Winterthur

Ankündigung einer Revolution

Die Galerie knoerle & baettig bietet sieben Künstlern eine Plattform für politische Kunst. Man will nicht nur seismografisch die gesellschaftlichen Erschütterungen registrieren. Der Künstler soll ein politisch Handelnder sein.

«Schlaf der Gerechten»:  Der verdrehte Laternenpfosten von Pascal Kohtz scheint die Fotoreportage «Mitte des Volkes» von Fabian Biasio zu kommentieren.

«Schlaf der Gerechten»: Der verdrehte Laternenpfosten von Pascal Kohtz scheint die Fotoreportage «Mitte des Volkes» von Fabian Biasio zu kommentieren. Bild: Marc Dahinden

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Vieles ist in Bewegung, und in der Kunst reagiert eine wachsende Zahl von Kunstschaffenden auf die Verschiebungen, Verwerfungen und Veränderungen, die globale Prozesse bewirken. Indem sie nicht nur darüber nachdenken, sondern auch politisch inspirierte Kunstwerke schaffen. Die propagieren zwar kaum mehr utopische Rezepte, denn auch in der Kunst kann man nur schwer noch hinter die Erfahrung des Scheiterns gesellschaftlicher Utopien zurückfallen.Und dennoch: eine erneute Lektüre von Marx ist bereits wieder salonfähig angesichts der gesteigerten Sensibilität für die Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten in der Welt. Die daraus resultierenden Konflikte und Spannungen sind leicht zu erklären, schwierig zu rechtfertigen und oftmals noch schwerer zu ertragen. Wut ist die Reaktion.

Zufällig, aber sehr authentisch manifestiert sich diese bereits in der Nähe zur Ausstellung «Questioning Democracy» in der vom Abbruch bedrohten Galerie knoerle & baettig auf dem Sulzer-Areal, wo die neue «Lokstadt» entsteht. Gegenüber dem Galerieeingang hat jemand auf der sonst (noch) weissen Bauabschrankung seinen Protest gegen Abbruch und Kapitalismus hinterlassen.

Das «Kommunistische Manifest» auf der Leinwand

Dieses Zeichen von ohnmächtigem Frust ist nicht die einzige Ironie. Die Galeristinnen Merly Knörle und Anita Bättig leisten sich einen besonderen Luxus in ihrem Galeriedomizil, der Halle 1005. Sonst als die einzigen hiesigen professionellen Kunsthändlerinnen im kommerziellen Sektor engagiert, ermöglichen die beiden Frauen ein antithetisches Projekt zum Kapitalismus und zu seinen politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen, nicht zuletzt auf die Demokratie.

Sieben ausschliesslich männliche Kunstschaffende regionaler und internationaler Prominenz agieren auf Einladung in ihrem Ausstellungsraum an der Jägerstrasse 50. Wo sonst Messekunst hängt, wird nun eine sanft revolutionäre Atmosphäre evoziert, die für ältere Verbürgerlichte nostalgisch wirkt, für jüngere Kunstschaffende und ihre Anhänger aber einen Aufbruch signalisiert.

Da erklingt beim Zürcher Habib Asal vom Plattenspieler das aufrührerische Pathos des durch Erwin Schulhoff 1932 vertonten «Kommunistischen Manifestes». Auszüge davon hat Asal in schwarzer Farbe auf eine grosse weisse Leinwand gepinselt, so schön und souverän, als handelte es sich um die Gesetzestafeln von Moses. Eine leere Leinwand wartet auf die Kommentare der Besucher.

Der Schamane Erwin Schatzmann wiederum verheddert sich wunderbar klarsichtig in den Widersprüchlichkeiten seiner elitären Rolle als Künstler in einer demokratischen Gesellschaft. Den langen Text, den kaum jemand lesen wird, hat er als Serie von schwarzgerahmten Blättern aufgehängt. An der Vernissage verteilte der sonst bildmächtige Visionär ein Pamphlet mit einer Kurzfassung.

WitzigeBodenskulptur

Nicht mehr in der Ausstellung präsent ist die «demokratische Aktion» des Zürchers San Keller. Sie verlebendigte am Freitagabend, was Merly Knörle mit Asal, Fabian Biasio und Schatzmann diskutierte: die Frage, wie künstlerischer und politischer Anspruch miteinander verbunden werden können.

Die treffendste Antwort liefert der Winterthurer Künstler Pascal Kohtz in seinem so elegant verdrehten, liegenden Laternenpfosten. Dessen Lampe hat er liebevoll auf ein weisses Kissen gebettet. Sein anspielungsreicher Einfall mit dem Titel «Schlaf der Gerechten» wird formal und inhaltlich hohen Ansprüchen gerecht, zudem hat er Witz und Humor. Wann endlich wird Kohtz der Förderpreis der Stadt Winterthur zugesprochen, fragt man sich schon lange.

Der Star der Ausstellung, der österreichische Künstler Oliver Ressler, verfehlt hingegen mit seiner interessanten Videodokumentation «What is Democracy» (2009) die postulierte Verbindung von Kunstform und politischem Inhalt. Was weiter nicht stört, weil die gescheiten gesellschaftspolitischen Analysen aus 15 internationalen Brennpunkten durchaus hörenswert sind.

Nicht ins Herz der Finsternis wagt sich der Luzerner Kunstfotograf Fabian Biasio mit seiner Fotoreportage «Mitte des Volkes», bei der es sich immerhin um eine «Expedition ins Innere der SVP» handelt. Dort phantasiert man eher von einer konservativen Revolution, die das Rad der Zeit zurückdreht.

Auch Raffael Grassi schaut in seiner Installation zurück: auf Pablo Picassos Antikriegsbild «Guernica» (1937). Diese Ikone wird via Projektor auf eine rotierende Discokugel projiziert und in vielfach gebrochener Form auf einer Wand reflektiert. Begleitet wird die visuelle Friedensmission von einem ursprünglich polnischen Revolutionsgesang.

Zurück in die Toilette

An der Vernissage zitierte die aus Kuba stammende Merly Knörle die international bekannte kubanische Performance-Künstlerin Tania Bruguera mit einem Appell, der nichts weniger als eine kopernikanische Kunstwende verspricht: «Wir müssen Duchamps Urinal zurück in die Toilette bringen – wo es wieder von Nutzen sein kann.»

Nach diesem programmatischen Aufruf kann «Questioning Democracy» kaum die Abschiedsvorstellung von knoerle & baettig sein. Schliesslich ist die Revolution erst angekündigt worden. Bis Januar 2018 müssen die Galeristinnen freilich die Halle 1005 auf dem Sulzer-Areal räumen. Ob und wo es weitergeht, ist noch offen.


knoerle & baettig, Jägerstrasse 50. Bis 11.11. Do–Fr 12 bis 18 Uhr, Sa 12 bis 16 Uhr. ()

Erstellt: 29.09.2017, 15:36 Uhr

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