Winterthur

Auftakt zur musikalischen Flugreise

Vor der Asienreise spielte das Musikkollegium sein «Flugprogramm» im Stadthaussaal. Dieser hob ab beim Spiel des Klarinettisten Sérgio Pires und mit Musik von Beethoven unter der energetischen Leitung von Roberto González Monjas.

Klarinettist Sérgio Pires und Konzertmeister Roberto Gonzalez.

Klarinettist Sérgio Pires und Konzertmeister Roberto Gonzalez. Bild: Herbert Büttiker

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Beethovens Ouvertüre zum Trauerspiel «Coriolan», die den Abend im Musikkollegium eröffnete, ist ein düsteres, ja grimmiges Stück. Die ersten Takte mit den langgezogenen Unisono der Streicher, den Tutti-Schlägen und den Pausen künden elektrisierend von schwerer Dramatik.

Dass sie sogleich in Bann schlagen, ist aber eine Sache der Präzision und Energie in der Verbindung der ungleichen Elemente, die der Dirigent zu steuern hat. Der Dirigent?

Eine hoch attraktive Marke mit eigenem Gesicht

Wie dem Konzertmeister Roberto González vom ersten Geigenpult aus und dem Orchester diesen Anfang gelang, grenzte an Magie. Und diese, um es weniger emphatisch zu benennen, erprobte und im Moment sich gestaltende Einheit von Primus am Pult und dem vierzigköpfigen Kollektiv, prägte den Abend bis zum letzten Takt.

Von aussen betrachtet, heisst das, dass das Musikkollegium in dieser Konstellation eine hoch attraktive Marke mit eigenem Gesicht ist. Der volle Saal zeigt, dass sich dies auch herumgesprochen hat und kein Zweifel: Sie kann sich sehen un hören lassen in der Welt. Die Tournee mit drei Konzerten in Südkorea und Japan wird die Aussage überprüfen lassen.

Denn die Reise geht in die Zentren der im Fernen Osten boomenden Klassik. Daegu, mit fast drei Millionen Einwohnern, gilt als asiatischer Hotspot der Oper und es besitzt ein Sinfonie-Orchester, das sich auch schon nach Wien und Berlin erfolgreich präsentierte.

World Orchestra

Der Auftritt in der koreanischen Universitäts- und Industriermetropole findet im Rahmen einer «World Orchestra Serie» statt. In den Tagen davon gastieren etwa die Sinfonietta Krakovia und das Moskau Philharmonic Orchestra, eine Woche später die Wiener Philharmoniker. International top ausgerichtet ist der Konzertbetrieb selbstverständlich auch in Tokio und Osaka.

Das Musikkollegium hat mit Sérgio Pires seinen eigenen hochkarätigen Solo-Klarinettisten. 

Im Falle des Winterthurer Gastspiels rückt der Solist des Programms in den Fokus, Andreas Ottensamer, Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker und CD-Star bei Sony. Als Aritst in Resonance der Saison 2015/16 ist er mit dem Musikkollegium vertraut. Gespielt hat er am Mittwoch freilich nicht, denn die Berliner, die gerade auf Tournee ebenfalls in Südkorea und Japan unterwegs sind, brauchen ihn.

Macht nichts, das Musikkollegium hat mit Sérgio Pires seinen eigenen hochkarätigen Solo-Klarinettisten. Dass er zweifellos auch einen reisenden Virtuosen abgeben würde, ahnte man schon bei vielen Orchestereinsätzen und bestätigte sich jetzt in gleich drei Stücken, die Charakter und Geschichte seines Instruments beleuchteten.

Mit dem Klarinettenkonzert in B-Dur von Johann Stamitz, betrat es um die Mitte des 18. Jahrhunderts die Virtuosenbühne, Franz Danzis Fantasie über «Là ci darem la mano» aus «Don Giovanni» erinnerte daran, dass Mozart der Klarinette als Lieblingsinstrument schönste Musik schenkte, und Carl Maria von Webers bekanntes Concertino eröffnete ihm die romantische Dimension.

Klarinettenzauber

In der ganzen Palette schien das Laufwerk über weite Skalen verbunden mit grössten Intervallsprüngen das Hauptmerkmal zu sein, und Pires liess es perlen, mit scheinbarer Leichtigkeit, langem Atem und über alle sozusagen fliegerische Akrobatik der schnellen Noten hinweg mit klarem, rundem und warmem Ton.

Dann begeisterten auch vieles mehr, die Beseeltheit des langsamen Satzes bei Stamitz, die schmeichlerische Melodik bei Danzi und bei Weber die Färbung ins Unheimliche in der dritten Variation, der Jubel der letzten.

Beethovens 4. Sinfonie spielt ein wenig die kleine Schwester zwischen «Eroica» und der als Schicksalssinfonie apostrophierten Fünften. Aber gerade dass sie unabhängig von Zuschreibungen so frei schaltet und waltet, macht sie auch besonders attraktiv.

Unbändige Energie, Liebenswürdigkeit, Geistesgegenwart voller Überraschungen zeichnet sie aus, und all dies stellte die Aufführung auch ins helle Licht eines einzigen Höhenflugs.

Um so mehr fand man es danach schade, dass nicht diese relative unbekannte Schöne mit nach Asien reist, sondern die berühmte Nr. 7 – aber die «Apotheose des Tanzes» ist zweifellos auch ein Werk wie geschaffen für die Flugreise des Musikkollegiums.

(Der Landbote)

Erstellt: 23.11.2017, 16:49 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!