schlittschuhlaufen, an Gesine, an seinen Hund Filou. «Ich bin das letzte, was Du siehst: Du gehst», sagt dieser und tröstet ihn. «Du triffst Bekannte dort.» Gemeinsam heulen sie den Mond an. Als die reale Schwester Edith mit Schrecken aus diesem Nachtmahr erwacht, ist es Viertel nach Neun. Petermann ist hier geblieben.

Nach der Vorstellung lassen Susanne Claus und Peter Müller vom Theater Handgemenge aus Ballwitz D das Publikum hinter die Kulissen blicken, wo ihre Schattenwelt entsteht: Da gibt eine Petermann-Puppe, verschieden grosse Betten (für nah und fern) sowie andere Requisiten, die Schatten werfen. Und ganz weit oben, am Himmel, hängen die Bäume, an denen Petermann soeben noch mit seinem Bett vorbei geflitzt ist – pure Magie.

Erstellt: 27.10.2019, 16:08 Uhr

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